Extinction Rebellion im Interview: „Wir machen einfach das, was notwendig ist“

Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 72, seit 25. Oktober im HandelIm Gespräch mit der LEIPZIGER ZEITUNG reden Max aus der bundesweiten Aktionstrainings-AG und Clara aus der Leipziger Presse-AG über die Kritik an „Extinction Rebellion“, die Unterschiede innerhalb der Bewegung und die Einordnung im Links-Rechts-Schema.

In London haben heute Aktivisten eine U-Bahn blockiert, indem sie auf das Dach gestiegen sind. Viele Menschen an der Haltestelle reagierten wütend. Wie sinnvoll war diese Aktion?

Clara: Im Angesicht dessen, dass die Regierung die drohende Klimakatastrophe nicht angemessen bekämpft, braucht es eine extreme Form des Protests, die Aufmerksamkeit für das Thema generiert. Das hat die Aktion geschafft. Wir stören die Menschen nicht gerne, aber die gesamte Gesellschaft muss dieses Thema behandeln. Deshalb werden auch Aktionsformen gewählt, die Menschen leider vor den Kopf stoßen.

Eine Bahn steht für klimabewusste Mobilität. Ließe sich das öffentliche Leben nicht auch auf andere Weise stören?

Clara: Wir haben viele unterschiedliche Aktionsformen: Es gibt Straßenblockaden; wir kleben uns an Züge, Regierungsgebäude und Banken – es geht darum, zu zeigen, dass business as usual im Angesicht der drohenden Klimakatastrophe nicht mehr möglich ist. Dazu müssen wir auch den normalen Alltag stören.

Max: Es geht nicht darum, Leute absichtlich in ihrem Alltag einzuschränken, sondern darum, das gesamte Wirtschaftssystem zu stören, und der Weg zur Arbeit ist ein Teil davon. Wir hoffen darauf, dass die Leute Verständnis haben. Denn wir wollen ihnen nicht die Schuld zuweisen, sondern zum Denken anregen. Im Vergleich zu der Gefahr, vor der wir gerade stehen, ist ein verspätetes Erscheinen bei der Arbeit ein bisschen lächerlich.

In diesem Fall hatten die Menschen wenig Verständnis. Ein Aktivist wurde von der Bahn gezogen und anschließend geschlagen und getreten. Offenbar treffen ökologische und soziale Frage hier aufeinander. Was ist die richtige Taktik, um beides unter einen Hut zu bekommen?

Clara: Die Regierung muss dafür sorgen, dass es einen gerechten Übergang für Arbeiter/-innen aus den sterbenden Wirtschaftsbranchen gibt. Der ÖPNV muss günstiger oder kostenlos werden. Das alles muss gleichzeitig passieren. Aber wir als Bewegung sind dafür da, Druck aufzubauen. Es liegt nicht in unserer Verantwortung, konkrete Maßnahmen zu entwickeln.

Eine unserer Forderungen ist eine Bürgerinnen- und Bürgerversammlung. Der Prozess muss gemeinsam mit den Menschen gestaltet werden. Wir können nicht von oben herab sagen, wie die Menschen zu leben haben. Das muss aus der Gesellschaft selbst kommen.

„Extinction Rebellion“ möchte mindestens 3,5 Prozent der Bevölkerung für sich gewinnen, weil es dann deutlich wahrscheinlicher sei, die Ziele zu erreichen. Allerdings sind viele Menschen verärgert, weil Bahnen und Straßen blockiert oder – wie in Leipzig – Denkmäler beschmiert werden. Ist das nicht ein Widerspruch?

Max: Voll. Aber dahinter steckt das Prinzip, dass wir uns auf das Notwendige fokussieren. 3,5 Prozent der gesamten Gesellschaft sind nicht gerade viel. Wir wollen Leute ansprechen, die unsere Aktionen gut finden, weil sie merken, dass aktuell ganz gehörig etwas schiefläuft und jedes Mittel recht ist, um Aufmerksamkeit zu erregen – solange es gewaltfrei ist und sich an unseren Werten ausrichtet. Dass wir Normen und Gesetze brechen müssen, steht für uns außer Frage.

