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Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #57

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    Weltweit ist ein Wettbewerb darüber ausgebrochen, welcher Staat am schnellsten die meisten seiner Bürger geimpft bekommt. Die Ergebnisse werden täglich veröffentlicht und sind so eine Art Medaillenspiegel der internationalen Winterimpf-Olympiade. Statt in Gold, Silber und Bronze wird der Erfolg in verabreichten Impfungen pro 100 Leute gemessen.

    Aktuell führt Israel mit 14,14 vor Bahrain mit 3,62 und Großbritannien mit 1,39. Allesamt Länder, die bei den Olympischen Winterspielen normalerweise keinen Fuß in die verschneite Tür bekommen oder – wie im Falle Bahrains – lieber gleich ganz zu Hause bleiben und gar nicht erst teilnehmen.

    Die USA liegen übrigens mit 1,38 Impfungen pro 100 Einwohner knapp dahinter auf Platz vier. Deutschland kommt dagegen nur auf 0,32. Angesichts der neu erweckten deutschen Großmannssucht und dem altgedienten Platz 1 im ewigen Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele klingt das gar nicht gut und wird folglich auch entsprechend bemängelt. Frei nach dem Motto: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wo nicht geimpft wird, fällt der Spahn.

    Wobei die Sache wie immer eine Frage der Perspektive ist. Denn Null Komma irgendwas klingt nie gut. Aber wie jeder Statistiker weiß, muss man nur die Einheiten anpassen, dann sieht die Sache schon freundlicher aus. Also werden die offiziellen Zahlen in Deutschland nicht in Impfungen pro 100, sondern pro 1.000 Einwohner gemessen – und zack, schon sind es 3,2. Ändert zwar nichts am Ergebnis, klingt aber besser.

    Mathematrick betreiben sie aber nicht nur hierzulande, sondern auch in den USA. Die 1,38 Impfungen pro 100 Einwohner (bzw. 13,8 nach deutscher Rechenmethode) scheinen jedenfalls ein wenig übertrieben, denn die elf Millionen illegalen Einwanderer im Land werden nicht mitgezählt.

    Aber es geht mir hier nicht um Zahlenspiele und die Frage, wie weit der Wert sinken würde, rechnete man die Illegalen mit rein. Nein, worum es mir geht, ist die Frage, ob die Impfungen diese Leute überhaupt erreichen werden. Denn wenn elf Millionen Menschen per se außen vor bleiben, wird das mit der Herdenimmunität durch Impfungen schwer.

    Zumal viele illegale Einwanderer genau dort arbeiten, wo der Kontakt zu anderen Menschen besonders groß ist – in Restaurants, Supermärkten, im Pflegebereich, in der Fleischindustrie oder in Sport- und Freizeiteinrichtungen, wo sie – wie in Trumps Ressorts und Golfclubs – meist die Drecksarbeit machen.

    Aber auch sonst stehen die Illegalen vor einem Haufen Probleme – und durch Corona ist dieser Haufen noch größer geworden. Allein schon deshalb, weil in den USA die Impfpriorisierung mithilfe eines Algorithmus erledigt wird.

    Wie der genau aussieht, ist der Öffentlichkeit nicht bekannt. Man weiß nur, dass das Gesundheitsministerium die Datensammelfirma Palantir-Technologies mit der Erstellung des Algorithmus und dem Aufbau der dazugehörigen Software-Umgebung beauftragt hat, weshalb über die Verteilung des Impfstoffes letztlich Programmierer entscheiden.

    Dass deren Vorstellungen von Welt und die darauf basierenden Algorithmen gerade bei Gesundheitsfragen oft abseits der Realität liegen und bestehende soziale Ungleichheiten eher verstärken als abbauen helfen, haben zahlreiche Studien gezeigt.

