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Nicht nur die Angst um den Arbeitsplatz macht krank, sondern auch das Fehlen von Sicherheit, Freunden und Familie

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    Nicht nur Soziologen erkunden, warum die Sachsen so dermaßen das Gefühl haben, dass es in ihrer Welt ungerecht zugeht. Denn Gerechtigkeit ist mehr als nur das Gefühl, dass man gut genug verdient. Das Gerechtigkeitsempfinden ist im Grunde ein Maß für das empfundene Gleichgewicht: Werden alle Mühen und Sorgen eigentlich auch entsprechend gewürdigt? Im Arbeitsleben haben viele Sachsen nicht das Gefühl. Und das macht krank.

    Ein Thema, das jetzt die BARMER Gesundheitskasse wieder aufgegriffen hat. Dort denkt man sehr wohl nach darüber, warum die Versicherten zum Arzt gehen und welche Ursachen dahinterstecken.

    Und zu einem Leben, in dem sich der Mensch geborgen fühlt, gehört nun einmal eine ganze Menge: Arbeit, Einkommen, Partnerschaft und Kinder haben entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit. Zu diesem Ergebnis kam der BARMER Gesundheitsreport 2017. Im Rahmen einer von der Kasse in Auftrag gegebenen und von der Universität St. Gallen durchgeführten Befragungsstudie zeigen sich Zusammenhänge zwischen Arbeitsplatzsicherheit, Lebenszufriedenheit und Gesundheit.

    Beschäftigte in unbefristeten oder Arbeitsverhältnissen mit häufigem Wohnortwechsel leiden deutlich häufiger an psychischen Erkrankungen. Positiv auf die Gesundheit wirkt sich hingegen das Familienleben aus. Wer in einer Partnerschaft lebt und Kinder hat, leidet seltener an einer psychischen Erkrankung.

    Leiharbeit und befristete Jobs machen Sachsen krank

    Keineswegs erstaunlicherweise hat das etwas mit dem Gefühl von Heimat zu tun. Denn wenn Menschen gezwungen werden, ihre vertrauten Lebenswelten zu verlassen, bloß weil die moderne Arbeitswelt den permanent verfügbaren Angestellten verlangt, dann erodiert logischerweise die Grundlage des sich irgendwo heimisch Fühlens.

    Bei Beschäftigten, die häufig ihren Arbeitsplatz- oder Wohnort wechseln, sowie in Leiharbeit arbeiten, finden sich überraschend deutliche Hinweise auf Einschränkungen der psychischen Gesundheit. So bekommen diese Berufstätigen mehr Psychopharmaka verordnet, liegen länger im Krankenhaus und unterziehen sich häufiger ambulant-ärztlicher Behandlungen. Auch liegt ihre Sterberate über den Durchschnittswerten von anderen Beschäftigten, kann man im Gesundheitsreport ab Seite 117 nachlesen. Im Jahr 2015 lagen die Krankenstände wegen psychischen Störungen bei Arbeitnehmern in Leiharbeit sowie in befristeten Beschäftigungsverhältnissen um rund 30 Prozent höher als bei Arbeitnehmern in unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen. Auch die Verweildauer im Krankenhaus wegen psychischer Erkrankungen war bei Leiharbeitnehmern deutlich länger als gegenüber ihren Kollegen der Stammbelegschaft: im Jahr 2015 überstieg sie diese um über 60 Prozent.

    Freundeskreis, Partner und Kinder halten gesund

    Und was hilft bei der psychischen Gesundheit? Berufstätige mit Kindern sind gesünder, leben länger, nehmen weniger Arzneimittel und sind weniger krank. Insbesondere Männer mit Familie sind weniger psychisch belastet und leben länger.

    „Über alle Alters- und Berufsgruppen hinweg ist die Lebenszufriedenheit von Beschäftigten mit Kindern höher als in kinderlosen Haushalten“, sagt Dr. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der BARMER in Sachsen. „Werden neben dem Job auch Kinder erzogen, führt das nicht generell zu erhöhter emotionaler Erschöpfung und mehr Stress. Die unterstützende Funktion der Familie ist in Sachen Gesundheit nicht zu unterschätzen“, schlussfolgert Magerl.

