Vor Schrecken ganz starr – und auch vor Glück

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“, #6

Für alle LeserUmfragen sind die Fettaugen auf der trüben Suppe des politischen Meinens. Aber warum sie auslöffeln, wenn die Suppe schon kalt ist, so kalt, dass sich nicht mal mehr die Fettaugen obendrauf rühren? Seit genau 1.000 und 21 Tagen ist Donald Trump Präsident, und mit jedem Tag verfestigen sich die politischen Lager ein klein wenig mehr. Zumindest gibt es kaum noch Schwankungen bei der Zahl derjenigen, die seiner Politik zustimmen oder sie ablehnen.

Seit über anderthalb Jahren sind die Werte nun schon konstant: 40–43 % dafür und 52–55 % dagegen und Änderungen sind nicht in Sicht. Die politische Gegenwart in den USA wirkt wie ein Autor, der mit seiner Geschichte ans Ende gekommen ist, und in Ermangelung einer neuen das letzte Kapitel endlos repeti-repeti-repeti-tiert.

Aber auch ich wiederhole mich. Zumindest ist es nicht das erste Mal, dass ich mit diesen Zahlen mein Tagebuch fülle. Wobei ich schon damals – am 29. März 2019, um genau zu sein – vermutet hatte, dass die Konstanz in den Umfragewerten damit zusammenhängt, dass Trumps Anhänger durch nichts zu enttäuschen sind – und seine Gegner durch nichts zu gewinnen. Allein, damals fehlte mir noch der Beweis. Aber den habe ich jetzt gefunden. Die Entdeckung eines Salzkorns im Fettauge, sozusagen.

Um genau zu sein, sind es zwei Salzkörner. Eins links und eins rechts. Die Fragen Nummer 4a und 4b in der monatlichen Analyse des Monmouth University Polling Instituts, einem der renomiertesten und in seinen Ergebnissen verlässlichsten Meinungsforschungsinstitute der Vereinigten Staaten. Frage 4a wurde all jenen gestellt, die Trumps Arbeit zuvor einen Daumen hoch gegeben hatten. Die Frage lautete: „Können Sie sich irgendetwas vorstellen, das Trump während seiner Präsidentschaft tun oder unterlassen könnte, das Sie dazu bringen würde, nicht länger mit seiner Arbeit einverstanden zu sein?“

62 % sagten daraufhin Nein. Soll heißen: Sie konnten sich keine einzige Tat – oder besser: Untat – vorstellen, die sie davon abbringen würde, Donald Trump weiter zu unterstützen.

Das lässt zwei Möglichkeiten offen. Entweder diese Menschen leiden unter einem beängstigenden Mangel an Vorstellungskraft (beängstigend freilich nicht für sie selbst, denn es steht zu vermuten, dass sich diese Menschen einen solchen Mangel gar nicht vorstellen können und auch nicht, was für Untaten diese Lücke zu füllen vermögen). Oder – und das ist Möglichkeit Nummer zwei – diese Leute können sich sehr wohl vorstellen, dass Donald Trump noch das eine oder andere Gräueltätchen begeht, nur juckt es sie nicht.

Zumindest nicht so sehr, als dass sie ihr Kreuz ein Stück weiter links setzen würden. Dann hätte Trump recht. Dann könnte er sich tatsächlich in New York mitten auf die Fifth Avenue stellen und irgendjemanden, der zufällig vorbeikommt, erschießen, und trotzdem würden seine Wähler weiter zu ihm stehen und er würde nicht einen einzigen von ihnen verlieren.

Die Probe aufs Exampel funktioniert allerdings auch umgekehrt ziemlich „gut“. Womit wir bei Frage 4b wären. Sie wurde all jenen gestellt, die angesichts von Trumps Arbeit zuvor den Daumen gesenkt hatten. Die Frage lautete: „Können Sie sich irgendetwas vorstellen, das Trump während seiner Präsidentschaft tun könnte – außer zurückzutreten –, das Sie dazu bringen würde, seiner Arbeit zuzustimmen?“

70 % sagten daraufhin Nein. (Im Januar 2018 hatten 60 % Nein gesagt, und im August 2017 nur 57 %, was ebenfalls für die These von den in gegenseitiger Ablehnung zunehmend verfestigten, um nicht zu sagen: miteinander erstarrten politischen Lagern spricht). Aber wie dem auch sei, die 70 % bedeuten jedenfalls: Was immer Donald Trump auch macht, diese Leute kann er nie und nimmer gewinnen.

Was einerseits wieder einen gewissen Vorstellungsmangel in den Bereich des Möglichen rückt. Oder – denn auch hier gibt’s Möglichkeit Nummer zwei – diese Leute besitzen durchaus genug Vorstellungskraft und können sich bei Trump auch die eine oder andere gute Tat vorstellen, nur ändert das nichts, sie würden trotzdem niemals ihr Kreuz bei ihm machen. Und auch in diesem Falle hätte Donald Trump recht, denn was immer er auch sagt oder tut – sobald er diese Leute fragt: „Habe ich Sie überzeugt?“, sagen sie Nein. Nein und nein und nochmals nein.

Und was macht einer, der tun und lassen kann, was er will? Er tut und lässt, was er will. Und zwar wieder und wieder. Er hat ja nichts zu befürchten. Na schön, er hat auch nichts zu erwarten. Aber was kann man schon noch erwarten, wenn man bereits Präsident ist? Eine zweite Amtszeit? Gewiss, aber Donald Trump geht sowieso davon aus, dass er sie kriegt. Allein schon deshalb, weil seine Republikaner gerade die Wahlen in Virginia und Kentucky verloren haben und ihn viele jetzt bereits abschreiben. Aber das haben sie beim letzten Mal auch getan, und am Ende hat er gewonnen. Und siehe da – die Fettaugen auf der Meinungssuppe waren plötzlich verschwunden. Hatten sich aufgelöst. Wie Salzkörnchen, die jemand in der Hoffnung auf ein bisschen Geschmack, einer faden Brühe hinzugefügt hat.

Direkt zum „Tagebuch eines Hilflosen“.

Ol‘ King Coal oder Die dreckigen Märchen der Saubermänner

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Quelle: Cinémathèque Leipzig e.V.

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