Demobeobachtungen

Pegida am 21.10.: Sie sind immer noch da + Videos & Bildergalerien

Für alle LeserVideoPegida feiert Geburtstag. Bereits zum vierten Mal werden an diesem Sonntag, den 21. Oktober, voraussichtlich tausende Anhänger mit den bekannten Rufen gegen Migranten, Journalisten und Politiker hetzen. Mehrere bürgerliche und antifaschistische Bündnisse, auch aus Leipzig, wollen lautstark dagegen protestieren. Die L-IZ wird live aus Dresden berichten.

+++ 23:50 Uhr: Das Letzte vom Tag: Normalitäten bei Pegida +++

Was beim Sichten der nach Hause gebrachten Fotos aus „Leipziger Perspektive“ auffällt, ist die scheinbare Normalität in Dresdens Pegida-Bewegung an der Frauenkirche an diesem 21.10. 2018. Normalität bei der Beteiligung der „Identitären Bewegung“ (IB), welche vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingeschätzt und beobachtet wird. Normalität bei den gemalten Schildern, welche sich längst nicht nur gegen „den Islam“, sondern alle Geflohene und „das System“ richten sowie „Volkstod“-Phantasien, die auch Parolen früherer neonazistischer Organisationen widerspiegeln.

Die zum 4. „Geburtstag“ der islamfeindlichen Bewegung erschienenen 4.000, vorrangig älteren, weißen Männer im Verbund mit jungen weißen Männern der IB, wähnen sich offenkundig in einer Art Endkampf, der kaum noch Argumente von außen gelten lässt.

Interessant auch die Normalität, mit der die Veranstaltung zu einer fortlaufenden Selbstvergewisserung geworden scheint: Eine Art Klassentreffen mit Gleichgesinnten, ein immerfortlaufendes Umwälzen der eigenen Einstellungen. Stetig sammeln sie dabei mit Smartphones Bilder derer, die sie für die Unbelehrbaren halten – teilweise richtete sich der Fokus eher auf den Gegenprotest als auf die seltsamen Grußadressen internationaler Gäste aus den rechtsradikalen bis extremen Bewegungen anderer Länder auf der Bühne von Pegida.

Die Bachmann-Däbritz-Show auf erhöhtem Bühnenboden ist offenkundig eher für den Livestream gedacht, heute jedenfalls war das Publikumshighlight, schwarz-rot-goldene Luftballons fliegen zu lassen und möglichst überlegen in Richtung des sonst kaum vorhandenen und dieses Mal lautstarken Gegenprotestes zu lächeln. Das alles zeigen auch die Parolen auf ihren Schildern, die zur Mauer gegen den dieses Mal hörbaren Gegenprotest in der Nähe hochgezogenen Deutschlandfahnenbanner und die Bilder, mit denen wir den Tag in Dresden heute beschließen wollen.

Eines vielleicht noch und das sicher nicht als Leipziger Überheblichkeit gemeint: Es bleibt erstaunlich, dass sich seit vier Jahren in Dresden keine Zivilgesellschaft gefunden hat, die auch ohne überregionale Mobilisierung denen beispringt und protestiert, die dies teils mit gerade einmal 100 Menschen noch immer jeden Montag tun. Es erinnert alles ein wenig an die Geschichte, die sich rings um das „Bombengedenken“ durch NPD, freie Kameradschaften und andere Neonazis alljährlich weitgehend widerspruchsfrei in Dresden abspielen konnte.

6.000 kamen damals jährlich und Dresden erduldete den Missbrauch still, damals schon entstand das Trugbild in der Landeshauptstadt, gegen Nazis zu sein, sei „linksextrem“  – bis 2011 viele, sehr viele Menschen von überall nach Dresden kamen und dem Spuk der „Ostdeutschen Landsmannschaften“ ein Ende durch massive Gegenproteste bereiteten. Seither hat sich diese Organisation nicht mehr angemeldet.

