So ganz nebenbei bekommt man da mit: Der Weg hat ja ein Jubiläum in diesem Jahr. Im September jährt sich die Fertigstellung des Fuß- und Radweges am Karl-Heine-Kanal zum 30. Mal. Damals erschloss er zum ersten Mal den unter der Leitung von Karl Heine in Plagwitz gebauten Kanal. Ein idyllisches Eckchen war entstanden.

Doch 30 Jahre später hat der Weg ein Problem: Er wird von immer mehr Fußgängern und Radfahrern genutzt. Immer öfter kommt es – gerade im morgendlichen Berufsverkehr – zu Konflikten. Sollte der Weg also für Radfahrer gesperrt werden?

Das war eigentlich der Wunsch hinter einer Einwohneranfrage, die am 25. März im Leipziger Stadtrat zum Aufruf kam. Dass es zu immer mehr Konflikten kommt, hat mehrere Gründe. Darunter das Aufkommen von immer mehr genutzten Rennrädern und E-Bikes, die mit ihren Geschwindigkeiten auf dem schmalen Weg eigentlich nichts zu suchen haben. Aber seit 2015 wurde der Karl-Heine-Kanal ja bis zum Lindenauer Hafen verlängert. Dort entlangzufahren, wurde also noch attraktiver.

Dass es auf dem Weg immer öfter zu Konflikten kommt, ist auch im Baudezernat bekannt. Irgendetwas muss hier passieren, das stellte am 25. März auch Baubürgermeister Thomas Dienberg fest.

Aber die Einwohnerin, die die Anfrage gestellt hatte, wünschte sich eigentlich eine resolute Lösung.

Der Wunsch der Einwohnerin

„Ich möchte gerne den Antrag stellen, dass der komplette Karl-Heine-Kanal zur Fußgängerzone umgewandelt wird. Dass von der Erich-Zeigner-Allee bis zum Lindenauer Hafen und dieser komplett, alles zur Fußgängerzone wird.

Der Fahrradverkehr hat in den letzten Jahren so extrem zugenommen, dass die Fahrradfahrer die Fußgänger verdrängen. Und das geht so nicht mehr, der Kanal ist zur Erholung da und nicht zum Spießrutenlauf für Fußgänger. Ich gehe jeden Tag, seit mittlerweile über 10 Jahren, früh meine Gassi-Runde.

Vor Corona war der Fahrradverkehr noch verhältnismäßig normal, aber seit Corona hat das so extrem zugenommen, dass wir Fußgänger dort gefährlich leben. Die schlimmste Zeit in der Woche ist, von 07:00 bis 09:00 Uhr. Das ist so gefährlich geworden, dass mittlerweile viele Fußgänger, in der Zeit nicht mehr dort langlaufen.

Am Wochenende ist das nicht der Fall, ganz im Gegenteil, da sind so wenige Fahrradfahrer unterwegs. Mir selber ist es schon mehrfach passiert, dass mich Fahrradfahrer angefahren haben. Dass ich beleidigt wurde, man mich beschimpft hat, meinen Hund beleidigte und auch Drohungen ausgesprochen und bestimmte Gesten gemacht hat. Ich musste schon mehrfach zur Seite springen, weil Fahrradfahrer der Meinung waren, der Weg gehört den Fahrradfahrern und Fußgänger haben dort nichts zu suchen.

Selbst die Fahrradfreie Zone, wo der Wasserspielplatz ist, wird mit dem Fahrrad entlanggefahren. Dort spielen Kinder, die achten nicht darauf, dass dort jemand mit dem Fahrrad langfährt.

Der Karl-Heine-Kanal mit dem uferseitigen Geh- und Radweg. Foto: Ralf Julke
Der Karl-Heine-Kanal mit dem uferseitigen Geh- und Radweg. Foto: Ralf Julke

Auch die Zugänge zum Kanal (Auf- und Abfahrten) werden mit deinem Tempo runtergefahren, dass man unten am Kanal nur hoffen kann, dass nichts passiert. Auch die Kurven werden so umfahren, dass die Fahrradfahrer den Fußverkehr und andere Fahrradfahrer zum Anhalten zwingen, oder man zur Seite ins Gebüsch springt.

