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Die jämmerliche Angst vor der Benutzung des Kopfes zum Denken

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    Auf etwas sehr Einleuchtendes machte am Dienstag, 21. November, Ronja von Rönne in ihrem „Zeit“-Kommentar „Gegen Gefühle“ aufmerksam: Wie sehr sich Politik verändert hat in den letzten Jahren – weg von einem relativ rationalen Gefecht der Argumente, hin zu reinen Kissenschlachten der Gefühle. Man mault, jammert, lamentiert so vor sich hin und tut so, als sei das ein sachdienlicher Beitrag zur Problemlösung. Die Jammerlappen sitzen ja jetzt auch im Bundestag.

    Mit Labradorkrawatten, wie die Autorin schreibt. Die das Phänomen nicht nur bei den Gefühlshelden der Politik ausmacht, sondern auch im Internet und anderswo. Wo alles gleichwertig neben dem anderen steht: Klare, belegbare Argumente neben Empörungswellen, Betroffenheitslyrik, purem Bauchgefühl und Wohlfühlblasen. Über Gefühle kann man nicht streiten, stellt sie fest. Eigentlich etwas ganz Selbstverständliches. Was ja normalerweise dazu zwingt, sich rational mit den emotionalen Themen auseinanderzusetzen.

    Aber es ist ja nicht nur „das Internet“, das sich als großer Gefühls- und Empörungsverstärker erweist. Mit diesen Gefühlen machen ja auch TV- und Radio-Sender und etliche Druckerzeugnisse Auflage. Mit Gefühlen sorgen sie für Aufmerksamkeit. Das ist wie mit schreienden Kindern in der Straßenbahn: Man kann nicht weghören, man ist ganz Ohr – und entweder voller Mitgefühl und Tatendrang, helfen zu wollen. Oder empört und voller Zorn auf die Eltern, die dem Kind nicht helfen oder falsch mit ihm umgehen.

    „Früher hatte man Gefühle bitte schön in den eigenen vier Wänden, mittlerweile sind sie zum Richter moralischer und ästhetischer Urteile avanciert“, schreibt Ronja von Rönne. Denn rationale Argumente sind ja anstrengend. Sie müssen erst mal begriffen werden, einsortiert und gewichtet. Man kann sie nicht einfach umschubsen nach dem Motto: Ist gar nicht so …

    Passiert trotzdem. Das ist ja der Effekt, den Ronja von Rönne beschreibt. Ganze Parteien machen Wahlkampf damit, dass sie die Frustration ihrer Wähler einfach für berechtigt erklären. Und dann – ganz kurz – hopphopp: Wir haben die Lösung. All das Ärgerliche muss weg. Merkel muss weg. Europa muss weg. Die Grünen müssen weg. Die Ausländer müssen weg, die Homosexuellen müssen weg.

    Denn: Wir sind beleidigt.

    Wir sind zutiefst verletzt. Zu Recht stellt von Rönne fest, dass das genau die Masche ist, mit der die mit Argumenten eher schlecht bewaffneten Rechtsausleger derzeit Politik machen und sich in die Parlamente quengeln. Alles, was passiert, empfinden sie als Verletzung ihrer eh schon mitgenommenen Gefühle. Sie halten Gegenrede und Kritik nicht aus. Das ist dann immer gleich: Hexenjagd, Zensur und Beschneidung von Meinungsfreiheit.

    ***

    Was mich daran erinnert, dass ich über das Thema schon vor geraumer Zeit geschrieben habe, nämlich in der Besprechung zu Jürgen Großes Buch „Der gekränkte Mensch“, drei Teile, besprochen 2013, 2014 und 2015 (Links unterm Text.).

    „Denn wenn das So-Sein alles ist, was Ziel und Sinn einer Gesellschaft ausmacht, dann gehört die Verletzung, die Beschämung, die Kränkung des Menschen als Grundlage dauerhaft dazu“, schrieb ich damals. „Und ein Paradoxon wird sichtbar. Denn all die Leute, die da zum Teil in aller Öffentlichkeit über andere, aus ihrer Perspektive schwächere (heißt: nicht angepasste) Menschen herziehen, tun das ja nicht aus der Position einer gelebten Fülle. Sie sind selbst gekränkte Menschen. Ohne den (bewussten) Verzicht auf einen wesentlichen Teil ihres Mensch-Seins hätten sie die Position nie erlangt, an der sie stehen. Manche halten das für einen selbstverständlichen Preis.“

    Das trifft augenscheinlich die Vertreter dieser seltsam emotional agierenden, aber zu wirklich vielen Emotionen nicht fähigen Raubeine von rechts komplett zu. Sie finden mit ihrem ewigen Beleidigtsein Resonanz in all jenen Teilen der Gesellschaft, wo die ebenso Frustrierten zu Hause sind. Und das sind gar nicht mal vorrangig die Arbeitslosen und Armen, sondern all die Angepassten, die fest davon überzeugt sind, dass ihre Anpassung belohnt werden muss, dass ihnen ihr Angepasstsein sogar Vorrechte gibt. Zum Beispiel das Vorrecht, permanent gekränkt zu sein.