Die 13.000 Menschen beim heutigen Protest gegen Pegida waren auch das andere Dresden (und viele andere Orte in Sachsen) samt einem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU), welches friedlich ein Signal für mehr Herz statt Hetze und Respekt gesendet hat.

Nur hört man dieses Herz sonst viel zu leise schlagen in der sächsischen Landeshauptstadt. Es mag dabei um Symbolik gehen. Doch gerade solche Menschen wie Lutz Bachmann verpassen keinen Moment, darauf hinzuweisen, wie wenig Gegenprotest sonst so an der Wegstrecke von Pegida oder am Neumarkt steht. Das daraus generierte Bild, die üblichen 1.500 bis 2.000 Teilnehmer wären Dresden oder gar „das Volk“, ist heute mal kurz geplatzt.

Nun müssten die Dresdner mal selber ran, sich neben Gesprächsrunden, Debattenveranstaltungen und (gescheiterten) Gesprächsversuchen mit jenen, die nicht einmal ehrlich über ihre eigentlichen Frustrationen reden wollen, auch auf der Straße mit deutlichem Gegenprotest zu melden.

Einmal im Monat würde schon genügen, um das öffentliche Bild auch von Sachsen zu drehen. (M.F.)

 

+++ 19:25 Uhr: Ein vorläufigies Fazit +++

Im Vergleich zu vielen früheren Legida-Demonstrationen in Leipzig war das ein Tag in Dresden ohne allzu großen Nachrichtenwert. Festzuhalten bleibt, dass deutlich mehr Menschen gegen als für Pegida demonstriert haben. Weniger als 4.000 Personen sollen sich der Kundgebung angeschlossen haben, auf der es vor allem gegen den Islam, vereinzelt auch gegen Politiker zur Sache ging. Da waren frühere „Geburtstagspartys“ teils deutlich besser besucht. Zudem gab es keinen „Spaziergang“.

Laut Polizei verliefen alle Versammlungen „friedlich und störungsfrei“. Vor allem im Anschluss daran soll es jedoch zu diversen Straftaten gekommen sein, weshalb die Polizei nun unter anderem wegen Körperverletzung und Beleidigung ermittle. Zudem soll eine Pegida-Rede auf strafrechtliche Relevanz geprüft werden.

Wie es mit Pegida weitergeht, bleibt abzuwarten. Am übernächsten Montag soll bereits die nächste Demonstration stattfinden und für Dezember ist eine Weihnachtsveranstaltung angekündigt. In Dresden wird es wohl erstmal kein Ende geben.

+++ 15:55 Uhr: Tommy Robinson bei Pegida +++

Mittlerweile hat es auch der Brite Tommy Robinson auf die Pegida-Bühne geschafft. Er widmet sich selbstverständlich auch dem Islam als angeblicher Gefahr, der man Widerstand leisten müsse. Auch Merkel ist einmal mehr erklärtes Feindbild. Pegida sei so eine Art letzte Bastion des Widerstands. Robinson organisiert die Pegida-Bewegung in Großbritannien. Am Dienstag steht ihm dort eine Gerichtsverhandlung bevor, bei der ihm eine Freiheitsstrafe droht.

Wir haben derweil eine eigene Schätzung der Teilnehmerzahl beim Gegenprotest: Mindestens 13.000 Personen sind gegen Pegida auf der Straße.

+++ 15:27 Uhr: Viele tausend Menschen beim Gegenprotest +++

Laut der Forschungsgruppe „Durchgezählt“ beteiligen sich jeweils mehrere tausend Menschen an den Gegenprotesten. Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer war hinter einem der Banner zu sehen und vor Ort. Bei einer Rede rief er zu Zivilcourage auf.

