Hartmut Rosa im UFZ-Interview

Wie das Immermehr und das Immerschneller unser Leben regelrecht entleert

Für alle LeserWer sich den jüngsten Newsletter des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung GmbH (UFZ) anschaut, findet darin auch ein Interview mit dem Jenaer Soziologen Prof. Hartmut Rosa, der auch schon als Gastredner im UFZ war, der aber auch 2016 mit einem Buch an die Öffentlichkeit ging, in dem er dem Schlamassel unseres hyperbeschleunigten Lebens beizukommen versucht: „Resonanz. Eine Sozialogie der Weltbeziehung“. Würden Sie nie kaufen, stimmt’s? Haben Sie gar nicht die Zeit für.

Das Lesen ist eine der elementaren Tätigkeiten, die durch die Überladung unseres Alltags mit immer mehr Dingen und Zwängen an Boden verloren hat. Es zwingt zur Ruhe und zur Konzentration. Man muss sich einlassen auf das Buch und den Autor. Und es braucht Zeit – Zeit, die dann für die tausend anderen ach so dringenden Tätigkeiten nicht mehr zur Verfügung steht. Denn eigentlich kann man immer nur eins tun. Aber unsere Welt suggeriert uns, wir müssten immer mehr Dinge gleichzeitig tun und immer mehr Informationen aufnehmen und immer mehr Dinge kaufen, nutzen, ausprobieren.

Unser gewaltiges Ressourcenverschlingen hängt direkt mit der rasanten Beschleunigung unseres Tuns zusammen. Unser Leben selbst beschleunigt sich ja nicht. Nur füllen wir es mit immer mehr Dingen, auf die wir nicht glauben verzichten zu können. Denn dahinter steckt ein enormer Druck, dem wir alle unterliegen: Wer mithalten will, muss immer mehr in derselben knappen Ressource Zeit unterbringen.

Hartmut Rosa: „Ja, denn nicht alles lässt sich gleichermaßen synchronisieren. Wer oder was zu langsam ist, wird abgehängt, ist auf dem absteigenden Ast. Dies hat drastische Auswirkungen. Die Öko-Krise beispielsweise ist eine Desynchronisations-Krise. Die sozio-technischen Geschwindigkeiten sind zu groß geworden für die Eigenzeiten der Natur.“

Wir überlasten uns selbst und unsere Umwelt dadurch, dass wir permanent das Neueste vom Neuen haben, wissen, tun müssen. Keine Mode, kein Trend, keine neue Geräteversion darf ausgelassen werden. Ganze Industrien haben sich darauf spezialisiert, Produkte herzustellen, die immer schneller veralten und immer schneller kaputtgehen. Was der Hamster im Laufrad meist gar nicht merkt, weil er darauf trainiert ist, dass Geräte nur noch eine Saison halten dürfen, dann müssen sie ersetzt werden, weil die neuen Geräte noch cleverer, schneller, leistungsstärker sind.

Dass die fast neuwertigen ausrangierten Dinge dann einen Riesenberg von kaum noch recyclebarem Schrott in Ländern der letzten Welt ergeben, nimmt man da gar nicht mehr wahr.

Aber das ist nur die eine Seite dessen, was das kapitalistische Wirtschaftssystem als Grundantrieb ausmacht.

Rosa nennt es ein „Programm der Weltreichweitenvergrößerung“.

„Für mich ist der kategorische Imperativ der Moderne: Handle jederzeit so, dass deine Weltreichweite größer wird. Dies erfolgt durch die Vermehrung von Gütern, Kontakten und Optionen“, beschreibt er das Phänomen. „Alle modernen Ausformungen des Kapitalismus, sei es der rheinische, der angelsächsische oder der asiatische, teilen diesen Steigerungszwang. Wir sind aber nicht nur die Opfer der Entwicklung, die über uns hinweg geht, sondern wir bekommen ein kulturelles Versprechen, fast eine Verheißung. Denn uns wird ein Versprechen der Weltreichweitenvergrößerung gegeben.“

Ein Kreislauf, der unsere Erde zu zerstören droht. Denn fast alle Ressourcen, die auf diese Weise in einem immerfort beschleunigten Verfahren gebraucht und verbraucht werden, sind endlich.

Auch unser Leben. „Die Produktion und die Konsumtion lassen sich aber nicht beliebig beschleunigen“, sagt Rosa. „Schließlich sind auch Menschen zu langsam, was eine Psychokrise zur Folge hat. Der permanente Zwang zur Steigerung und zur Neuerfindung führt zu einer psychischen Überforderung. Dies wiederum birgt die Gefahr der Entfremdung. Die Idee der Moderne, mehr Welt in Reichweite zu bringen, mehr Welt verstehbar zu machen, geht einher mit einem progressiven Weltverlust.“

Für Rosa ist es schlicht ein perverser Zustand, wenn eine Gesellschaft sich permanent beschleunigen muss, bloß um den Status quo zu erhalten.

In Wirklichkeit verlieren wir dabei Lebensqualität, den ganzen Reichtum, der menschliches Leben eigentlich ausmacht. Wie sind permanent überschüttet mit den Signalen der Beschleunigung. Aber wir nehmen nichts mehr wahr. Und das ist der Punkt, an dem Rosa seine „Resonanz“-Idee ins Spiel bringt (ganz abgesehen davon, dass er dafür plädiert, Bedingungen zu schaffen, mit denen Menschen aus dem Hamsterrad aussteigen können).

„Resonanz bedeutet, dass beide Seiten mit eigener Stimme sprechen und sich jeweils vom anderen erreichen lassen“, sagt er.

Das klingt sehr abstrakt. Aber wer sich umschaut, sieht, wie sich seine Mitmenschen in lächelnde Zombies verwandeln, weil sie nur noch in der Mühle des permanenten Beschäftigtseins stecken, auch nicht mehr runterkommen vom Suchtlevel. Wer sich nur einmal damit beschäftigt, sieht, dass diese Gesellschaft fortwährend Sucht produziert. Die armen Wracks vorm Hauptbahnhof sind nur ein Symptom, nicht das Problem.

Unsere Welt ist voller Menschen, die sich nicht mehr ausklinken und öffnen können, nicht mehr richtig da sein können. Mit allen Sinnen. Und die auch wieder Zeit haben und Dinge in Ruhe und richtig tun können. Sie sind ständig zerfasert, unkonzentriert, können sich mit nichts mehr länger als 15 Sekunden beschäftigen, schon sind sie weitergehetzt. Eine ganze Gesellschaft unter ADHS.

Die sich nicht mal mehr auf sich selbst konzentrieren kann.

Das macht unsere Gesellschaft kaputt, denn auch deren eigentliche Verständigungsprozesse laufen langsamer ab als der irrwitzige Takt der Geräte, mit denen wir glauben, jederzeit im Datenstrom mitschwimmen zu müssen. Als wären wir Informationsjunkies, die sofort an Entzugserscheinungen leiden, wenn wir das Trommelfeuer einmal abstellen.

Ergebnis sind natürlich Tage, die bis zum Rand vollgestopft sind mit Dingen, die vor Wichtigkeit schreien. Aber wenn wir dann mal zur Ruhe kommen und den Tag resümieren, stellen wir fest: Wir hatten eigentlich nichts davon. Nichts davon war unser eigenes Leben, nichts hat uns wirklich berührt oder – um mit Rosa zu sprechen – echte Resonanz erzeugt.

Wie teuer ist eigentlich der Verlust einer blühenden Wiese?

UFZHartmut RosaResonanz
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Foto: Ralf Julke

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