    Lebenszufriedenheit nach Bundesländern. Grafik: BARMER
    Lebenszufriedenheit nach Bundesländern. Grafik: BARMER

    Freunde und Familie sind Eckpfeiler zum Erhalt von Gesundheit und Zufriedenheit. Je mehr Unterstützung man durch Freunde und Familie bekommt, desto höher ist die Lebenszufriedenheit. Weiter nehmen die emotionale Erschöpfung, der wahrgenommene Stress sowie Schlafprobleme mit zunehmender sozialer Unterstützung ab. Aber Menschen, die wegen ihrer Arbeit jederzeit mobil und flexibel sein müssen, haben gerade die stabilen Lebensverhältnisse nicht, die man zur Gründung einer Familie braucht. Die moderne Anspruchshaltung der flexiblen Arbeitswelt erzeugt nicht nur Stress für die Betroffenen – sie nimmt ihnen auch die Möglichkeit, sich ein stabiles Familienumfeld aufzubauen.

    Einfluss von Bildung und Tätigkeit auf die Gesundheit

    Die Schulbildung spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle, wenn es um die Gesundheit der Beschäftigten geht.

    „Je höher die Bildung desto gesünder sind die Beschäftigten“, stellt Magerl fest. Der Krankenstand bei Berufstätigen ohne Schulabschluss ist am höchsten. Auch bei den Berufsfeldern gibt es klare Unterschiede. Seelsorger und Erzieher sind häufiger aufgrund psychischer Belastungen erkrankt als andere Arbeitnehmer. Arbeitslose leiden mit Abstand am häufigsten unter psychischen Erkrankungen. So zu lesen ab Seite 92.

    Und auch das hat wieder mit dem Phänomen prekärer und damit instabiler Existenzbedingungen zu tun, die sich dann – durch Sorge, Ängste, Stress – als psychisches oder auch körperliches Krankheitsbild verfestigen.

    Und es gibt noch mehr Faktoren in der schönen neuen Arbeitswelt, die richtig krank machen.

    Mobbing und Diskriminierung sind bedeutende Belastungsfaktoren

    Mobbing geht mit einer geringeren Arbeits- und Lebenszufriedenheit, geringerem Arbeitsengagement sowie mit mehr Krankentagen und einer deutlich erhöhten Kündigungsabsicht einher.“ Frauen fühlen sich deutlich häufiger aufgrund von Geschlecht und ihrer Elternrolle diskriminiert, Männer hingegen auf Basis von Herkunft, Sprache und sexueller Orientierung“, so Magerl.

    Und das Ganze geht noch weiter, erst recht, wenn man nach Arbeitsschluss gar nicht abschalten darf. Die Abgrenzungsfähigkeit zwischen Arbeit und Privatleben hat ebenfalls wesentlichen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit. Je stärker eine gedankliche Distanzierung möglich ist, desto geringer ist die emotionale Erschöpfung. Das wiederum führt zu weniger Schlafproblemen und Konflikten zwischen Arbeit und Familie.

    „Der Verzicht einer ständigen arbeitsbezogenen Erreichbarkeit in der Freizeit unterstützt die Lebenszufriedenheit, auch bei hohen Arbeitsanforderungen“, so Magerl. Er fordert Unternehmen auf, gesundheitlichen Risiken von Beschäftigten rechtzeitig entgegenzuwirken: „Unser Gesundheitsreport belegt, dass es für die Gesundheit der Beschäftigten wichtig ist, wenn die Balance zwischen Beruf und Privatleben, zwischen Stress und Entspannung ausgewogen ist. Betriebliches Gesundheitsmanagement kann hier einen erheblichen Beitrag leisten.“

    Und da Sachsen über 10 Jahre lang das Experimentierfeld für die ganzen Experimente mit neuen Jobmodellen war, ist es keine Überraschung, dass der Freistaat bei Lebenszufriedenheit fast am Ende der Ländertabelle landet: Obwohl rund 80 Prozent der Sachsen ihr Leben zumeist als gut bis ideal empfinden, liegt die Lebenszufriedenheit in Sachsen unter dem Bundesdurchschnitt. Nur im Saarland und in Bremen hadert man noch stärker mit der Lebenszufriedenheit.

    Am zufriedensten sind übrigens nicht die Bayern und Schwaben, sondern die Hessen und die Niedersachsen.

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