Die Gleise in der Richard-Lehmann-Straße müssen liegen bleiben

Für alle LeserIm Juni informierte das Planungsdezernat zum ersten Mal darüber, dass die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) planen, die Gleise in der Richard-Lehmann-Straße komplett zurückzubauen. „Im Jahre 2021 ist die Komplettinstandsetzung der Schlachthofbrücke notwendig. Bestandteil dieser Maßnahme wird auch der Rückbau der Gleisanlagen der LVB und damit die Aufgabe der Betriebsstrecke in der R.-Lehmann-Straße zwischen Zwickauer Straße und Arthur-Hoffmann-Straße.“

Über die Arthur-Hoffmann-Straße kann man auch nur staunen, denn dort haben die LVB vor Jahren ja auch schon Gleise entfernt und damit eine wichtige Ausweichstrecke zur Karl-Liebknecht-Straße aufgegeben. Mit der Netzreform 2000 haben die LVB ihr Liniennetz komplett auf die Hauptstrecken, die sternförmig auf den Ring zulaufen, konzentriert. Sämtliche aus einem noch vor 50 Jahren viel dichteren Netz existierenden Tangentialverbindungen wurden gestrichen. In der Richard Lehmann-Straße betraf es die Linie 22, die sich – aus Perspektive der LVB – wegen fehlender Wohngebiete an der Straße nicht rechnet.

Aber diese Ausweichstrecke zum Völkerschlachtdenkmal ist – so stellt jetzt die Linksfraktion in ihrem Antrag fest – auch für Notfälle wichtig: „Bei Unfällen oder anderen verkehrsbedingten Behinderungen im Straßenverkehr wird die Strecke zwischen Karl-Liebknecht-Straße/Connewitzer Kreuz und Richard-Lehmann-Straße über die Schlachthofbrücke als Umleitungsstrecke für die Straßenbahn genutzt. Beim aktuell hohen Verkehrsaufkommen und wachsenden Fahrgastzahlen, gerade im Bereich Südvorstadt, Connewitz, Lößnig halten wir den Erhalt der Gleisanlagen für unverzichtbar.“

Die LVB begründeten den Rückbau auch damit, dass man auf der langen Stecke bis zum Völkerschlachtdenkmal keine Wohngebiete und damit kaum Fahrgastpotenzial sehe. Die Strecke wird von Autohäusern dominiert. Klar. Autofahrer fahren halt auch gern mit dem Auto zum Autohaus. Aber wird das ewig so sein? Kaum eine Branche kommt jetzt so gründlich in die Debatte wie die Autobranche. Werden nicht künftig ganz andere Nutzungen das Gebiet an der Alten Messe bestimmen? Unternehmen mit vielen Angestellten, die dann einen direkten Straßenbahnanschluss wertzuschätzen wissen?

Oder ist es nicht vielmehr so, dass viele Unternehmen sich auf der Alten Messe nicht ansiedeln wollen, weil im Südteil ein nahe liegender Straßenbahnanschluss fehlt?

Nur so als Frage, denn weder liegt der neue Nahverkehrsplan der Stadt vor, noch auch die erste belastbare Planungsskizze für das „Nachhaltigkeitskonzept“. Die Gleise werden also ohne jegliche planerische Vision aufgegeben. Was passiert, wenn das „Leipzig 1813“-Panorama auf der Alten Messe eröffnet? Warum bekommt das Panometer keinen besseren Anschluss ans ÖPNV-Netz. Dasselbe gilt für den MDR und das Völkerschlachtdenkmal.

Es sieht ganz so aus, dass hier dasselbe falsche Denken am Werk ist, das auch einen Straßenbahnanschluss für die Spinnerei für unmöglich erklärt hat. Oder ist es schlichtweg das Denken von Autofahrern, die sich gar nicht in ÖPNV-Nutzer hineindenken können? Nicht einmal in die Sichtweise von Touristen, die wahrscheinlich sogar lieber mit einer Straßenbahn fahren würden, die direkt zum Panometer und zum Völkerschlachtdenkmal fährt, als mit den alten Diesel-Touristen-Bussen, die mit Ausnahmegenehmigungen durch die Umweltzone fahren dürfen.

