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Thema

Tagebuch eines Hilflosen

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #58

Während sich – angesichts der aktuellen Lage in den USA – ein Großteil der Medien in politischer Ereignisgeschichte im Stile des 19. Jahrhunderts ergeht („große“ Männer, „große“ (Un-)Taten) und mittels aufgeblähter Singularitäten von der langweiligen Perspektive ablenkt („Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten muss sich ein Präsident einem zweiten Amtsenthebungsverfahren stellen“), interessieren mich weiter die randständigen Dinge, die Verwerfungen im Detail, die kleinen Gegenströmungen im großen Malstrom der Geschichte.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #57

Weltweit ist ein Wettbewerb darüber ausgebrochen, welcher Staat am schnellsten die meisten seiner Bürger geimpft bekommt. Die Ergebnisse werden täglich veröffentlicht und sind so eine Art Medaillenspiegel der internationalen Winterimpf-Olympiade. Statt in Gold, Silber und Bronze wird der Erfolg in verabreichten Impfungen pro 100 Leute gemessen.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #56

Immer mehr amerikanische Spitzenpolitiker lassen sich öffentlich gegen COVID-19 impfen, um das Vertrauen in den Impfstoff zu stärken und die Bevölkerung zu animieren, ihrem Beispiel zu folgen. Diesmal könnte es klappen. Aber das war nicht immer so. Beim nationalen Impfprogramm gegen die Schweinegrippe 1976 ging so ziemlich alles schief, was schiefgehen konnte.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #55

Die Angst, so heißt es, ist das Gefängnis des Geistes. In Corona-Zeiten trifft das besonders zu. Noch kann die Pandemie kein eigenständiges Kapitel in den Angstgeschichten der einzelnen Staaten vorweisen. Aber die Historiker arbeiten daran. Es dürften – im wahrsten Sinne des Wortes – furiose Geschichten werden.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #54

Black Friday. Großer Ausverkauf heute. Donald kündigt an, das Weiße Haus zu verlassen. Melania kündigt nichts an, wird Donald aber trotzdem verlassen. Allerdings erst wenn der Black Friday Sale vorbei und sie aus dem Weißen Haus raus ist. Da aber niemand – nicht mal das Weiße Haus – weiß, wo der Black Friday Sale eigentlich herkommt, kündige ich hiermit an, den Anlass, den Ort und die Zeit für diesen seltsamen Tag hier und heute zu nennen.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #53

The Times They Are a-Changin'... Als ich mich vor knapp zwei Jahren im Tagebuch mit der Zahl der Frauen im US-Repräsentantenhaus beschäftigt und einen kleinen historischen Vergleich angestellt habe, sah der so aus: 1989: 16 Frauen bei den Demokraten, 13 Frauen bei den Republikanern. 2019: 88 Frauen bei den Demokraten, 13 Frauen bei den Republikanern.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #52

Joe Biden hat die Wahl gewonnen, aber viel spannender als die Frage, warum er gesiegt hat, ist die Frage, warum er einige wichtige Wählergruppen verloren hat. Darüber nachzudenken lohnt sich, besonders für die politische Linke hierzulande – und zu der zähle ich mich trotz aller Kritik an ihr. Oder sagen wir besser: gerade deswegen, denn ich halte es in dieser Hinsicht mit dem ollen Schlegel, der einst erklärte: „Der wahre Protestant muss auch gegen den Protestantismus selbst protestieren, sobald er sich nur in neues Papsttum und Buchstabenwesen verkehren will. Die Freiheit des Denkens weiß von keinem Stillstande und die Polemik von keinen Schranken.“

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #51

Wir leben in einer Zeit, in der die Religion keine Privatsache mehr ist, sondern zu einer öffentlichen Angelegenheit gemacht wird. Ihren Wiederaufstieg verdanken die im Schaum der Tage geborenen Glaubensbekenntnisse einer dubiosen Gemengelage aus politischem Machtdrang, moralischer Bigotterie und einem mit Frömmeleien ummantelten Raubtierkapitalismus, wobei sie von politisch linker Seite aus durch ein bestenfalls blauäugig zu nennendes Agenda-Setting und fehlende Fundamentalkritik noch unterstützt werden. Den Satz „Es gibt keinen Gott“ hört man jedenfalls weder im politischen Berlin noch im politischen Washington dieser Tage.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #50

Die Geschichte ist den deutschen Journalisten das liebste Beweisstück, auch wenn sie in Wahrheit natürlich gar nichts beweist. Aber jetzt, wo man die Geschichte zumindest mal aus Plausibilitätsgründen rausholen könnte, bleiben die Federn stumm. Oder sagen wir besser: sie stecken weiter im Hahn, sind tief ins Fleisch des Trump-Gockels gestopft, um ihn bis ins Detail zu analysieren – ab in die Tiefe und dann von innen heraus, so lief das in der deutschen Geistesgeschichte schon immer.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #49

Wahlkämpfe sind Zahlkämpfe. In den USA ganz besonders. Geschätzte 10,9 Milliarden Dollar werden dieses Mal für die Stimmenmache ausgegeben. Das entspricht dem Bruttosozialprodukt von Äquatorialguinea. Was irgendwie passt, schließlich bedeutet Äquator Gleichmacher. Wobei ich gleich mal noch ein anderes Thema aufmachen muss. Die oft vertretene Ansicht, die Wahlkämpfe würde immer teurer werden, stimmt nämlich nur bedingt.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #48

