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Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #48

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    Die politische Rede ist ein trügerisches Gebilde. Oft werden Tonnen an Worten auf Nichtigkeiten verwendet, während Wichtiges weitgehend unerwähnt bleibt. Trump ist ein Meister im Aufblasen des Akzidentiellen, während einige der gesellschaftspolitisch entscheidenden Themen bei ihm fast unerwähnt bleiben. So geht es zum Beispiel den Methanemissionen, die zu den größten Klimakillern unserer Zeit gehören. Trump hat sich in seiner gesamten Präsidentschaft genau ein Mal dazu geäußert. Und selbst da hat er die Gefahren unerwähnt gelassen und stattdessen die Ausweitung der Emissionen gefeiert.

    Am 23. Oktober 2019 hatte Trump in einer Rede in Pittsburgh erklärt: „Die Ölproduktion auf Bundesland hat ein neues Allzeithoch erreicht. Die Einnahmen, die dem amerikanischen Steuerzahler zugute kommen, haben sich, seitdem ich im Amt bin, fast verdoppelt. Wir verschlanken bei der Umweltschutzbehörde EPA die Regularien für Öl und Methan.“

    Anlass seiner Ausführungen war die „Shale Inside Conference“, das jährliche Lobbyistentreffen der amerikanischen Schieferöl- und Schiefergasindustrie. Dabei geht es vielen dieser Unternehmen alles andere als gut. In den vergangenen fünf Jahren sind in den USA mehr als 200 Öl- und Gasförderer pleitegegangen.

    Weitere 200 dürften in den kommenden zwei Jahren folgen. Die Folge: Immer mehr Gas- und Ölquellen verwaisen. Seit Jahrzehnten steigt ihre Zahl kontinuierlich. Von den weltweit 29 Millionen verwaisten Gas- und Ölquellen liegen 3,2 Millionen auf us-amerikanischem Territorium.

    Die riesige Zahl ist freilich nicht nur ein Effekt pleitegegangener Unternehmen, sondern Ausdruck einer generellen Bankrotterklärung was die Verantwortlichkeit der Firmen gegenüber der Umwelt betrifft. Fast alle Öl- und Gasförderer lassen seit Jahrzehnten Quellen in großem Umfang verwaisen.

    Viele von ihnen geben die Quellen aufgrund der sinkenden Preise einfach auf, ohne sie ordentlich zurückzubauen und die Bohrlöcher zu schließen. Sie hoffen, dass die Preise für Öl und Gas wieder steigen und dass sich die Reaktivierung der Quellen dann lohnt. Genau das aber passiert fast nie. Und in Coronazeiten im Grunde überhaupt gar nicht mehr.

    Ein im Juni von der Umweltorganisation Carbontracker veröffentlichter Bericht hat erstmals das Ausmaß der Probleme deutlich gemacht und gezeigt, dass die Öl- und Gasindustrie die für den umweltgerechten Rückbau der Quellen erforderlichen Gelder nicht zurückgelegt hat. Diese sogenannten Asset Retirement Obligations (AORs) müssen eigentlich in den Finanzberichten der Unternehmen ausgewiesen werden. Oft aber wird das nicht gemacht oder die Zahlungsverpflichtung in eine weit entfernte Zukunft verschoben, obwohl viele Quellen nachweislich bereits verwaist sind und zurückgebaut werden müssten.

    Gesetzliche Vorgaben zum Bilden solcher Rücklagen gibt es aber kaum. Die Folge: Die Industrie versucht, so viel Profit wie möglich aus den Quellen zu schlagen. Werfen die Quellen aber nicht mehr genug ab bzw. lohnt sich Förderung generell nicht mehr, werden sie aufgegeben und nur selten ordnungsgemäß zurückgebaut und verschlossen.

    Am Ende zahlen meist die Bundesstaaten die Zeche. Aber auch viele Landbesitzer, auf deren Gebiet die Quellen liegen, sind betroffen, wobei die Belastungen nicht nur finanzieller und ökologischer, sondern auch gesundheitlicher Art sind, denn immer wieder verseuchen Lecks aus alten Quellen das Trinkwasser.

    Wie hoch die Gesamtkosten für die ökologischer Sanierung der verwaisten Öl- und Gasquellen in den USA sind, weiß niemand genau zu sagen. Die vom Carbontracker geschätzte Summe von knapp 150.000 Dollar pro Quelle scheint jedoch um einiges zu hoch gegriffen. Empirische Daten des American Geosciences Institute aus den Jahren 1977-2017 deuten darauf hin, dass die Summe eher bei 10.000–20.000 Dollar pro Quelle liegen dürfte. Aber auch das bedeutet noch immer Milliardenkosten.

    Aber nicht nur bei der Rücklagenbildung, auch bei der Kontrolle der Emissionen der (verwaisten) Quellen fehlen gesetzliche Vorschriften, da die Trump-Administration die entsprechenden Regeln der Obama-Regierung massiv aufgeweicht hat. Künftig müssen die Öl- und Gasfirmen Methanlecks in ihren Quellen nicht mehr aufspüren und beseitigen.

