Bereits am 27. Dezember soll es in Deutschland die ersten Impfungen gegen COVID-19 geben, kündigte Gesundheitsminister Jens Spahn letzte Woche an. Wie sicher sind die neuen Impfstoffe und warum konnten sie so schnell entwickelt werden? Der Virologe Dr. Torben Schiffner, seit Dezember Wissenschaftler am Institut für Wirkstoffentwicklung der Universität Leipzig, schätzt die aktuelle Lage ein.

Ist es für Sie überraschend, dass schon bald mehrere Impfstoffe gegen COVID-19 in Deutschland zugelassen werden?

„Nein. Denn der Großteil der Zeit zur diesjährigen Entwicklung der Covid-19-Impfstoffe wurde benötigt, um die klinischen Studien durchzuführen. Diese haben aus wissenschaftlichen Gründen bei allen Unternehmen eine ähnliche Dauer. Deshalb kommen auch verschiedene Impfstoffe fast zur gleichen Zeit auf den Markt.

Die ersten beiden Impfstoffe von Pfizer/BioNTech und Moderna, die jetzt eventuell bald zugelassen werden, nutzen neue mRNA-Plattformen, wo genetisches Material gespritzt wird. Diese Plattformen wurden speziell dafür entwickelt, um schnell und flexibel auf neue Bedrohungen reagieren zu können, und mussten jetzt nur noch an das neue Coronavirus angepasst werden. Dabei konnte auf die Forschung der letzten Jahre aufgebaut werden, denn es gab ja schon Impfstoffkandidaten gegen andere Coronaviren.“

Welche Risiken birgt die schnelle Entwicklung dieser Impfstoffe?

„Die Phase, in der die Sicherheit der Impfstoffe getestet wird, ist so durchgeführt worden, wie immer. Also ist das Risiko ähnlich wie bei allen anderen Impfstoffen. Die Zeit wurde an anderen Stellen wie der Vorbereitung und in den Zwischenphasen der klinischen Studien eingespart. Zudem beinhalten die derzeitigen Daten nur wenige Monate an Nachbeobachtung, die Probanden werden daher weiterhin beobachtet. Es wurden auch Fabriken gebaut, lange bevor klar war, ob der Impfstoff funktioniert.

Das große finanzielle Risiko für die Firmen ist hierbei durch feste Vorbestellungen vieler Staaten abgemildert worden. Im Normalfall werden keine großen Produktionskapazitäten aufgebaut, wenn die Sicherheit und Effektivität eines Impfstoffes noch nicht bekannt ist. In diesem Fall wurde das durch die besondere weltweite Lage anders gehandhabt.“

Impfgegner und andere Skeptiker meinen, dass es nicht gesund sein kann, wenn ein Impfstoff so schnell entwickelt wird. Wie sehen Sie das als Wissenschaftler?

„Die beiden großen Firmen, die nun kurz vor der Zulassung der Corona-Impfstoffe stehen, sind seit über zehn Jahren dabei, ihre jeweiligen Impfstoffplattformen zu entwickeln, die flexibel an neue Bedrohungen angepasst werden können. Diese Plattformen sind in beiden Fällen bereits vor Jahren in klinischen Studien am Menschen getestet worden, damals aber gegen andere Krankheiten. Für die Entwicklung von Impfstoffen gegen Coronaviren, wie SARS-CoV-1 und MERS-COV, ist auch schon in der Vergangenheit viel getan worden. Diese Forschung wurde nun an das neue Coronavirus angepasst und in diese flexiblen Plattformen integriert.“

Also gibt es beim Corona-Impfstoff keine größeren gesundheitlichen Risiken als bei anderen?

„In den klinischen Studien der beiden Firmen haben fast 40.000 Menschen einen dieser beiden Impfstoffe bekommen. Dabei sind laut den öffentlich zugänglichen Daten keine größeren Probleme aufgetaucht. Natürlich gab es normale Nebenwirkungen wie Rötungen, Schwellungen und Fieber. Wie bei jedem neuen Medikament können auch sehr seltene schwerwiegendere Nebenwirkungen derzeit nicht ganz ausgeschlossen werden.

Zum Beispiel wurde kürzlich bekannt, dass nach dem Beginn von großflächigen Impfungen im Vereinigten Königreich bei zwei Patienten schwere allergische Reaktionen aufgetreten sind. Diese sowie potentielle andere seltene Nebenwirkungen werden genau wie bei anderen Medikamenten weiterhin verfolgt. Was man aber aktuell definitiv sagen kann: Das Risiko durch Coronaviren ist für den Menschen wesentlich höher als das Risiko durch Impfstoffe.“

Sie forschen selbst an einem Impfstoff gegen COVID-19. Wie ist der Stand und helfen die Präparate, die jetzt auf den Markt kommen sollen, für die eigene Forschung?

„Bei meinem letzten Arbeitgeber, dem Scripps Research Institut in Kalifornien, habe ich an einem Impfstoff zu COVID-19 geforscht. Auch wenn bald funktionierende Impfstoffe auf dem Markt sein werden, ist meine Arbeit damit nicht weggeworfen. Denn hier in Leipzig möchte ich langfristig einen breiteren Impfstoff entwickeln, der auch andere Coronaviren abdeckt.

Dann wären wir für die nächste Pandemie gewappnet. Keiner weiß, wann das passieren wird. Aber es ist jetzt das dritte Mal innerhalb von 20 Jahren, dass ein Coronavirus auf den Menschen übergesprungen ist. Allerdings ist es wesentlich komplizierter und wird Jahre dauern, einen Impfstoff gegen eine Reihe von noch unbekannten Viren zu entwickeln.“

Sie sind dank des Sofia-Kovaleskaja-Preises der Alexander von Humboldt-Stiftung für mindestens fünf Jahre an der Uni Leipzig. Ist es realistisch, einen allgemeinen Impfstoff gegen Coronaviren in diesem Zeitraum zu entwickeln?

„Es ist wirklich schwer abzuschätzen. Das aktuelle Coronavirus kennen wir erst seit einem Jahr. Ich warte auf spezielle Daten, die andere Labore liefern. Es geht darum, im Blut von Genesenen Antikörper zu finden, die mehrere Coronaviren gleichzeitig bekämpfen können. Diese zeigen uns die Schwachstellen der Viren auf. Dann werde ich versuchen, genau diese Art von Antikörpern mit einem Impfstoff zu induzieren.“

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