Ein Demonstrationszug Richtung Postplatz ua. mit Martin Dulig (SPD) hinterm Frontbanner

Videos: L-IZ.de

Bei Pegida ist in der Zwischenzeit weitere Prominenz aufgetaucht, unter anderem von der „Identitären Bewegung“ und der rassistischen Cottbusser Initiative „Zukunft Heimat“. Im Publikum soll demnächst eine Deutschlandfahne im Großformat zum Vorschein kommen.

+++ 14:45 Uhr: Die üblichen Verdächtigen reden +++

Die Pegida-Kundgebung hat mittlerweile begonnen, mit den üblichen Inhalten: Der erste Redner weist darauf hin, dass Moscheen „nicht nur gebaut, sondern auch abgerissen werden“ könnten. Es folgt ein kurzer Auftritt von Bachmann, der heute offenbar vor allem als Moderator und Übersetzer für Gäste aus dem Ausland auftreten möchte.

Sein „Vorbild in Sachen Islamkritik“ sei Michael Stürzenberger, der direkt als nächster Redner folgt. Er möchte die Mauern der Frauenkirche mit den Rufen der Pegida-Kritiker zum „Zittern“ bringen. Stolz erinnert er an eine Veranstaltung vor einigen Jahren mit dem selbstbewussten Titel „European Counter Jihad“.

Anschließend betreten Gäste aus Tschechien und Belgien die Bühne. Sie halten es klassisch und widmen sich ganz dem Ursprungsthema von Pegida: Islam. Dabei gibt es unter anderem die Behauptung zu hören, dass das „Kopftuch für die Frauen wie der Stern für die Juden“ sei.

Bei Pegida an der Frauenkirche am Neumarkt. Ein Pfeifkonzert, „Haut ab“-Rufe. Am 21.10. ist der Gegenprotest so laut, wie noch nie in Dresden

Video: L-IZ.de

Der Gegenprotest (eine von mehreren Demos) unter Beteiligung von MP Michael Kretschmer (CDU) auf dem Weg zum Postplatz

+++ 13:00 Uhr: Pegida feiert Geburtstag +++

Fast auf den Tag genau vor vier Jahren waren Lutz Bachmann und etwa 350 andere Personen zum ersten Mal im Rahmen einer Pegida-Demonstration auf der Straße. Sie protestierten gegen eine angebliche Islamisierung Deutschlands. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich die überschaubare Menschenmenge zu einer Massenbewegung, die rund um den Jahreswechsel 2014/15 wöchentlich mehr als 10.000 Menschen mobilisierte.

Als Feinde wurden neben Muslimen schnell auch Journalisten („Lügenpresse“) und Politiker der etablierten Parteien („Volksverräter“) identifiziert. Man selbst vertrete angeblich die Mehrheitsmeinung in Deutschland („Wir sind das Volk“).

Pegida schaffte es in der Anfangszeit, enorme Aufmerksamkeit zu erregen. Personen aus der Führungsriege durften auf Pressekonferenzen und in Polittalkshows auftreten; es gab eine Kandidatur für die Oberbürgermeisterwahl in Dresden, man landete sogar auf der Titelseite der „Time“. Mittlerweile ist Pegida keine Massenbewegung mehr, sondern eine völkische Dauerveranstaltung mit überschaubarer Ausstrahlung, der sich immerhin regelmäßig noch mehr als 1.000 Personen anschließen. Angeblich möchte die Truppe rund um Bachmann bei der kommenden Landtagswahl antreten.

Nun steht zunächst der vierte Geburtstag an. Im Gegensatz zu den meisten Tagen mit wenig Protest ist diesmal mit mehreren tausend Gegendemonstranten zu rechnen. Aus Leipzig mobilisiert beispielsweise das Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“. In Dresden gibt es am Sonntag mehrere Demonstrationen, die sich gegen 15 Uhr vereinen wollen. Sogar Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat sich dafür angekündigt. Zudem soll es Protest möglichst in Hör- und Sichtweite von Pegida geben. Deren Demonstration startet um 14 Uhr.

 

Legida/PegidaDemonstrationLiveticker
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