Der Pflegenotstand in Sachsen wird nach neuesten Hochrechnungen der BARMER brisanter als bisher angenommen. Bis zum Jahr 2030 werden bis zu 3.000 Pflegekräfte mehr benötigt, als bisher berechnet wurden. Mit rund 348.000 Pflegebedürftigen wird es im Freistaat insgesamt etwa 38.000 Betroffene mehr geben als bisherige Hochrechnungsmethoden ermittelt haben.

Das geht aus dem aktuellen Pflegereport der BARMER hervor. „Die Analysen zeigen einen alarmierenden Zukunftstrend und die Zeit drängt. Bereits heute fehlen Pflegekräfte. Es müssen rasch die Weichen für eine verlässliche und qualitativ hochwertige Pflege gestellt werden“, sagt Dr. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der BARMER in Sachsen.

Pflegende Angehörige und deren Belange unbedingt mitdenken
Entsprechend der laut BARMER Pflegereport steigenden Zahl an Pflegebedürftigen werde auch die Zahl der pflegenden Angehörigen anwachsen. „Deshalb sollte nicht nur die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch explizit die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege, insbesondere wegen der hohen Mobilität sächsischer Arbeitskräfte, gefördert werden“, sagt Prof. Dr. med. habil. Jörg Klewer, Studiendekan der Fakultät Gesundheits- und Pflegewissenschaften Westsächsische Hochschule Zwickau.

Schätzungen zufolge werden rund drei Viertel der pflegebedürftigen Menschen von ihren Angehörigen versorgt. Deren Zahl lag laut Erhebungen des vdek-Ersatzkassenverbandes bereits 2019 in Sachsen bei mindestens 188.000.

„Mehr als 40 Prozent der pflegenden Angehörigen sind noch im erwerbsfähigen Alter. Diese Menschen sind ein unverzichtbarer Pfeiler des Pflegesystems“, so Dr. Fabian Magerl. Sie müssten frühzeitig unterstützt, umfassend beraten und von überflüssiger Bürokratie entlastet werden. Unter dem Aspekt des allgemeinen Fachkräftemangels sei daher die Gesundheit der pflegenden Angehörigen in der Arbeitswelt ebenfalls ein enorm wichtiges Thema.

Pflegeberufe attraktiver machen

„Neben Herausforderungen bei der Finanzierung muss der Blick auch auf die Frage gerichtet werden, wer künftig die Pflegebedürftigen betreuen soll. Bereits heute fehlen tausende Pflegekräfte. Mehr Menschen für eine pflegende Tätigkeit zu begeistern, muss ein zentrales Anliegen werden“, so Magerl. Den aktuellen Reportergebnissen zufolge würden in Sachsen im Jahr 2030 etwa 73.000 Pflegekräfte gebraucht, darunter 34.000 Pflegefachkräfte, 13.000 Pflegehilfskräfte und 26.000 Pflegehilfskräfte ohne Ausbildung.

Dabei sei im stationären Bereich die vollständige Umsetzung des Personalbemessungsverfahrens noch gar nicht berücksichtigt. Der Pflegeberuf müsse vor diesem Hintergrund deutlich attraktiver werden. Daher sei es richtig, geteilte Dienste abzuschaffen und den Anspruch auf familienfreundliche Arbeitszeiten einzuführen. Außerdem müsse mehr getan werden, um die Belastungen dieser enorm anstrengenden Arbeit
abzufedern.

Mehr Nachwuchs für die Pflege gewinnen

Aus Sicht der BARMER muss der bereits bestehende Arbeitskräftemangel in der Pflege weiter entschlossen bekämpft werden. Im Fokus müsse dabei insbesondere die Ausbildung stehen. Mit der seit 2020 bundesweit einheitlichen Pflegeausbildung und dem Wegfall des Schulgeldes für Auszubildende in der Altenpflege seien bereits wichtige erste Schritte getan. „Es muss allerdings weiter gezielt für die Ausbildung in der Pflege geworben werden“, sagt Sachsens BARMER-Chef Dr. Magerl.

Eine angemessene Bezahlung sei hier nur ein Schritt. Ebenso wichtig seien bessere Arbeitszeitmodelle, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern. „Darüber hinaus sollte das Thema Pflege schon umfassend während der Schulzeit behandelt werden. Somit könnte ein breiteres gesellschaftliches Wissen über Pflegebedürftigkeit, Pflegeversicherung und persönliche Vorsorge entwickelt werden. Außerdem ließen sich somit viel besser die beruflichen Perspektiven in der Pflege, bis hin zum Pflegestudium, vermitteln“ ergänzte Prof. Dr. Jörg Klewer.

Finanzielle Überforderung Pflegebedürftiger vermeiden

„Entscheidend ist, dass Pflege qualitativ hochwertig und gleichzeitig bezahlbar bleibt“, so Dr. Magerl weiter. Ein wichtiger Baustein dabei sei, dass der Freistaat Sachsen seiner gesetzlichen Pflicht nachkommt, die Investitionskosten zu übernehmen. Bereits dadurch könne eine Entlastung bei den Eigenanteilen der Pflegebedürftigen erreicht werden. Denn bisher stellen die Pflegeheime die Investitionskosten in der Regel den Bewohnerinnen und Bewohnern in Rechnung.

„Das führt nicht selten zur finanziellen Überforderung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen. In Sachsen haben besonders viele Menschen weder ein entsprechend hohes Einkommen zur privaten Vorsorge noch eine ausreichende Rente“, sagt Prof. Dr. Klewer. Das wiederum führe zu zusätzlichen Belastungen der Kommunen und Landkreise, die dann Sozialhilfe leisten müssen.

Die seit Jahresbeginn erfolgte Anhebung der Pflegesachleistungsbeträge sowie die Einführung eines Leistungszuschlages bei vollstationärer Pflege sei ein erster wichtiger Schritt. Auch eine einmalige Anhebung der Leistungsbeträge der sozialen Pflegeversicherung bietet Entlastung, wenn zukünftig regelmäßig dynamisiert würde.

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