Leipziger Wirtschaftspolitiker Schnabl zu Erwartungen an das Weltwirtschaftsforum in Davos

„Es ist für Politiker nicht mehr so attraktiv, sich vor Kameras mit den Reichen und Mächtigen der Welt zu zeigen“

Für alle LeserWenn sich in Davos die Elite der Politiker und Wirtschaftsexperten aus aller Welt trifft, dann verwandelt sich der Ort in eine Festung. Ganz genauso wie zu all den Treffen der G8, G7, G20 oder wie immer auch die Treffen der mächtigsten Politiker der Welt sich nennen. Das ist schon seit Jahren so. Aber immer deutlicher wird, dass die derzeitige westliche Politik damit auch ihre riesige Distanz zu den (protestierenden) Bürgern deutlich macht. Während ihr die Kuschelnähe zu den großen Wirtschaftsbossen so langsam unangenehm wird. „Es ist für Politiker nicht mehr so attraktiv, sich vor Kameras mit den Reichen und Mächtigen der Welt zu zeigen“, sagt Prof. Dr. Gunther Schnabl.

Prof. Dr. Gunther Schnabl lehrt am Institut für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig. Und er beobachtet solche Veranstaltungen wie das am 22. Januar beginnende Weltwirtschaftsforum mit wissenschaftlicher Distanz. Noch kommen über 2.500 international führende Wirtschaftsexperten, Politiker, Intellektuelle und Medienschaffende diesmal in Davos zusammen, um über die aktuellsten Fragen der Welt zu diskutieren.

Die Universität Leipzig hat dem Wirtschaftspolitiker drei Fragen dazu vorgelegt.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Haupt-Knackpunkte des Treffens?

Es kommen etwa 2.500 Prominente aus Wirtschaft, Politik, öffentlichen Institutionen und Medien aus aller Welt, um die aktuellsten Trends zu diskutieren, zum Beispiel dieses Jahr „Globalisierung 4.0“. Da das Weltwirtschaftsforum international viel Aufmerksamkeit erfährt, kommen wichtige öffentliche Entscheidungsträger gerne.

Das Forum wird zum großen Teil von multinationalen Unternehmen mit einem Umsatz von über 5 Milliarden US-Dollar finanziert. Die Präsidenten dieser Unternehmen können gegen eine Mitglieds- und Teilnahmegebühr von rund 60.000 Schweizer Franken in den Dialog mit einflussreichen Persönlichkeiten treten.

Wenn man mit Angela Merkel, Theresa May, Mario Draghi oder Christine Lagarde ins Gespräch kommt, kann das sehr nützlich sein.

Was ist vom Weltwirtschaftsforum zu erwarten, wenn so wichtige Teilnehmer wie US-Präsident Trump oder der französische Präsident Macron fehlen?

In den letzten drei Jahrzehnten hat – insbesondere durch die Geldpolitiken der Zentralbanken – die Einkommens- und Vermögensungleichheit in den meisten Ländern stark zugenommen. Während die Gehälter von Spitzenmanagern und Wallstreet-Bankern drastisch gestiegen sind, stagniert das Lohnniveau breiter Bevölkerungsschichten.

In dieser Welt ist es für Politiker nicht mehr so attraktiv, sich vor Kameras mit den Reichen und Mächtigen der Welt zu zeigen. Im Gelbwestenkonflikt ist es für Frankreichs Präsident Macron heikel, in der Schweiz mit Wirtschaftsbossen Champagner zu trinken. Auch Trump sagt, dass er sich für den kleinen Mann in den USA einsetzt.

Der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, wünscht sich, dass Angela Merkel nach ihrer Kanzlerschaft EU-Kommissionschefin wird. Sehen Sie das als realistisches Szenario an?

Angela Merkel unterstützt Manfred Weber als Kandidaten für den Chefposten. Das müsste auch Schwab wissen. Herr Schwab hat betont, dass Europa neben der europäischen Integrationskraft von Angela Merkel auch dringend Reformen braucht. Angela Merkel hat in Europa große Zeichen der Solidarität gesetzt.

Für die Reformen, die notwendig sind, um den alten Kontinent im globalen Wettbewerb fit zu machen, steht die Bundeskanzlerin hingegen nicht. Herr Schwab wollte wohl mit dem Vorschlag in Deutschland etwas Aufmerksamkeit für sein Event erreichen.

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