„Auch nur ein Mensch“

Gastmanns Kolumne: Goodbye, Stani

Für alle LeserGestern gab Stanislaw Tillich in großen Lettern auf dem LVZ-Titel bekannt: „Ich bin auch nur ein Mensch“. Ich finde, da dürfen wir nicht wegsehen. Abgesehen davon, dass ich mit diesem Gemeinplatz, „auch nur ein Mensch“ zu sein, wann immer er von wem auch immer geäußert wird, meine Schwierigkeiten habe, weil mich dieses „nur“ stört – angesichts des einzigartigen Geschenkes des eigenen Lebens, das wir alle bekommen haben, weiß ich auch nicht recht, was Stanislaw dachte, was wir dächten, was er eigentlich sei.

Gedacht hat man sich natürlich schon manchmal etwas über ihn. Manchmal, wenn er in den Zeitungen oder im Fernsehen auftauchte und schmunzelte. Schmunzelte. Schmunzelte. Schmunzelte. Das konnte er. Und ja: Er sah nett dabei aus. Wenn Stanislaw lachte, hätte man ihm alles verziehen. Selbst Aussagen wie: Sachsen ist etwa 18.420 Quadratkilometer groß. Das entspricht in etwa einmal der Fläche Sachsens. Eine ganze Zeit lang ging das bekanntlich recht gut.

Später, als die Lage schon etwas ernster zu werden drohte, Pegida entfesselter herumzudemonstrieren begann, Heime brannten und Clausnitz passierte, fiel der Ministerpräsident durch seinen entschlossenen Kampf gegen diese Entwicklungen auf, indem er unsagbar strong dagegen ansprach mit der klirrend klaren Ansage: „Sachsen darf sich seine Identität nicht vom Straßenmob nehmen lassen“.

Im selben Zuge hätte er auch Krebs verbieten können oder Wetterkatastrophen. So wirksam erwiesen sich diese „scharfen Verurteilungen“ seitens der Landesregierung.

Alles, was gesagt wurde, war eigentlich: Sachsen. Das war eine der ganz wenigen identitätsanzeigenden Strategien, die Tillich je zu erkennen gab: Immer mal das Wort Sachsen fallen lassen, um die Leute „mitzunehmen“.

Ansonsten aber machte er aus sich ein Geheimnis: Ich erinnere mich an Abende mit Freunden an meinem Küchentisch, an dem wir in einem Anfall von Interregionalpatriotismus bei einem Gläschen  Beelitzer Eierlikör zusammensaßen und einander ratlos mit großen Augen ansahen, als jemand plötzlich aus Versehen den Namen Tillich in die Runde warf: Wer, tja, wer eigentlich war dieser Mann? Was wollte er? Wollte er denn was? Wofür stand er? Welche Visionen waren die seinen? Niemand von uns, obwohl allesamt politisch nicht gänzlich uninteressiert, konnte aus dem Stegreif etwas benennen. Sogar für eine konkrete Abneigung kannten wir ihn zu wenig.

Gut, man wusste, dass ihn auf sonderbarste Weise eine innige Freundschaft zu Horst Seehofer verband und dass er sich auch sonst eher zu den janusköpfigsten Protagonisten in- und ausländischer Politik hingezogen zu fühlen schien, vielleicht aber besaß er einfach nur ein weites Herz … ? Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Stanislaw blieb ein Rätsel.

Das erste, womit er nun tatsächlich zu überraschen wusste, war seine Ankündigung des verfrühten Abganges aus der ersten Reihe der Landesregierung. In der LVZ hat er gestern nun ein Interview dazu gegeben. Er verrät uns etwas über seine Vorfreude auf den Neustart, auf die Fahrten mit der Straßenbahn in den Landtag und die wohl wachsende Zeit mit Familie und Freunden. All das sei ihm von Herzen gegönnt.

Ein Satz aber bleibt erstmals in Erinnerung – der erste in seiner gesamten Amtszeit. Befragt nach dem, was nun bliebe „unterm Strich – eine gute oder eher schlechte Zeit“ antwortete der Noch-Landesvater: „Wenn man redet und redet, letztlich aber spürt, dass die Fakten ignoriert werden und man keine Mehrheit findet, dann ist das wie ein Kampf gegen Windmühlen. Solche Dinge frustrieren mich.“

Wenn er diese Erfahrung in den vergangenen Jahren auch nur ein einziges Mal ehrlich umgedreht hätte, umgemünzt in die Perspektive der vielen schon immer mit der Straßenbahn fahrenden Menschen im Lande und all der anderen eigentlich ganz passablen Bürger, die genau diese eigene Machtlosigkeit spürten – und an einem bei weitem kleineren Hebel saßen als der Ministerpräsident himself – bevor sie sich in eine Art Politikverdrossenheit, Resignations- oder Besorgnis-Nische zurückgezogen haben, es hätte vielleicht gemeinsam etwas bewegt werden können, was über einen materiellen Aufschwung an einigen Stellen im Lande hinausgegangen wäre. Es hätte vielleicht auch die AfD so alt aussehen lassen wie Gauland tatsächlich ist.

Es braucht möglicherweise auch so etwas, denn irgendwie stimmt es natürlich: Wir sind  alle „nur“ Menschen.

Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

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