    Dass ausgerechnet Palantir (Aktienkurs in den letzten sechs Monaten: + 137 %) den Zuschlag bekommen hat, ist ebenso bezeichnend wie traurig. Gäbe es einen Medaillenspiegel besonders zweifelhaft arbeitender Unternehmen, wäre Palantir ganz vorn mit dabei. Die Firma ist nicht nur als rassistischer Arbeitgeber bekannt, sondern hilft seit 2014 auch der US-Einwanderungsbehörde, Illegale im ganzen Land aufzuspüren.

    Die Methoden sind dabei – wie bei Palantir üblich – äußerst zweifelhaft und bewegen sich im rechtlichen Dunkelgrau mit Tendenz zu Schwarz. Erst Ende September hat ein Bericht von Amnesty International der Firma schwere Menschenrechtsverstöße vorgeworfen.

    Von Palantir dürfen die Illegalen also nichts erwarten. Schon gar keine Impfpriorisierung. Aber auch sonst sieht es schlecht aus. Der Gouverneur von Nebraska wurde gestern gefragt, ob die Impfungen auch für die Illegalen in den Schlachtbetrieben verfügbar sein werden. Seine Antwort: Diese Leute dürfen dort gar nicht arbeiten.

    Was nicht nur zynisch ist angesichts der Tatsache, dass zehntausende Illegale einen Job in der Fleischindustrie haben, dass sie aufgrund ihrer Arbeit besonders gefährdet sind und dass sich die Amerikaner ohne diese Leute ihr Fleisch aus den eigenen Rippen schneiden müssten. Nein, es ist auch zynisch, weil es im Grunde nichts anderes besagt als: Diese Menschen haben kein Recht auf eine Impfung.

    Aber selbst wenn sie dieses Recht haben (und sie haben es!), bleibt noch immer die Frage, wie viele Illegale sich angesichts der amerikanischen Einwanderungspolitik der letzten vier Jahre aus der Deckung wagen und zum Impfen gehen. Die Angst, aufgegriffen und abgeschoben zu werden, ist bei vielen groß. Zwar hat Biden im Wahlkampf erklärt, dass jeder in den USA Zugang zum Impfstoff bekommen sollte, ganz egal, wie sein Aufenthaltsstatus ist.

    Und auch der Leiter der Nationalen Gesundheitsbehörde, Jerome Adams, hat versichert, dass niemandem die Impfung verweigert wird und die medizinischen Daten weder zur Strafverfolgung noch sonst irgendwie von der Einwanderungsbehörde genutzt werden. Aber erstens ist offen, wie viele Illegale seine Worte überhaupt hören und ihm Glauben schenken, und zweitens bleibt – selbst wenn alle Gefahren beseitigt und sämtliche Unwägbarkeiten ausgeräumt sind – noch immer die Frage, wie viele sich überhaupt impfen lassen wollen.

    Die Impfraten in den lateinamerikanischen Ländern, aus denen die meisten Illegalen kommen, liegen ungefähr auf dem Niveau der USA, wobei sie in Nicaragua, Honduras und Mexiko tendenziell eher höher sind als in den Vereinigten Staaten. Kurzum: Wie die Sache ausgeht, ist (noch) nicht vorhersehbar. Sicher ist nur, dass die Millionen Illegalen in den kleinen Zahlen der großen Impf-Olympiade noch nicht mal als Leerstelle auftauchen.

    Alle Auszüge aus dem „Tagebuch eines Hilflosen“.

    Das „Tagebuch eines Hilflosen“ als Buch ab Frühjahr im Verlag Matthes & Seitz.

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    2 KOMMENTARE

    1. Stimmt, die 11 Millionen allein wären nicht das Problem, aber so wie ich das verstehe, müssen da noch die viele Amerikaner dazugerechnet werden, die sich nicht impfen lassen wollen. Ich habe gelesen, dass 40% der Leute dort skeptisch sind, und 25% sich nicht impfen lassen wollen. Wenn für eine Impf-Herdenimmunität 70% gebraucht werden, würde es dann schon knapp werden. Aber das ist hier in Sachsen ja nicht anders, scheint mir.

    2. Herdenimunität wird trotzdem kommen.
      Die 11Mio. Illegalen machen nicht mal 4% der amerikanischen Bevölkerung aus.

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