Die politische Rede ist ein trügerisches Gebilde. Oft werden Tonnen an Worten auf Nichtigkeiten verwendet, während Wichtiges weitgehend unerwähnt bleibt. Trump ist ein Meister im Aufblasen des Akzidentiellen, während einige der gesellschaftspolitisch entscheidenden Themen bei ihm fast unerwähnt bleiben. So geht es zum Beispiel den Methanemissionen, die zu den größten Klimakillern unserer Zeit gehören. Trump hat sich in seiner gesamten Präsidentschaft genau ein Mal dazu geäußert. Und selbst da hat er die Gefahren unerwähnt gelassen und stattdessen die Ausweitung der Emissionen gefeiert.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #47

Donald Trump hat das Krankenhaus verlassen. In den Tagen zuvor hatten sich hunderte seiner Anhänger vor dem Hospital versammelt und Andachten für ihn gehalten. Evangelikale Kirchenführer hatten zu Gebeten aufgerufen. Manche Menschen harrten tagelang auf der Straße vor dem Krankenhaus aus, schwenkten riesige Make America Great Again-Flaggen, spielten patriotische Lieder und wurden zwischendurch von Trumps Leuten mit Essen und Trinken versorgt. Als ich das sah, wurde mir ganz poetisch zumute, und ich fing an zu dichten ...

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #46

Es ist eigenartig, dass bei den hiesigen Diskussionen über Polizeigewalt in den USA das Programm 1033 kaum eine Rolle spielt. Aber vielleicht hat das auch seinen „guten“ Grund, vielleicht spiegelt sich darin ein zentrales Problem der Kritik. Es ist nämlich leicht, der Polizei strukturellen Rassismus vorzuwerfen, aber schwer, abseits von Generalverdächtigungen nach konkreten Ursachen von Polizeigewalt zu suchen.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #45

Wenn die Historiker eines Tages ein Resümee dieser Präsidentschaft ziehen und mit ihren Worten die großen Linien aufs Papier malen, wird es in puncto Umwelt- und Klimaschutz so aussehen, als habe die Trump-Regierung eine Rückwärtsrolle nach der anderen gemacht. Und doch finden sich unter dem ganzen Rückwärtsgekuller hier und da vorsichtige Kriechbewegungen in die andere Richtung.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #44

Ich weiß nicht, ob es an der deutschen Obsession mit Mauern liegt, dass Trumps Mauerbau an der Grenze zu Mexiko hierzulande medial so viel Raum einnimmt, während das offizielle Flüchtlingsprogramm der USA ziemlich unterbelichtet bleibt. Frei nach dem Motto: Unsere Mauer ist weg, jetzt beschäftigen wir uns mit den Mauern der anderen. Und unsere Flüchtlinge sind noch da, da haben wir selbst genug mit zu tun.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #43

Was mir fehlt, sind die Zweifler. Die Ja, aber- und Nein, doch-Sager. Diejenigen, die das „dubito, ergo sum“ aus dem eigenen Schaffen heraus definieren und Position zwischen den politischen Frontlinien beziehen, um das Wort nicht nur an sich selbst, sondern an all jene zu richten, die sich in ihre diskursiven Schützengräben zurückgezogen haben und einen ebenso sinn- wie schier endlosen Stellungskrieg führen, der im permanenten Abfeuern von Stellungnahmen besteht, in denen sich – selbst zwischen den Zeilen – nicht der leiseste Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Position finden lässt.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #42

Krisenzeiten sind Möglichkeitszeiten, Zeiten von Überbietung und Experiment. Corona zeigt uns das jeden Tag, und nur die heimlichen Datenkraken wissen, wie tief das Wasser unter der Oberfläche noch ist. Wobei es im Grunde gar keine Tauchgänge in die Untiefen des Möglichen (und die Abgründe des Menschlichen) braucht, denn was auf der Oberfläche schwimmt, ist erschreckend genug.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #41

Joe Biden ist der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei. Am vergangenen Donnerstag hat er seine Nominierung angenommen und die dazugehörige „acceptance speech“ gehalten. Weil ich aber keine Lust habe, die Rede zusammenzufassen („Das Land ist zerrissen. Ich werde es einen. Tralalalalala...“) werde ich diesen Tagebucheintrag mit Fun Facts über Präsidentschafts-Kandidaten-Nominierungs-Antritts-Dankes-Reden vollkritzeln.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #40

Wenn's um ihre Waschmaschinen geht, drehen die Amerikaner durch. Werden die Klamotten nicht richtig sauber, gibt's Ärger. Dann wird schmutzige Wäsche gewaschen. Und zwar nicht nur zu Hause, sondern in aller Öffentlichkeit.

Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #39

Ehrlich gesagt denke ich nicht lange nach, bevor ich zu schreiben beginne, mache mir nie ein Konzept und hoffe, dass sich die Dinge während des Gepinsels irgendwie fügen und mir eine Geschichte erzählen, die ich bis dahin nicht kannte. Alles andere wäre auch furchtbar langweilig. Würde ich wissen, worauf die Sache hinausläuft, hätte ich weder die Lust noch die Kraft zu beginnen.

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