    Was mich seinerzeit beschäftigte, als ich die drei Teile von Jürgen Großes metaphysischen Miniaturen über den gekränkten Menschen besprach. Unsere moderne Medienwelt hat den gekränkten Menschen ja geradezu zum legitimen Vertreter der Gegenwart gemacht. Allüberall wird er in seinem Gekränktsein gehätschelt und hofiert. Seine politischen Spitzenkräfte kommen aus der Rolle der beleidigten Leberwurst schon gar nicht mehr heraus. Alles scheint sich gegen sie verschworen zu haben. Ihr ganzes Muss-man-ja-mal-sagen-dürfen-Gejammer scheint bedroht, wenn auch nur ein kleiner Student daherkommt und dem großen Professor ins Gesicht sagt, dass er sich unverschämt benommen hat.

    Das ist wie bei Stan und Olli, wenn Olli nur ein bisschen grimmig guckt: Sofort verzieht Stan das Gesicht und fängt an zu flennen.

    Alles ist sofortige Emotion und Frustration. Als hätten diese Leute einfach mal beschlossen, auf jede rationale Überlegung zu verzichten. Funktioniert ja auch so. Die Wähler rennen ihnen hinterher, weil ihre Emotion dieselbe ist. Und damit verliert Politik, die nun einmal auf ein rationales und kontrolliertes Gespräch mit Respekt voreinander hinausläuft, jede Grundlage. Die Grünen müssen nur sagen, dass ein Kohleausstieg vernünftig ist, schon holen die grauen Herren ihre Schnupftücher raus und fangen an zu flennen: „Diese bösen Grünen!“

    Man kommt sich nicht mal vor wie im Kindergarten, sondern wie in der Krabbelgruppe. Wenn ein Kind anfängt zu plärren, fangen auch alle anderen an.

    Und Ronja von Rönne erinnert so ganz beiläufig daran, dass linke Politik vor allem deshalb so unter Beschuss steht, weil sie so schrecklich rational ist. Weil diese Leute immer wieder mit Argumenten kommen und begründen, warum sie etwas für richtig halten.

    „Aber das verletzt doch meine Gefühle“, jammern die alten Krawattenträger. Und ihr Geheul übertönt alles. Sie wollen mit den Problemen der Welt nicht konfrontiert werden. Sie fühlen sich davon nur bedrängt und unter Druck gebracht, genötigt und gestört. Weg damit. Alles weg!

    „Man kann als Linker übrigens auch aus ganz pragmatischen Gründen gegen die reine Gefühlspolitik sein: weil aktuell nur die rechten Parteien von diesem zweifelhaften Kurs profitieren“, schreibt Ronja von Rönne. „Einst war der Verstand, nicht die Gefühlsäußerung, das erstrebenswerte Ziel. Die Ratio, nicht der Impuls, schaffte es, alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Diese Zeit hieß Aufklärung.“

    Und man ahnt, warum diese gefühlsduseligen alten Herren so auf die Aufklärung schimpfen. Die ist nämlich anstrengend in ihrer Forderung, die Immanuel Kant so schön auf den Punkt gebracht hat: Hör auf zu flennen, benutze deinen Kopf und tu nicht immer so, als wären die Anderen an allem Schuld!

    Hat er zwar etwas anders formuliert, weil er noch davon ausging, die Leute würden auch etwas kompliziertere Sätze verstehen. Aber er hat es genau so gemeint.

    Schnupftuch gefällig?

    Die Serie „Nachdenken über …“

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    1 KOMMENTAR

    1. Grandios. Mein Kopfkino wird mir jetzt bei jeder CDU/CSU/AfD-Versammlung einen Haufen plärrender Riesenbabys in Windeln und eine genervte Kindergarten-Mutti-Merkel vorspielen. Herrlich.^^
      (Aber passt wie die Faust aufs Auge. Leider)

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