Ist mir auch schon zweimal passiert. Ganz gefährlich ist der Zugang, von der Karl-Heine-Straße zum Kanal und der Zugang von der Helmholtzstraße, am Spielplatz vorbei. Die Kurven sind nicht einsehbar und dennoch fahren die Fahrradfahrer so schnell um die Kurve, ohne zu schauen.

Auch die Fahrweise der Fahrradfahrer ist katastrophal. Es wird mit nur geringem Abstand an Fußgängern vorbeigefahren, ich spüre jedes Mal den Windzug vom Lenker am Unterarm, oder vom Lastenfahrrad am Bein. Dann viel zu schnell, viele haben so eine Geschwindigkeit drauf, das macht einem Angst.

Es wird freihändig gefahren, mit dem Handy in der Hand oder am Ohr, Kinder, die nicht ordentlich gesichert sind oder rechtswidrig auf dem Fahrrad transportiert werden. Das Schlimmste, was ich mal gesehen habe, wie ein Vater seine 1,5-jährige Tochter auf dem Unterarm sitzend festhielt und an mir vorbeirauschte.

Ich habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Kinder, die frei auf dem Gepäckträger sitzen, vorne oder hinten. Ohne Sitz und Sicherung. Nebeneinander, zu zweit, zu dritt und zu viert. Da sehen Sie als Fußgänger alt aus, da noch Platz zu haben auf dem Gehweg.

Es wird nicht darauf geachtet, andere Verkehrsteilnehmer nicht zu behindern. Bestes Beispiel: die Fußgängerbrücke an der Saalfelder Straße/Am Kanal. Sie fahren über die Brücke auf den Gehweg, ohne anzuhalten oder zu schauen, ob jemand kommt. Eine Frau auf dem Fahrrad musste eine Vollbremsung machen, nur damit sie nicht mit dem Mann auf dem Fahrrad zusammenstößt.

Das sind nur einige Beispiele meines Alltags am Karl-Heine-Kanal. Ein Mann, so Mitte 50, hat sogar mit Erschießen des Hundes gedroht. Oder die Frau auf dem elektrischen Rollator (Straßenzulassung), die zweimal im Jahr am Kanal langfährt. Die fährt mit einer Geschwindigkeit dort entlang, da kann man nur zur Seite springen. Rücksicht kennt dort niemand.

Deshalb fordere ich mehr Schutz für Fußgänger und einen Fahrradfreien Karl-Heine-Kanal. Und nein, den Fußweg zu trennen, würde nichts bringen, bei den Massen an Fahrradfahrern.

Deshalb, ab der Erich-Zeigner-Allee, bis zum Lindenauer Hafen, den kompletten Lindenauer Hafen, auch den Parallelweg vom Kanal, das ist die Straße Am Kanal, auch der Zugang von der Saarländer Straße und der Zugang von der Lützner Straße.

Und die Touristen entdecken den Karl-Heine-Kanal zu Fuß oder auf dem Wasser. Das sind so wenige, die mit dem Fahrrad langfahren.

Ein weiterer wichtiger Grund ist auch, dass das Fahrradwegenetz in dem Bereich komplett ausgebaut ist. Damit gibt es keinen Rechenschaftsgrund mehr, dass die Fahrradfahrer noch den Karl-Heine-Kanal zum Pendeln benutzen. Alle Straßen in der Umgebung des Kanals haben einen Fahrradweg. Selbst die Lücke auf der Lützner Straße ist mittlerweile geschlossen.“

Sperrung ist keine Option

Am 25. März hatte sie dann trotzdem noch ein paar Nachfragen. Denn so recht zufrieden war sie mit der Antwort des Mobilitäts- und Tiefbauamtes (MTA) nicht.

