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Leo Leu auf Holzwegen (13): Don Quixotes Mühle, eine verschwundene Straße und die zweieinhalbte Kurve nach links

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    Noch einmal ausschreiten, ohne aller paar Meter Leuten ausweichen zu müssen, die ihre Nase vom Mobilbildschirm nicht hoch bekommen. Geht es Ihnen auch so? Ab Alt oder Jung, Dick oder Dünn - alle möglichen Leute lesen auf ihrem komischen Tragbaren - beim Stehen, Warten, Laufen, Schlendern - die Nase fest auf diesen kleinen Bildschirm geheftet und eine Miene aufgesetzt, als würden sie gerade wunder wie wichtige Sachen tun. Wie schön sind doch leere Feldwege.

    Ohne Lampenmasten, Aufsteller, Flatterfahnen oder Aluminiumtische. Nur rechts und links mal was Rotes – könnten Mohnblüten sein. Steht ja nicht dran. Ist auch egal. Anders ist Lila. Oder Blassblau. Rosa, buttergelb. Weiß. Manchmal flattert es. Weiß, gelblich oder mit roten Streifen, als wär’s ein Admiral. Ich behaupte mal lieber nichts. Ich bin kein Flatterkundler. Und ob das nun Weizen ist, was da steht oder mein nächstes Bier, ist mir eigentlich auch egal. Hauptsache, es wird was. Die Regentropfen von vorhin sind längst getrocknet, die Wolken hinterm Horizont verschwunden, hinter den weißen Mühlen, die keine Windmühlen sind. Die sehen anders aus. Was zu bewundern ist, wenn man dem Feldweg folgt: Konradsburg – Burg Anhalt. Linkerhand sehen Sie: Windmühlenflügel, richtige, wie bei Don Quixote in der Mancha. Aus Holz auf einem steinernen Turm – gebaut für ein paar kräftigere Winde.

    Es ist die Turmwindmühle Endorf, vom Förderkreis Konradsburg genauso liebevoll hergerichtet wie das Forsthaus Friedrichshohenburg und die Reste von Burg und Kloster Konradsburg, wo ich keinen Kaffee bekam. Was nicht so wichtig ist. Den ganzen Morgen schon laufe ich durch den Geruch von Getreide. Mal stehen noch die Halme, mal sind’s nur Stoppeln. Und – keine Überraschung – auch dieser Weg verschwindet nach dem Abzweig zur Mühle kurzerhand im Feld. Von Erntemaschinen zermahlen. Hätt ich keine festen Weg-und-Steg-Schuhe an, ich würde verzweifeln. Für leichte Sonntagsschuhchen wäre das nichts, meine Liebe. Da wären die Strümpfe jetzt schon zerstochen.

    Und was du nicht erwartest, kommt trotzdem: mit gewaltiger Feldstaubfahne von vorn. Selbst die breite Trampelspur auf dem gestoppelten Feld muss ich mir teilen. Ein kühner Sprung ins Feld, den Hut geschwenkt: Hallo! Und ein freundlich nickender Fahrer.

    Warum er freundlich ist und mich nicht als Fremdwild betrachtet, merke ich bald: in Neuplatendorf. Da gibt es eigentlich nur zwei Straßen, vielleicht auch drei. Eine heißt Alte Reihe, die andere Junge Reihe. Klingt nach Reihenhaus, war auch so gemeint. Aber das bekommt Leo erst zu lesen, nachdem er wie ein Hase durch die einzige Hauptstraße von Neuplatendorf gehoppelt ist – die Alte Reihe. Die ist nämlich von vorn bis hinten verschwunden. Man baut gerade eine neue – mit allem drum und dran. Da mussten auch die Fußwege dran glauben. Ein paar gemütliche Herren in Blau und Orange basteln gerade an der Entwässerung.

