Tanners Interview mit Teresa von Jan: Ideen nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung

Kurz vor der Bundestagswahl 2013 gab es - auch in Leipzig - die Möglichkeit für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ihre Stimme einer politischen Gemeinschaft zu überlassen. Das Ganze nannte sich U18-Wahl und wurde unter der Fuchtel der äußerst umtriebigen Teresa von Jan umgesetzt - eine Frau, der man noch viel mehr Verantwortung wünscht und die Finanzierung ihrer Arbeit.

Denn Demokratie gibt’s nicht als Werbegeschenk zu nem Kasten Bier dazu. Volly Tanner traf Frau von Jan und quetschte etwas an ihr herum:

Hallo, liebe Teresa. Schön Dich zu treffen. Wie lief denn die U18-Wahl – für die Ihr als Stadtjugendring und Du als Mitarbeiterin die Koordination in Leipzig übernommen habt?

In einem Wort: großartig! Insgesamt konnten die Leipziger Kinder und Jugendlichen flächendeckend in 41 Wahllokalen ihre Stimme abgeben und fast 2.000 haben dies auch genutzt! Vor vier Jahren fand bereits schon einmal die U18-Wahl in Leipzig statt – allerdings mit weitaus geringerer Beteiligung und nur einem einzigen Wahllokal.

Ich freue mich sehr, dass es dem Stadtjugendring als Leipziger Koordinierungsstelle gelungen ist, so viele junge Menschen zu beteiligen! Und auch bundesweit sprengten die Teilnehmerzahlen mit fast 200.000 Kindern und Jugendlichen dieses Jahr alle Rekorde! Das macht doch deutlich, dass sich die unter 18-Jährigen auch für Politik interessieren und gehört werden möchten und vor allem, dass sie die Vielfalt lieben. Das Wahlergebnis ist viel bunter, als sich die Parteien im neuen Bundestag jetzt real zeigen.

Für die, die nun aber überhaupt nicht wissen, wovon wir Beiden reden, was ist das überhaupt, diese U18-Wahl. Gibt’s sowas jetzt öfter? Hinter der Flaschenabteilung meines Lieblingsdiscounters? Erzähl mal!

Am 13.09.2013, also neun Tage vor der Bundestagswahl, hatten die Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren die Möglichkeit ihre Stimme abzugeben. Dieses U18-Wahl-Projekt ist eine bundesweite Aktion, die auf Bundesebene schon seit 2005, in Berlin bereits 1996 erstmalig durchgeführt wurde. Ziel ist es dabei durch gezielte Vorbereitung, Infoveranstaltungen und Projekte möglichst viele Kinder und Jugendliche für Politik zu begeistern.

Auch in Leipzig liefen im Vorfeld einige Aktionen: so gab es das Grillduell mit den Direktkandidaten, Infostände in der Innenstadt, die wir mit der Initiative Jugendparlament gemacht haben, aber z. B. auch „Projekt-Stunden“ an der Ernst-Zinna-Schule. Ob es noch einmal eine U18-Wahl in Leipzig geben wird, kann man zum aktuellen Zeitpunkt leider nicht sagen. Denn ganz ohne Geld können wir das auch nicht machen.

Und? Hat sich denn für Dich das allseits verbreitete Vorurteil bewahrheitet, dass die Jungend politikverdrossen ist? Oder finden sich alle Altersgruppen auf einem von den Entscheidungen weit herabhängendem Ast derzeit?

Die Leipziger Jugendlichen sind keineswegs politikverdrossen – das zeigt ja schon die tolle Zahl an Beteiligten! Das Interesse an der U18 Wahl war sehr groß und besonders die begleitenden Aktionen, wie z. B. das Grillduell mit den Direktkandidaten, aber auch das Informationsmaterial zu den einzelnen Parteien wurden sehr gut angenommen. Ich war selbst auch in einigen Wahllokalen vor Ort und kann daher sagen: das Interesse war super und die Kinder und Jugendlichen haben in der Regel bewusst ihr Kreuz gesetzt und sich zu meist im Vorfeld auch darüber informiert. Da es kein Wählerverzeichnis und keine persönliche Einladung gab, war es ja auch schon eine aktive Entscheidung überhaupt ein Wahllokal aufzusuchen. Beeindruckt haben mich auch Aktivitäten von Jugendlichen, denen es besonders wichtig war, in ihrem Club, in ihrer Schule ein Wahllokal zu organisieren. Da war total viel Engagement und Begeisterung dabei.

