8.4 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Gastmanns Kolumne: Über einen leisen Song beim ESC 2018

Mehr zum Thema

Mehr

    Kennen Sie das? Man nimmt sich jedes Jahr vor, den Eurovision Song Contest zu ignorieren und dann guckt man doch. Und schämt sich nicht mal dafür. Warum auch? Irgendwie ist dieses Länder-Punkte-Musik-Spektakel, dieses Ringelpietz mit Anfassen und jeder Menge Wind von vorn doch eine ganz schöne Tradition mit viel Nichtigkeit, aber doch auch ein paar anmutiger Entdeckungen. Und vergessen wir nicht: Es gibt bei weitem schlimmere Anlässe, Menschen zueinander zu bringen als die Musik. Es muss ja nicht immer nur Wagner sein, der einem calmundös auf dem Gemüt sitzt.

    Apropos schwer – schwer in Ordnung war auch der Siegersong aus Israel. Me Too ist nun einmal Thema des Jahres und ein bisschen dadaistisch anmutende Lebensfreude schadet schließlich nie.

    Schade allerdings für ein weiteres politisches Thema, das in dem wenig beachteten Song „Mercy“ des französischen Duos „Madame Monsieur“ aufgegriffen worden war. Der Songtext behandelt die Geschichte eines auf dem Mittelmeer geborenen Flüchtlingskindes, geboren zwischen zwei Ländern, ein Kind, das für alle dort ertrunkenen Kinder leben will, auf leise und poetische Weise.

    Das Lied erinnert mich an einen Abend mit Max. Ein Abend in der Zeit, als die Flüchtlingsdiskussion auf dem Zenit war, weil ungebrochen viele kamen, übers Mittelmeer in den Booten, von überall her, über die Balkanroute – noch. Max war damals 22, Rettungssanitäter, ein hübscher Potsdamer junger Mann.

    Er sprach vor etlichen Zuhörern im Gartenhaus der Mädlervilla in Leipzig-Leutzsch. Eine edle und schöne Kulisse für einen verregneten Abend. Die edle Kulisse täuscht ein wenig. Das war kein Society-Event dort, kein „Falsches-Lächeln-mit-Sektgläsern-oder Orangensaft-Flöten-auf-Tabletts“-Abend. Das war toll.

    Max hielt seinen Vortrag. Über einen Sommerurlaub im Juli. Den hatte er nicht mit Freunden am Ballermann oder am Stausee Hohenfelden verbracht. Sondern auf dem Mittelmeer. Er hatte auf einem klitzekleinen Privatschiff, das von zwei Brandenburger Unternehmern finanziert und von größeren Rettungsorganisationen zunächst belächelt wurde, Flüchtlinge aus dem Meer gefischt. 587 Menschen. In zehn Tagen.

    Ich war hingerissen von der Art, mit der er das alles darbot. Bescheiden. Beredt. Ohne Powerpoint-Text, ohne Notizen. Mit eindrucksvollen Fotos, die vielfach wunderschön waren, Delphine und Sonnenuntergänge auf See zeigten und zum größeren Teil allerdings niederschmetternd. Aber nicht auch nur ein einziges Mal an der Würde eines der Flüchtenden kratzend.

    Wie er erzählte, natürlich, unprätentiös, wie er einen aufs Übelste im Libanon malträtierten, bewusstlosen Eriträer auf dem Schiffsküchentisch versorgt hat. Wie dieser zu sich gekommen sei und vermutlich überleben wird, das war unschlagbar.

    Die Bilder von Gloria, der kleinen braunhäutigen Zweijährigen, die in eine knisternde Goldfolie gehüllt, mit Butterkeksen und etwas Wasser die Fahrt ohne einen Laut von sich zu geben mitgemacht habe. Nachdem sie – wie all die anderen – auf die TÜV-geprüfte-Gummi-Rettungsinsel gezerrt wurde, und damit als Teil der über 110 auf die Insel zu zerrenden Flüchtlinge die acht Helfer aus Europa an den Rand ihrer körperlichen Kräfte gebracht hat, die taten ihr Übriges.

    Dieser junge Mann und all seine Kollegen vom Mechaniker bis zur gestandenen Gynäkologin an Bord, die außerdem via Telefon junge Ärzte ohne Grenzen und ohne Geburtshilfe-Erfahrung steuerte, verdienen noch heute mehr von uns als den damaligen Applaus an ein, zwei, drei Vortragsabenden. Sie verdienen weitaus mehr. Noch immer.

    Sie verdienen es, dass man immer wieder denen ins Wort fällt, die sie inzwischen kriminalisieren wollten. Dass man ihre Mühen ins Licht holt – immer wieder und immer noch. Der Spuk ist nicht vorbei, nur weil wir uns mittlerweile mit anderen Dingen beschäftigen.

    Sie verdienen das alles, weil sie nicht nur denen halfen und helfen, denen sie ganz konkret das Leben retten, sondern weil sie einen Weg aufzeigen. Leben retten – von Menschen, die leben wollen.

    Auch daran hatte der Eurovision Song Contest seinen Anteil. Einen kleinen zwar, weil uns diese Thematik längst weggeflutscht ist in unserem medialen Warenhaus – aber er hat.

    Mercy. Mein Gewinner 2018. Merci beaucoup.

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