    Die Zufahrten zu den Höfen rechts sind abgeschnitten, zu denen links auch. Neuplatendorfer sind keine zu sehen. Vielleicht sind sie alle, bis das mal fertig ist, an die Ostsee gefahren? Oder zur Oma. Deswegen macht auch mein Wanderführer vergeblich Hoffnung: „Die Schänke“ ist zu. Verrammelt, als wäre der Wirt nach Amerika ausgereist. Erst an der Bushaltestelle endet die Baugrube, kann Leo mit ein paar ausgezeichneten Sprüngen auf sicheres Steinpflaster springen. Und lesen. Denn was die Leipziger nicht haben (und sich wohl gernstens wünschen würden), haben die Neuplatendorfer in Gusseisen an der Scheunenwand hängen: die Daten ihrer Ortsgründung.

    Sie können sich sogar aussuchen, welche sie nehmen. Das Datum vom 24. Januar 1743, als J. A. Örtel die Baugenehmigung für ein Wirtshaus bekam? – „Die Schänke“ war’s nicht, sondern die hier hieß „Grüner Hirsch“. Als Herr Örtel sein Wirtshaus bauen durfte, war hier noch wildes Feld. Oder besser: Wüstung im Fachjargon. Denn ganz früher stand hier schon mal ein Platendorp. Das dann in den wilden Zeiten des späten Mittelalters von seinen darbenden Einwohnern verlassen wurde.

    Es war der Alte Fritz, der dann anfing, hier überall neue Dörfer bauen zu lassen, damit wieder tüchtig Getreide angebaut wurde für seine Soldatenpferde, und Kartoffeln, für seine Soldaten. Und stramme Jungs für seine Armeen und Kriege. Aber am Anfang war ein Wirtshaus. Vielleicht hatte Herr Örtel gehört, wie gut das mit dem Gartenhaus am Falkenstein funktionierte. Da wollte er auch mal ein bisschen was verdienen mit hungrigen Wandersleuten.

    Seine Schankgenehmigung bekam er am 2. August 1743. Und ein Jahr drauf kamen die Vermesser. Es gab tatsächlich mutige Leute, die hier gern was auf die Beine stellen wollten. Die ersten Grundstücke für Neuplatendorf wurden ausgemessen.

    Das muss, als Neuleipzig gegründet wurde, ganz ähnlich gewesen sein: Erst ein neues Wirtshaus und dann die ersten Grundstücke. Aber wer hat die gusseiserne Tafel geklaut?

    Hier hängt sie noch ordentlich an der Ziegelscheune, in der die Freiwillige Feuerwehr ihre Wasserspritze stehen hat. Kurz vor der Kreuzung, wo zwei etwas aufgeregte Hunde versuchen, den unerwarteten Wanderer zu verbellen. Da weicht er lieber aus und schreitet weiter auf dem Feldweg, der hier wieder sein Schildchen trägt: Konradsburg – Burg Anhalt. Drei futtersuchende Bussarde begleiten den Wandersmann. Vielleicht sieht er aus ihrer Höhe wie gefundenes Fressen aus.

    Entscheiden können sie sich nicht. Sie fiepen sich nur an. Vielleicht ein Versuch, die Fresslage zu klären: Der Happen ist zu groß! – Ist er nicht! – Ist er doch! – Er läuft auf zwei Beinen. – Na und? Er sieht trotzdem aus wie eine Maus! – Tut er nicht! – Tut er doch!

    Wer sich nicht einigen kann, hat das Nachsehen. Leo genießt den Weg unter Zwetschgen und Eierpflaumen. Und riecht schon bald, dass sein Wanderführer nicht zu viel versprochen hat: Zwischen Kuhställen marschiert er ins nächste Dorf hinein. Das heißt Wieserode, hat eine lütte Fachwerkkirche. Das ist hier wirklich die Attraktion. Die Wieseroder haben extra einen großen Scheinwerfer montiert, damit ihre Kirche auch des nachts bewundert werden kann. Leo bewundert des tags. Und findet gleich hinter dem hübschen Turm die verlassene Konsumverkaufsstelle. Der Laden ist natürlich gähnend leer. Nur vor dem unbefugten Betreten des Kesselhauses wird gewarnt.Wird gewarnt?

