Wer verteufelt denn die ganzen Verbrenner?

Für alle LeserWir leben ja in seltsamen Zeiten und bekommen auch seltsamste Postsendungen. Eine der seltsamsten bekamen wir gerade von Dipl.-Ing. Günter Weber, der sich als Herausgeber bei der kapital-markt intern Verlag GmbH angibt, uns aber eigentlich mit einem sehr seltsamen Anliegen behelligt: „Jetzt ist Schluss mit der Verteufelung von Deutschlands wichtigstem Konsumgut – unseren Verbrennern!“ Gottchen, wer verteufelt denn die Verbrenner? Und welche Probleme hat der Mann eigentlich?
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Wahrscheinlich liest er die falschen Zeitungen. Die Sache mit der Wirkung des klimawirksamen Gases CO2 hat er eh nicht begriffen, wenn er uns so einen Blödsinn serviert: „Nur 0,038 % der uns umgebenden Luft bestehen aus diesem angeblich so gefährlichen, tatsächlich aber das Leben auf dieser Erde erst ermöglichenden, CO2 (aber 78 %, mithin das Zweitausendfache, aus Stickstoff). Und von diesen minimalen 0,038 % wiederum entfallen selbst nach Angaben des klimawandelsüchtigen Umweltbundesamtes 1,2 % auf die vom Menschen verursachten Emissionen; also nach Adam Riese 0,000456 Hundertstel – weniger als ein halbes Tausendstel der Luft.“

Es geht beim CO2 nicht ums Einatmen, sondern um den Treibhauseffekt. Hier schön nachzulesen in einem Wikipedia-Artikel.

Prozentrechnung ersetzt nun einmal nicht profunde Kenntnisse in Chemie und Physik. Aber ich sag hier mal nichts über unser Bildungssystem. Oder das in NRW, denn der Mann kommt ja aus Düsseldorf.

Und wie ist das mit den hübschen Zahlen, die er gleich zu Anfang mit dickem Ausrufezeichen serviert?

„Denn sie (nach Webers Satzlogik „die Verbrenner“, aber wahrscheinlich meint er doch eher die Autobesitzer, d. Red.) bescheren den (sic!) Staat per anno mit 21 Milliarden Euro Diesel- und 17 Milliarden Benzin-Steuern; beschenken ihn mit weiteren 9 Milliarden Kraftfahrzeugsteuer; hinzu kommen durch die LKWs 4,6 Milliarden Toll-Collect-Maut (…) Fast vier Fünftel dieser Pfründe schleusen sie am Straßenbau vorbei in verschiedenste Kanäle, vor allem in fingierten Umweltschutz, um den Grünen nicht dieses Feld zu überlassen.“

Das hat er, wie im Juni die Faktencheck-Community-Redaktion von correctiv.org feststellte, wohl aus der „Welt“, so wie auch ein gewisser Wolfgang Bunzel, der auf Facebook behauptet, Autofahrer würden dem Staat 47 Milliarden an Steuereinnahmen einbringen und nur fünf Milliarden Euro aus diesen Einnahmen würden in den Straßenbau investiert.

correctiv-org versucht das zwar irgendwie zurechtzurücken, aber man kommt irgendwie doch nur auf rund 12 Milliarden Euro, die der Bund für Straßenbau ausgibt.

Aber das ist nicht annähernd in der Nähe der tatsächlichen Summen, die jedes Jahr für Straßenbau ausgegeben werden. Denn der Bund ist ja nicht der einzige Straßenbauer. Das hat sogar das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit 2017 mal genauer ausgerechnet. „Insgesamt hat die öffentliche Hand im Jahre 2013 über 38 Mrd. Euro für die hier erfassten Verkehrsträger ausgegeben. Davon entfiel der quantitativ größte Ausgabenblock mit 19 Mrd. Euro auf die Straßen, gefolgt von knapp 9 Mrd. Euro für die DB und 3,6 Mrd. Euro für den ÖSPV“, kann man da lesen.