Der jetzt auf der Strecke fahrende Bus der Linie 70 ist für ÖPNV-Nutzer eine Zumutung. Nur aus Sicht der LVB ersetzt er an der Stelle ein „zu geringes Fahrgastaufkommen“, stopft also aus planerischer Sicht eine Art Loch, für das Straßenbahnen zu „wertvoll“ wären, ohne den Attraktionsvorteil einer funktionierenden Straßenbahnlinie auch nur zu bedenken. Das Denken wirkt wie umgekrempelt: Man schafft keine neuen Angebote im ÖPNV, sondern gesteht nur dort eine Absicherung zu, wo die Nachfrage schon kaum bewältigt wird. Damit kam der ÖPNV seit 2006 gründlich in die Defensive, ist zum Sparschwein des Stadthaushalts geworden und entfaltet nicht einmal ansatzweise sein Potenzial.

Die Änderungspunkte aus dem Antrag der Linksfraktion:

„Der Stadtrat nimmt zur Kenntnis, dass im Jahre 2021 die Komplettinstandsetzung der Schlachthofbrücke notwendig ist.

Der Oberbürgermeister wird beauftragt, per Gesellschafterbeschluss die Sanierung der Gleisanlagen der LVB anzuweisen und damit die Aufrechterhaltung der Betriebsstrecke in der Richard-Lehmann-Straße zwischen Zwickauer Straße und Arthur-Hoffmann-Straße zu sichern.

Im Bau- und Finanzierungsbeschluss wird berücksichtigt, dass alle derzeitigen Zugänge zur Brücke (einschließlich des Zugangs zur Gartenanlage) erhalten bleiben.“

***

Der letzte Antragspunkt bringt die nächste ungelöste Frage auf den Punkt. Denn entlang der S-Bahn-Strecke unter der Brücke soll ja künftig auch die neue Radverbindung vom Bayerischen Bahnhof bis zum S-Bahnhof-Connewitz verlaufen. Hier geht es nicht nur um alte Zugänge, sondern auch um neue, die hier neue und attraktive Verbindungen von S-Bahn, Rad und ÖPNV schaffen sollten, wenn nicht schon wieder ein toter Punkt im Netz des Leipziger Umweltverbundes entstehen soll.

LVB sehen keine Zukunft mehr für die Straßenbahnverbindung zum Völkerschlachtdenkmal

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Foto: Marko Hofmann

KommentarNatürlich staunten auch wir bei der L-IZ, als der Stadtrat im Januar plitzplauz und aus heiterem Himmel dem Antrag von Stadtrat Thomas Kunmbernuß (Die PARTEI) zustimmte, die Arndtstraße in der Leipziger Südvorstadt in Hannah-Arendt-Straße umzubenennen. Was dann, wie es aussah, einen ganzen Schwanz von Petitionen zu weiteren Straßenumbenennungen nach sich zog, weil ja auch andere griesgrämige Männer mit verqueren Ansichten im Leipziger Straßenraum gewürdigt wurden und werden.
Bilden Leipziger Straßennamen tatsächlich nur ein öffentliches Stadtgedächtnis?
Die viel befahrene Jahnallee. Foto: LZ

Foto: LZ

Für alle LeserMittlerweile beschäftigen ja eine ganze Reihe Anträge zu Straßenumbenennungen den Leipziger Stadtrat, nachdem der Anfang des Jahres schon der Umbenennung der Arndtstraße zustimmte. Zu jedem dieser Anträge verfasst das Dezernat Allgemeine Verwaltung in der Regel eine Stellungnahme – in der Regel ablehnend, weil seit 1999 so eine Art Stillhalteabkommen gilt, nachdem Verwaltung und Stadtrat eine Kompromissformel gefunden hatten, um die Umbenennungswelle der 1990er Jahre zu beenden.