    Stand da nicht wieder das Lieblingswort aller deutschen Schildermaler? – „Verboten!“ – Was Leo logischerweise mal wieder zur unbefugten Person macht. Und ihm die magenbeschwerende Zwischenerkenntnis verschafft: Jaja, er ist mal wieder in Preußen. Und Preußen ist längst überall, die Leute merken’s nur nicht mehr. Dazu gibt es zu viele Schilder. Nur meist die falschen.

    Die zum Beispiel, die in schönem Schwarz auf schönem Weiß verraten: Hier geht’s nach Degenershausen. Da will Leo nun nämlich trotzdem hin.

    Sein Wanderführer sagt zumindest: Nimm die Landstraße nach Meisdorf. Und zähle drei Linkskurven, dann schlägst du dich nach links auf den Weg über eine große Wiese.

    Leo kommt nur auf zwei Linkskurven. Dann kommt schon ein Weg, aber der führt auf keine Wiese, sondern in einen hübsch nassen Talgrund. Nönö, sagt seine Erinnerung: Solche Wege geht man nicht. Also geht er noch ein Stückchen, auch wenn’s auf der Landstraße noch immer eine weite geschwungene Rechtskurve ist. Aber nach zweieinhalb Linkskurven, wenn man generös ist, kommt der nächste Weg. Der führt auf eine Wiese.

    Und auch hier freut sich Leos Erinnerung. Die Wiese ist saftig grün und summt und sirrt und ist – primabestens – gedüngt. Er ist richtig, wenn auch auf dem falschen Weg. Denn das war wirklich der unten im morastigen Talgrund. Sein Wanderführer hatte unmissverständlich gefordert: Folge dem Bachlauf!

    Von oben kann Leo bald sehen, wohin er da gekommen wäre: An einen elektrischen Kuhzaun im Bachgrund. Die eifrigen Wiederkäuer trifft er oben auf der Wiese.

    Oha, ein Besucher, tuscheln sie sich zu, während sie malmen und mampfen. Und ab und zu: Kladderadatsch.

    Leo grüßt, hält sich aber ansonsten schüchtern zurück. Denn er hat ja noch ein Ziel, das er vor Tagen nicht erreichte, weil der Wanderweg verschwunden war. Jetzt hofft er, dass dieses hier, wie versprochen, noch da ist. Am Ende des Bachlaufs, das nicht zu sehen ist, denn da haben unverkennbar tagelang ein paar durstige Malmer und Mampfer die Wiese zertrampelt. Da hülfe vielleicht ein Kompass oder ein hübsches Gemurmel im Gras. Ist aber nicht. Aber ein Weg deutet sich an.

    Da braucht einer nur noch den Mut, auch diesen Wald noch zu betreten. Leo und Leo diskutieren das noch ein bisschen. Aber umkehren wollen sie jetzt eigentlich nicht.

    Die dreizehnte Karte:

    „Liebes Mäuschen daheim,

    drei gierigen Greifvögeln bin ich heute entkommen, du glaubst es nicht. Einmal haben sie mir die ganze Straße geklaut und sehr seltsam geschaut, als ich mich gar nicht beirren ließ. Das mache mal einer und klaue in Leipzig die Karli. Und die Kneipen noch dazu. Das wäre ein Spaß. Traut sich aber keiner. Nicht wahr? – Aber wie du liest, kommen mir die heimatlichen Seltsamkeiten wieder öfter unter die Feder. Ich glaube, mein Urlaub neigt sich und in mir ist schon was längst wieder zuhause, während ich hier noch wandere fürbass. Vielleicht, weil das letzte Ziel naht. Und gar nicht so sicher ist, ob ich da dann noch meinen Pott Kaffee bekomme.

    Halb hier noch und halb schon wieder da, Dein Leo.“

    www.konradsburg.com

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