Ausgaben für verschiedene Verkehrsträger. Grafik: BMU 2017

Ausgaben für verschiedene Verkehrsträger. Grafik: BMU 2017

Der Bund gab nach der Rechnung knapp 7,5 Milliarden Euro für Straßen aus, die Länder 3,2 Milliarden und die Gemeinden 8,6 Milliarden. Da vor allem der Bund die Steuern kassiert und dann unter anderen Posten oder auch als Fördermittel weitergibt, ist also nicht eindeutig festzulegen, wo jeder Kfz-Euro bleibt.

Aber auch für die Energiesteuer, die bundesweit 42 Milliarden Euro einspielt und hier den Hauptposten ausmacht, gilt: Sie ist eine Verbrauchssteuer. Übrigens genauso wie die Stromsteuer. Sie ist also nicht zweckgebunden, sondern besteuert direkt den Verbrauch von Diesel, Benzin, aber auch Kohle und Gas. Sie soll also auch und vor allem den Verbrauch steuern.

Wer also ein Autochen fährt, das weniger Sprit säuft, zahlt weniger Energiesteuer als ein stolzer Kapitän in einem SUV-Tanker.

Ich verstehe also das ganze Beleidigte-Leberwurst-Spielen nicht.

Kauft euch sparsamere Autos, kann ich da nur sagen. Oder mal so formuliert aus Fußgänger-Sicht: Mit welchem Recht machen diese Leute ihr Luxusproblem zu unserem?

Klar: Viele Menschen brauchen ein Auto, um zur Arbeit zu kommen. Wenn sie nicht mit dem Auto führen, müssten wahrscheinlich einige Betriebe ihren Laden zusammenpacken und dahin ziehen, wo die Leute wohnen. Oder sie müssten Werkswohnungen in Werksnähe bauen. Oder ihren Laden an eine gut erreichbare S-Bahn-Station verlegen. Nur so als ein Gedanke, der mir da kommt.

Und der mich daran erinnert, wie ich vor vielen, vielen Jahren kurz darüber nachgedacht habe, mir vielleicht – der Not gehorchend – auch ein Auto kaufen zu müssen. Ein kleines. Da war ich mir sicher. Eins, das in jede Parklücke passt, das ganz wenig Sprit frisst und vielleicht auch ein paar elektronische Systeme hat, die meine permanente Unkonzentriertheit im Verkehr kompensieren. Das gab es in dieser Zusammenstellung damals noch nicht.

Was für mich selbst hieß: Ich verzichte. Ich plane in meinem Leben keinen Spritfresser ein, beteilige mich also auch nicht am kollektiven Verbrennen wertvollen Erdöls, das unseren Kindern und Enkeln fehlen wird, weil es unsere Generation einfach in einem wilden Tanz der Egoismen auf Straßen und Autobahnen verheizt hat.

Schöne Grüße an Hubraum for Future

Ihr gehört ja in denselben Topf. Aber Erdöl wird noch zu unseren Lebzeiten zu einem wertvollen Tröpfchen, so wertvoll, dass ihr alle noch einmal froh sein werdet, wenn ihr eure Tankrechnung noch bezahlen könnt. Und daran sind nicht die „EU-Bürokratie-Hengste“ schuld, wie Herr Weber meint, sondern eure Verschwendungssucht ist es: Ihr blast das Zeug zum Auspuff raus ohne daran zu denken, dass die wirtschaftlich überhaupt noch sinnvoll erschließbaren Ölfelder zur Neige gehen. Endgültig.

Und kommt mir jetzt nicht mit dem FDP-Wunderglauben, da könnte man ja noch zufällig ein paar noch unentdeckte Felder finden oder die Ölsande oder das Fracking … all das ist schon das Pfeifen auf dem vorletzten Loch, ein riesiges Ausquetschprogramm, das die noch bezahlbaren Erdölvorräte jetzt noch möglichst billig verramscht.

Euer Sprit wird ziemlich bald richtig Gold wert sein. Der „Diesel, das Paradestück und Rückgrat der deutschen Automobil-Industrie“, wie Herr Weber meint, ist ganz schlicht ein Auslaufmodell. Und ob es durch E-Autos ersetzt wird, wie auch Herr Weber meint, bezweifle ich.