    Dabei wäre genau das wichtig, denn Methan ist extrem klimaschädlich. Es entweicht in großen Mengen aus den alten Bohrlöchern, deren brüchig gewordene Förderleitungen oft zwei bis drei Meilen tief in den Boden reichen. Erst da beginnt die „Pay Zone“. Den wirklichen Preis aber zahlt man auf der Erde in Form der Klimaerwärmung.

    Bemerkenswert ist, dass die Methanemissionen erst seit kurzem überhaupt in die Berechnungen für die Klimamodelle mit einbezogen werden. Was vor allem daran liegt, dass – zumindest in den USA – das aus den Quellen entweichende Methan erst seit 2011 gemessen wird. Vorher war das Problem noch nicht mal als solches erkannt worden.

    In den USA hat daraufhin eine umfangreiche Erforschung der Emissionen eingesetzt. Zwar wurden bisher nur von wenigen tausend der über drei Millionen verwaisten Quellen die Emissionen gemessen, aber fest steht schon jetzt, dass bei rund 90 % von ihnen Methan austritt. Die Forschungsergebnisse haben sich dann auch politisch niedergeschlagen, und zwar vergleichsweise schnell, weil der Obama-Administration die (Regierungs-)Zeit davonlief.

    Im Mai 2016 hat sie die „Oil and Natural Gas New Source Performance Standards“ erlassen. Dadurch wurden die Betreiber unter anderem verpflichtet, die Methanemissionen ihrer Quellen zu erfassen und sie so auszurüsten, dass der Schadstoffausstoß möglichst gering gehalten wird und keine Lecks mehr entstehen. Genau diese Regeln hat die Trump-Administration in Form der Umweltsch(m)utzbehörde EPA im August dieses Jahres weitgehend aufgehoben.

    Als Ort der Verkündigung hatte sich EPA-Chef Wheeler nicht umsonst Pittsburgh ausgesucht. In der Region befindet sich das größte natürliche Gasvorkommen der USA. Zudem war Trump im vergangenen Jahr in Pittsburgh gewesen und hatte „schlankere“ Regularien versprochen. Es war also eine der üblichen Versprechen gegeben, Versprechen gehalten-Inszenierungen. Und auch die Begründung für die regulatorische Rückwärtsrolle war altbekannt: Abbau von Bürokratie, Förderung der Wirtschaft, Senkung von Unternehmenskosten.

    In diesem Fall sollen den Öl- und Gasförderern 100 Millionen Dollar mehr im Jahr in den Taschen verbleiben. Was freilich auch mehr wird, ist das Methan in der Luft. Die EPA schätzt die durch Lecks entweichende Menge bis zum Jahr 2030 auf 850.000 Tonnen. Fast alle wissenschaftlichen Studien gehen dagegen von 1,5 bis 2,5 Millionen Tonnen aus. Aber selbst wenn es „nur“ 850.000 Tonnen sind, muss selbst die EPA inzwischen zugeben, dass die Öl- und Gasindustrie der USA der größte Methanproduzent des Landes ist.

    Und Methan ist ein echter Klimakiller. Verglichen mit dem Beitrag, den Kohlendioxid zur Erderwärmung leistet, ist der von Methan pro Einheit um ein Vielfaches höher. Sein Treibhauspotential beträgt mehr als das Zwanzigfache von Kohlendioxid. Forscher gehen davon aus, dass ein Viertel der vom Menschen verursachten Erderwärmung seit dem Jahr 2000 auf Methanemissionen zurückzuführen ist.

    Selbst die großen Öl-Multis sind mit der Neuregelung der EPA nicht glücklich. Die Präsidentin von Shell USA, Gretchen Watkins, sagte dazu: „Der negative Einfluss von Lecks und sich verflüchtigenden Emissionen ist in den vergangenen Jahren weithin anerkannt worden. Es ist deshalb frustrierend und enttäuschend zu sehen, dass die Regierung einen anderen Weg einschlägt.“

    Shell ist allerdings nicht zum Vorreiter der ökologischen Wende geworden. Auch in diesem Fall trügt die politisch klingende Rede, denn Aussagen wie diese haben einen ganz anderen Grund: Wie viele (ehemalige) Öl-Multis baut auch Shell seit Jahren seine Gassparte massiv aus.

    Manche der großen Ölfirmen machen inzwischen fast 50 % ihrer Umsätze mit Gas, das von ihnen als Brückentechnologie zwischen Kohle auf der einen und den erneuerbaren Energien auf der anderen Seite betrachtet wird. Wenn die hohen Methanemissionen, die vor allem bei der Gasförderung entstehen, aber nicht kontrolliert werden, fällt das von Shell und Co. gern genutzte Argument, dass Gas sauberer ist als Kohle, in sich zusammen.

    Andrew Wheeler, dem Chef der EPA, dürfte das allerdings gar nicht so unrecht sein. Als ehemaliger Kohlelobbyist weiß er, wie er nicht nur seinen aktuellen Chef Donald Trump, sondern auch seine alten Kohle-Kumpels glücklich machen kann.

    Alle Auszüge aus dem „Tagebuch eines Hilflosen“.

    Direkt zum „Tagebuch eines Hilflosen“.

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