Clara: Nicht das, was wir machen, ist extrem, sondern dass die Bundesregierung nicht auf die Wissenschaft hört, ist extrem.

Wenn „Extinction Rebellion“ kritisiert wird, klingt es häufig so, als sei es eine einheitliche Bewegung. Wie groß sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Ortsgruppen?

Clara: Wir sind dezentral organisiert. Das heißt, dass jede Person ihre eigene Gruppe gründen oder sich als Teil von „Extinction Rebellion“ sehen kann. Wir in Leipzig können etwas anderes machen als beispielsweise die Gruppe in Hamburg. Das Einzige, was uns sozusagen zusammenhält, sind die zehn Prinzipien und die drei Forderungen.

Clara bei einer Aktion. Foto: XR Leipzig

Clara bei einer Aktion. Foto: XR Leipzig

„Extinction Rebellion“ pauschal zu kritisieren ist also wenig sinnvoll?

Clara: Mich persönlich stört es sehr, wenn eine Person auf Twitter etwas schreibt und es dann heißt, dass das für die gesamte Bewegung steht. Abgesehen von den Prinzipien und Forderungen sind alles persönliche Meinungen.

Max: Aktuell wird die Kritik nicht an einzelnen Forderungen oder Prinzipien festgemacht, sondern meistens an bestimmten Aktionen einer Gruppe von Aktivist/-innen.

Kritisiert wurde unter anderem ein Tweet von „Extinction Rebellion“ in Hamburg, wonach XR keine linke Bewegung sei. Ist das für die Leipziger Ortsgruppe zutreffend?

Max: Man muss zwischen „links sein“ und „links positionieren“ unterscheiden. Ich finde, „links“ und „rechts“ sind keine klar definierten Konzepte. Wenn sich Leute von „rechts“ abgrenzen wollen, meinen sie meistens Nazis. Aber auch die CDU ist rechts. Solche Konzepte sind immer mit Frames verbunden. Mit „links“ würden viele sofort die DDR assoziieren. Das ist für eine Umweltbewegung nicht besonders hilfreich.

Deshalb wollen wir uns nicht „links“ positionieren, sondern über unsere Inhalte und Werte sprechen. Das heißt, dass alle willkommen sind, aber ein diskriminierungsfreies Umfeld gewährleistet werden muss. Menschenverachtende Meinungen haben bei uns keinen Platz.

Dann sprechen wir über die Inhalte. Seid ihr antikapitalistisch?

Clara: Um wahre Klimagerechtigkeit zu erreichen, müssen wir ohne Zweifel die kapitalistischen, sexistischen und kolonialistischen Strukturen in unserer Gesellschaft mit einbeziehen. Uns ist es aber wichtig, bestimmtes Wissen nicht vorauszusetzen, sondern es uns in der Gruppe gemeinsam zu erarbeiten. Wir leben in einem toxischen System, weshalb wir diese Strukturen in uns tragen.

Es geht nicht darum, die Individuen anzuprangern, sondern das System am Kragen zu packen. Wir labeln uns aber nicht als „antikapitalistisch“. Wir machen einfach das, was notwendig ist, um den Wandel zu einem gerechten System zu erreichen. Das bezieht Antikapitalismus mit ein.

Max: Eines unserer Prinzipien ist die Systemfrage. Wir stellen uns selbst, unsere Rolle und das toxische System an sich infrage. Damit ist das politische System, aber auch das Wirtschaftssystem gemeint.

Eine deutliche Botschaft mit Sprühkreide 2019 an Denkmälern. Screenshot aus dem Facebook-Clip von Extinction Rebellion Leipzig. Screenshot: L-IZ

Eine deutliche Botschaft mit Sprühkreide 2019 an Denkmälern. Screenshot aus dem Facebook-Clip von Extinction Rebellion Leipzig. Screenshot: L-IZ

Es ist ungewöhnlich, wie stark eine Klimabewegung wie „Extinction Rebellion“ vor allem von Linken kritisiert wird. Gefühlt ist alles falsch, was XR momentan macht. Woran liegt das?

