Leipzig hat am Mittwoch zum fünften Mal die Roma-Flagge gehisst. Am Internationalen Tag der Roma möchte die Stadt damit ein Zeichen für Zusammenhalt setzen und auf die andauernde Diskriminierung von Roma und Sinti aufmerksam machen. In den Jahren 2023 und 2024 wurden in Sachsen jeweils knapp 150 antiziganistische Vorfälle registriert.

Die Zahlen, die während der Flaggenhissung auch von Martina Münch genannt wurden, stammen aus dem Jahresbericht der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus Sachsen. 2023 waren es 141 erfasste Vorfälle; im Jahr darauf sieben mehr. Die Bürgermeisterin für Soziales, Gesundheit und Vielfalt sagte dazu: „Wir dürfen das nicht hinnehmen.“

Die Roma-Flagge zu hissen, sei mittlerweile eine „kleine Tradition geworden“, sagte Münch am Mittwoch vor dem Neuen Rathaus. „Damit zeigen wir: Wir meinen es ernst, wir vergessen nicht.“ Selbstverständlich sei das in Zeiten, in denen die Erinnerungskultur zunehmend unter Druck gerate, nicht mehr.

Vereinsvertreter Gjulner Sejdi und Vielfaltbürgermeisterin Martina Münch. Foto: René Loch

Laut dem im März veröffentlichten Jahresbericht handelt es sich in mehr als 90 Prozent der antiziganistischen Vorfälle um „Stereotypisierung“. Das sind unter anderem Schmierereien sowie Reden und Plakate auf Versammlungen, teilweise mit Verwendung des Z-Wortes.

Extreme Gewalt gegen 13-jährige Romni

2024 hat die Meldestelle auch zwei Fälle „extremer Gewalt“ registriert. Einen beschreibt sie so: „Eine Gruppe von vier Mädchen (14 bis 17 Jahre) überfällt eine 13-jährige gehörlose Romni und zerrt sie in ein Abrisshaus. Dort wird das Mädchen gefesselt und über mehrere Stunden festgehalten und mit einem Stock geschlagen und gefilmt. Das Opfer kann sich nach fünf Stunden befreien und verletzt fliehen.“ Der Vorfall ereignete sich laut Medienberichten in Meißen.

Die Meldestelle wurde vor vier Jahren durch den Leipziger Verein „Romano Sumnal“ gegründet. Dessen Vorsitzender Gjulner Sejdi war bei der Flaggenhissung auch anwesend. Er zeigte sich von der Geste „berührt“ und sagte, dass solche Zeichen manchmal mehr bedeuten können als Worte. Für musikalische Begleitung sorgten die Violinistin Alma Gröning und der Gitarrist Rodrigo Ruiz.

Gjulner Sejdi hält vor Anwesenden eine kurze Rede. Foto: René Loch

Im Anschluss an die Veranstaltung führte die ehemalige Landtagsabgeordnete Petra Čagalj Sejdi, mittlerweile Sprecherin des Kreisvorstandes der Leipziger Grünen, circa 20 Interessierte durch die Innenstadt. Dort zeigte sie Orte mit einem historischen Bezug zu Sinti und Roma.

Am Wilhelm-Leuschner-Platz sprach sie über den Namensgeber, der einerseits Widerstand gegen die Nazis lieferte, andererseits als hessischer Innenminister den Weg für die Ermordung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus ebnete. Auch die Ethnologie der Universität spielte laut Čagalj Sejdi damals eine unrühmliche Rolle. Der Rundgang führte auch zum Schwanenteich, wo das Denkmal für die deportierten und ermordeten Sinti und Roma steht.

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