Was heißt das Ergebnis aber nun für die nächste Zeit? Wird Jugendbeteiligung – und damit auch Demokratieförderung eher kleiner geschrieben oder nehmen die Entscheidungsträger die Rentenzahler der Zukunft nun auch mal wahr – und nicht nur als Konsumenten?

Die Frage wirst Du den jetzt gewählten Entscheidungsträgern stellen müssen. Wie man gesehen hat, mangelt es uns nicht an tollen Ideen, an engagierten Jugendlichen und dergleichen. Aber Jugendbeteiligung muss aus meinem Verständnis heraus kontinuierlich wachsen, um nachhaltig zu wirken. Da ist so eine U18 Wahl ein guter Türöffner und Indikator, aber es braucht noch einiges mehr. Wie es mit unserem und speziell meinem Projekt Jugendbeteiligung weitergeht, ist leider nach wie vor nicht entschieden. Es liegt jetzt in der Hand des Stadtrates.

Was ist denn Dein nächstes großes Projekt?

Die nächsten Aktionen laufen derzeit ziemlich parallel, das ist ja auch das Spannende an meiner Arbeit. Wir schreiben zum einen gerade mit den Jugendlichen der Initiative Jugendparlament eine Satzung, die im Oktober wieder mit Politik und Verwaltung besprochen werden soll. Die Initiative Jugendparlament ist eine Gruppe Jugendlicher, die mitten im Prozess stecken, ein Jugendparlament in Leipzig zu schaffen und ich hoffe, dass die geplanten Wahlen nächstes Jahr stattfinden können.

Wir basteln gerade an Ideen, wie es uns besser als mit der Sprechstunde gelingen kann, in den Planungsräumen Mitte/Süd und West Jugendbeteiligung auf das Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen gesehen zu gestalten. Da ist die größte Herausforderung gerade die knappe Ausstattung der Jugendeinrichtung und die jetzt noch zusätzlich angezeigten Kürzungen. Auch hier zeigt sich, dass Jugendbeteiligung Kontinuität und Partner braucht, die es ernst meinen.

Ich habe noch die „Problembeschreibung“ von Jugendlichen auf dem Tisch, die sich Sportflächen zur Nutzung wünschen, um ihre Freizeit zu gestalten.

Und last but not least veranstalten wir gerade gemeinsam mit der Jungen VHS Workshops, die Kinder und Jugendlichen nach ihren Potentialen zur Gestaltung von Demokratie fragen und sie fit machen sollen für die 3. Internationale Demokratiekonferenz, die am 14./15.11.2013 in Leipzig stattfindet. Zu Beginn der Veranstaltung bereiten wir gerade ein großes Leipziger Jugendforum vor.

Was würdest Du Dir wünschen – jetzt nach den Beobachtungen der letzten Zeit, Du weißt schon, die U(nter)18-Wahl – die Ü(ber)18-Wahl und Deine Erfahrungen mit Mandatsträgern und Entscheidern?

Ich wünsche mir, dass die Meinung von Kindern und Jugendlichen ernst genommen wird und ihre Ideen nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung gesehen werden – Jugendbeteiligung ist wichtig und an den bisherigen Erfahrungen des Projektes kann man gut sehen, dass Jugendbeteiligung wirkt.

Ich wünsche mir außerdem, dass die Mandatsträger den Mut haben, Jugendbeteiligung von A-Z zu buchstabieren und nicht im Ansatz stecken bleiben und dass sie sich dessen bewusst werden, dass Jugendbeteiligung engagierte pädagogische Begleitung braucht, die motiviert, erklärt, übersetzt, animiert, wirbt, begleitet… Jugendbeteiligung wird nie ein Selbstläufer sein, denn es kommen immer wieder neue Kinder und Jugendliche in das entsprechende Alter, und die die ihre Erfahrungen bereits gesammelt haben, trägt es in die Welt. Mit ihnen aber auch die gute Erfahrung, wie es sich anfühlt Verantwortung zu übernehmen, nicht über seinen Kopf hinweg entscheiden zu lassen, sondern sich selbst einzubringen und Kompromisse zu üben. Aus meiner Sicht gewinnen damit langfristig alle, vor allem die Demokratie.

www.jugendbeteiligung-leipzig.de

Jugendparlament
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