Clara: Da kann ich nur spekulieren. Ich glaube, es gibt mehrere Gründe. Es hat vermutlich für Irritationen gesorgt, dass wir aus dem Nichts gewachsen und nicht aus einer bestehenden Umweltbewegung heraus gekommen sind. Wir sind komplett neu. Bei uns sind viele Menschen dabei, die zum ersten Mal auf die Straße gehen und noch nicht die Erfahrungen haben, die andere aus der aktivistischen Szene schon haben.

Das Verhalten wirkt deshalb auf manche naiv. Für viele ist es offenbar auch irritierend, dass wir so freundlich zur Polizei sind. Dass das auf Menschen, die Polizeigewalt erfahren haben, merkwürdig wirkt, kann ich verstehen. Gleichzeitig ist es eine subversive Strategie: Wir wollen freundlich zur Polizei sein, um anschlussfähig zu bleiben.

Max: Die deutsche Linke hat ein starkes Positionierungsbedürfnis nach links und rechts. Da wir uns nicht positionieren, fallen wir in das Raster der Kritik. Es wird immer wieder von uns gefordert, dass wir uns von rechts abgrenzen. Wir wollen uns aber nicht von dem Konzept „rechts“ abgrenzen oder uns dem Konzept „links“ zugehörig fühlen, sondern über Inhalte reden. Wir sind für radikale Klimagerechtigkeit und menschenverachtende Einstellungen haben bei uns keinen Platz.

Clara: Ich verstehe viele Kritikpunkte und würde gerne einen Diskurs darüber starten. Es wäre schön, wenn die Menschen ihr Wissen mit uns teilen, anstatt auf Twitter zu schreiben, dass wir scheiße sind. Wir haben zwar eine andere Strategie und Taktik, aber wir verfolgen doch das gleiche Ziel. Man sieht doch, wie erfolgreich wir sind. Es gibt uns erst seit einem Jahr und schon so viele Menschen haben sich uns angeschlossen.

Natürlich sind wir manchmal naiv, aber wir sind gerade erst am Anfang und wollen lernen – und dafür brauchen wir auch die anderen Bewegungen. Da gibt es so viel Wissen und Erfahrung. Ich fände es toll, wenn wir uns nicht spalten.

Max: Ich finde es beispielsweise schade, dass Jutta Ditfurth uns als esoterische Sekte bezeichnet, aber sich wohl nicht einmal die Webseite angeschaut hat. Dort steht, dass die Bewegung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gegründet wurde. Wir haben sie wiederholt zum Gespräch eingeladen. Darauf hat sie aber nie reagiert.

Inwiefern war die Kritik an „Extinction Rebellion“ bislang Thema in der Leipziger Ortsgruppe?

Clara: Heute Abend haben wir ein Reflexionsplenum, wo es darum geht. Wir wollen die Kritikpunkte sammeln und darüber diskutieren. Es ist uns sehr wichtig, die Kritik ernst zu nehmen und zu schauen, welche berechtigt ist und welche einfach wegen Fehlinformationen oder Missverständnissen entstanden ist.

Trotzdem dürfen wir das große Ganze nicht aus dem Auge verlieren. Wir machen das, weil wir Angst vor dem haben, was auf uns zukommt, und weil es so unverantwortlich ist, wie wenig die Regierung dagegen unternimmt. Es ist wichtig, auch über Details zu streiten, aber lohnt es sich wirklich, sich deswegen zu spalten?

Nachtrag: Einen Tag nach dem Interview teilten Max und Clara mit, dass sie die Aktion in der Londoner U-Bahn nun anders bewerten: „Inzwischen sind sich laut einer Telegram-Umfrage 74 Prozent der Menschen von XR einig, dass der Aktionsort ungünstig gewählt war. Dem schließen wir uns an. Die dezentrale Struktur von XR ist entscheidend für die hohe Frequenz der Aktionen, bedeutet aber auch, dass es sehr schwierig sein wird, ähnlich kontroverse Aktionen in Zukunft zu vermeiden.“

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