Das hatte ihren Sorgen über die Nutzung des Weges tatsächlich zugestimmt.

„Die von Ihnen geschilderte Situation sieht die Stadtverwaltung ebenfalls als Problem an. Das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme ist in der Straßenverkehrs-Ordnung mit gutem Grund in § 1 geregelt: ‚Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.‘“, heißt es in der Antwort des Baubürgermeisters.

Der die Gelegenheit auch nutzte, um zu erklären, warum es einen rigiden Ausschluss der Radfahrer am Karl-Heine-Kanal nicht geben kann.

„In den 90er Jahren ist die Idee und Umsetzung eines Radwegs entlang des Karl-Heine-Kanals entstanden und zur EXPO 2000 umgesetzt worden. Er ist im Wortsinn eine Aktiv-Achse für die Entwicklung des Leipziger Westens geworden, der von den Anwohnerinnen und Anwohnern, aber auch Pendlern sehr gern angenommen wurde. Er ist in seiner Entstehungsgeschichte explizit als Rad-/Gehweg errichtet und über den Bund gefördert worden“, heißt es in der Antwort.

Auch mit der Bestätigung der starken Nutzung des Weges: „Eine Zunahme des Radverkehrs konnte in den letzten Jahren auf der Verbindung nicht festgestellt werden. Zählungen in 2019 und 2024 am Eingang an der Erich-Zeigner-Allee ergaben, dass der Weg täglich von ca. 3.500 Radfahrenden genutzt wird. Der Umfang war in den fünf Jahren stabil.

Zweifelsohne ist dies bereits eine recht hohe Frequenz. Die Breiten von 3,5 m bis zu 4 m oder darüber hinaus auf der gesamten Wegelänge sind jedoch für die gemeinsame Führung von Rad- und Fußverkehr nach den aktuell geltenden Richtlinien und städtischen Beschlüssen ausreichend bemessen.

Dass die Wegbreite aufgrund der hohen Nutzung und der vielen unterschiedlichen Funktionen dennoch als nicht ausreichend wahrgenommen wird und dass besonders im Berufsverkehr die Funktion der Erholung in diesem Bereich schwindet, haben Sie beschrieben.

Es gibt jedoch auch Momente, in denen die Erholungsfunktion überwiegt und weniger Alltagsradverkehr vorhanden ist.

Ein grundsätzliches Verbot für den Radverkehr berücksichtigt diese unterschiedlichen jahres- und tageszeitabhängigen Situationen am Karl-Heine-Kanal nicht, zumal er, wie ausgeführt, genau für diese Nutzung hergestellt wurde. Es ist daher nicht vorgesehen, den Radverkehr dort zu verbieten.“

Piktogramme für die Unbelehrbaren?

Am 25. März betonte Thomas Dienberg dann noch einmal, dass ein Verbot der Fahrradnutzung auf dem Weg nicht infrage käme. Auch keine Teilung des Weges durch eine separate Radspur. Dazu ist der Weg zu schmal. Was infrage käme – so Dienberg – wäre eine Aufklärungskampagne.

Denn die Probleme entstehen ja nicht durch den Radverkehr an sich, sondern durch die Rücksichtslosigkeit einiger Radfahrer. Auch ein paar Piktogramme, die zum rücksichtsvollen Fahren auffordern, könnten helfen, schlug SPD-Stadtrat Marius Wittwer noch vor.

Denn darum geht es wohl letztlich in unserer aufgewühlten Zeit. Gerade wenn sich der Verkehr verdichtet – wie hier in den Morgenstunden, wo viele Menschen auch mit dem Rad zur Arbeit eilen –, kochen oft die Emotionen hoch. Vielleicht helfen da wirklich ein paar Schilder und Piktogramme, die alle daran erinnern, dass mehr Gelassenheit und Rücksichtnahme auch im Alltagsverkehr helfen, Konflikte zu minimieren.

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