Denn dass die E-Autos heute auf jeden Fall noch eine schlechtere Umweltbilanz haben, ist Fakt. Da hat er recht. Aber nur in der Feststellung. Nicht in der Folgerung.

Es könnte sich nämlich schon bald herausstellen, dass das ach so erfolgreiche Deutschland mit dem Auto mittlerweile aufs falsche Exportprodukt gesetzt hat. Dass sich die Zeiten ändern, die Gewohnheiten und die Wünsche der Menschen. Und dass sich auch herumspricht, dass Autofahren nun einmal ein Luxusvergnügen ist. Eines, das nur ein bisschen Exoskelett für gedemütigte Männerseelen ist. Männerseelen, die unbedingt ordentlich Wumms und Power unter der Haube brauchen, um irgendwie das Gefühl zu haben, dass sie noch Männer sind.

Ich könnte mir ja sagen: Wer’s braucht …

Aber das sag ich mir nicht, weil ich so eine Ahnung habe, wo es bei ihnen klemmt und fehlt.

Denn wer unbedingt ein Ego-Mobil braucht, um sich noch wie ein Mann zu fühlen, der unterscheidet sich ja nicht wirklich mehr von einem armen Würstchen, dem jemand das Lieblingsspielzeug weggenommen hat.

Über das Geld hab ich ja oben schon geredet. Wer sich so viel Auto kauft, wie er wirklich nur braucht, um den Alltag zu bewältigen, der spart jede Menge Schmonzes bei der Energiesteuer. Wer aber fetten Hubraum braucht, um das eigene Ego zu stützen, der zahlt fett drauf. Der bezahlt quasi an der Tanke für sein etwas luftleeres Ego.

Wohin kam ich dann mit meiner Entscheidung, es ein Leben lang mal ohne Auto zu versuchen?

Ich gewann jede Menge Zeit für mich selbst, war erstaunlicherweise zu sämtlichen Terminen pünktlicher als alle Autofahrer (vielleicht, weil ich nie einen Parkplatz suchen musste und nur in innerstädtischen Staus stand, die vorn vor der Straßenbahn von PS-starken Ego-Kämpfern verursacht wurden, oder weil ich keine Umleitungen nehmen musste), ich hatte keine Werkstatt- und TÜV-Termine, sah mehr von der Gegend (vor allem jede Menge schöne Frauen), konnte meine Gedanken schweifen lassen und war dann zur Sitzung sogar vorbereitet, wenn ich ohne Vorbereitung losgelaufen war.

Sie wissen gar nicht, welche Wohltaten das Gehen mit sich bringt (mal von den Leipziger Bettelampeln abgesehen) und wie herrlich es ist, einfach mitten im Schritt abzubiegen und in den nächsten Imbiss oder ins nächste Café abzuschwenken. Und dabei nicht mal einen Gedanken daran verschwenden zu müssen, ob hier nun gerade Halt- oder Parkverbot ist.

Wer nicht selber merkt, dass ein Leben als Fußgänger wesentlich anregender und reicher ist als das geplagte Leben eines Verbrenner-Besitzers, dem kann ich auch nicht helfen. Hab ich noch einen Trost für Sie, Herr Weber? Nicht wirklich.

Sie haben nicht mal begriffen, dass ihr Gejammer unsere Hälfte der Bevölkerung nicht betrifft. Im Gegenteil. Wir fänden es schön, wenn sie ihre Nuckelpinne einfach verschrotten, endlich zu Fuß laufen und anfangen, sich ein bisschen fundierte Bildung zuzulegen. Das bringt mehr als dieses ganze Gezeter, irgendjemand würde ihre arme Blechkiste „verteufeln“. Oder sie vielleicht gar noch kujonieren, Sie armer Tropf.

Gottchen, das Scheißding steht nur immer im Weg, wenn ich über die Straße oder die Kreuzung will. Irgendwo wild geparkt, weil Leute wie Sie glauben, sie wären was Besseres als wir Fußgänger.

Sind Sie aber nicht.

Kleine Rechenübung für Leipzig: Unser CO2-Rucksack im Verkehr

Warum gibt es eigentlich keine neue Straßenbahnverbindung in der Zweinaundorfer Straße?

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