Abschied von der Praxisgebühr: Das „Steuerungsinstrument“ hat nie wirklich gesteuert

Ab morgen ist sie Geschichte: die 2004 eingeführte "Praxisgebühr", seinerzeit eingeführt, weil die deutschen Krankenkassen tief im Finanzierungsdilemma steckten. Aber so wurde die Gebühr den Deutschen ja nicht verkauft. Gegensteuern wolle man, die Bundesbürger von unnötigen Arztbesuchen abhalten. Eine DAK-Umfrage zeigt jetzt, dass diese Behauptung nie mehr war als eine Zweckbehauptung.
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Seit 2004 müssen alle gesetzlich versicherten Patienten eine Zuzahlung beim Arzt und Zahnarzt in Höhe von 10 Euro pro Quartal leisten. Auf Vorschlag der Regierungskoalition hatten Bundestag und Bundesrat beschlossen, die Praxisgebühr zum 1. Januar 2013 wieder zu streichen. Laut Umfrage der DAK-Gesundheit unter 1.001 gesetzlich Versicherten verzichteten in den vergangenen Wochen vor allem jüngere Menschen auf einen Arzttermin, um damit Geld zu sparen. Bei den 18- bis 29-Jährigen gab rund jeder Zehnte eine Verschiebung an. In der Altersgruppe über 60 Jahre waren es nur vier Prozent der Befragten.

Ein kleiner Teil der Deutschen hat in den vergangenen Wochen somit gezielt einen Arztbesuch verschoben, um so die Praxisgebühr von 10 Euro zu sparen. Das ergab die aktuelle und repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit. Dabei wurden vom 17. bis 19. Dezember 2012 bundesweit 1.001 gesetzlich krankenversicherte Männer und Frauen durch das Forsa-Institut befragt.

Und wer erwartet hatte, die Versicherten würden ihren Arztbesuch jetzt reihenweise ins nächste Jahr verschieben, sieht ein anderes Ergebnis: Bundesweit haben nur 7 Prozent der Befragten eine anstehende Behandlung oder Untersuchung gezielt ins nächste Jahr gelegt.

Nach dem Wegfall der Praxisgebühr wird die Zahl der Arztbesuche im Jahr 2013 voraussichtlich auch nicht ansteigen. 97 Prozent der Befragten gaben an, dass das Ende dieser Zuzahlung für sie keinen Einfluss darauf habe, wie häufig sie einen Arzt aufsuchen. Immerhin genau der Punkt, auf den das „Steuerinstrument“ Praxisgebühr einst angelegt war: Die Regierenden behaupteten einfach mal, viele Arztbesuche seien unnötig, die Betroffenen gingen zum Arzt, obwohl das gar nicht zwingend sei.

Dass die Preistreiber teilweise in großen Lobby-Verbänden saßen (und sitzen) ignorierte man einfach. Und dass ein Teil des Kostenanstiegs mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung zu tun hatte, ebenfalls.

In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen gaben 6 Prozent der Befragten an, dass sie künftig voraussichtlich öfter zum Arzt gehen werden. Bei den über 60-Jährigen war es nur 1 Prozent.
„Unsere Befragung zeigt, dass die Praxisgebühr, anders als von der Politik geplant, keine steuernde Wirkung bei Arztbesuchen entfaltet hat. Sie war letztlich nur ein reines Finanzierungswerkzeug im Gesundheitssystem“, sagt der Sprecher der DAK-Gesundheit, Jörg Bodanowitz, zu diesem Ergebnis.

Die repräsentative Forsa-Umfrage zeigt ferner, dass die Menschen offenbar weniger zum Arzt gehen als angenommen. In der Diskussion um die Abschaffung der Praxisgebühr nannten Politiker und Experten immer wieder Untersuchungen, nach denen jeder Deutsche durchschnittlich 18 Mal im Jahr einen Arzt aufsuche.

Eine solche Studie lancierte 2009 die Gmünder Ersatzkasse (GEK) in die Welt. Der „Focus“ berichtete dazu: „Zwischen 2004 und 2007 stieg die Zahl der Arztkontakte demnach um 8,4 Prozent von 16,4 auf 17,7 Prozent pro Jahr. International sei diese hohe Zahl auffällig, erklärte die Krankenkasse. Hochgerechnet auf die Zahl der 137.000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland kommt jeder rechnerisch auf 38 Patienten pro Arbeitstag. Knappe Beratungszeiten und steigende Arzneiverordnungszahlen seien da kaum verwunderlich, meinte GEK-Vorstand Rolf-Ulrich Schlenker.“

Doch solche Zahlen kann die DAK so nicht finden. Im Gegenteil.

In der aktuellen Befragung für die DAK-Gesundheit erklärten nur 7 Prozent der Teilnehmer, sie hätten im Jahr 2012 mehr als 15 Mal ihren Hausarzt oder einen Facharzt aufgesucht. Die Mehrzahl der Befragten (57 Prozent) war zwischen ein und fünf Mal beim Arzt. Sieben Prozent der Befragten hatte im zurückliegenden Jahr überhaupt keinen Arzttermin. Selbst wenn man alle Befragten mit mehr als zehn Arztbesuchen im Jahr zusammenrechnet, kommt man nur auf 15 Prozent.

Da ist es schon erstaunlich, dass politisch mit einer so kleinen Betroffenengruppe argumentiert wurde.

85 Prozent der Versicherten kommen auf maximal 10 Arztbesuche im Jahr.

Ist natürlich die Frage: Wie kommt der krasse Unterschied zwischen den Ergebnissen der GEK und denen der DAK zustande? – Eine spannende statistische Frage. Denn während die DAK die Bundesbürger nach ihren tatsächlichen Arztbesuchen fragen ließ, hat die GEK die Abrechnungsakten ausgewertet. Auch für 2010 (ausgewertet im Januar 2012) kam sie auf 14 errechnete Arztbesuche. In ihrem „Arztreport“ geht die Krankenkasse auch auf die Schwierigkeiten ein, aus den registrierten „Behandlungsfällen“ die Zahl der Arztbesuche zu errechnen – denn die „Behandlungsfälle“ (8,08 pro Person im Jahr 2010) fassen alle Behandlungen zu einem Fall unter einer Nummer zusammen – aber das wiederum innerhalb eines Quartals.

Da sollten vielleicht ein paar ausgebildete Statistiker tatsächlich einmal untersuchen, was aus den kassenärztlichen Abrechnungen überhaupt herauszulesen ist.


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