Am Montag werden wieder 32 Stolpersteine für Opfer der NS-Diktatur in Leipzig verlegt

Für alle LeserAm Montag, 13. Mai, verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig in Leipzig 32 neue Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Das Projekt Stolpersteine erinnert und vergegenwärtigt das Leid von jüdischen Mitmenschen, Kindern und Erwachsenen, die nationalsozialistischen „Normen“ nicht entsprachen, von politisch Andersdenkenden, Oppositionellen und allen anderen, die für die Ideologie der NS-Diktatur hätten gefährlich sein können. Seit 2006 erinnern insgesamt 517 Stolpersteine in Leipzig an Opfer der NS-Diktatur.
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Immer wieder kam es deshalb im nationalsozialistischen Regime zur Trennung vieler Familien. Zahlreiche Eltern schickten ihre Kinder ins Ausland. Die Kleinen haben ihre Mütter und Väter nie wiedergesehen. Diejenigen, die die Flucht nicht geschafft hatten, verstarben in den Konzentrationslagern. Seit nunmehr über zehn Jahren werden die Erinnerungsmale für die Opfer vom NS-Regime in Leipzig verlegt.

Für den 13. Mai 2019 hat die „AG Stolpersteine in Leipzig“ eine weitere Verlegung von 32 Steinen organisiert. Die Recherchen zu den Opfern erfolgten durch Verwandte sowie in Schülerprojekten. Bei den Verlegungen werden Familienangehörige aus dem Ausland anwesend sein, darunter auch 14 Angehörige der jüdischen Großfamilie Kalter. Musikalische Begleitung: André Bauer.

Die Verlegung neuer Stolpersteine beginnt am Montag um 9:00 Uhr am Dorotheenplatz 1 für die fünfköpfige jüdische Familie Bleiweiss. Nach antisemitischen Übergriffen durch die Nationalsozialisten verließ die Familie, die am Leipziger Brühl ein Rauchwarengeschäft betrieb, im Frühjahr 1937 Deutschland und ging zunächst nach Italien, dann nach Frankreich. Anfang 1942 wurde die Familie festgenommen. Während drei von ihnen später in Auschwitz ermordet worden sind, gelang einem Sohn mehrmals die Flucht und auch die Befreiung der Mutter. Bis Kriegsende lebten sie versteckt in den Bergen bei Partisanen.

Bei der Verlegung um 9:45 Uhr in der Gustav-Adolf-Straße 34 wird Helene und Isser Gutter gedacht, die bis 1938 mehrere Filialen der Wäschefabrik „Gutter & Buchsbaum“ in der Innenstadt betrieben. Nach der Pogromnacht flohen die polnischen Juden in die Niederlande. Mehrere Jahre lebten sie versteckt in Amsterdam, doch durch Verrat wurden sie entdeckt. Im Vernichtungslager Sobibor wurden sie im Juli 1943 ermordet.

Für den polnischen Juden Salo Weitz wird um 10:30 Uhr in der Rosentalgasse 2 ein Stolperstein eingelassen. Der Handelsgehilfe für Textilien wurde bei der sogenannten „Polenaktion“ am 28. Oktober 1938 mit etwa 17.000 weiteren polnischen Juden nach Polen ausgewiesen. Wahrscheinlich lebte er danach in seiner Geburtsstadt Kolomea. Seine Spuren enden nach der deutschen Besetzung.

Danach erfolgt die Verlegung mehrerer Stolpersteine für Mitglieder der Familie Kalter. Bereits im Herbst 2017 wurden zwei Stolpersteine für die Eheleute Kalter verlegt. Auf Anregung der nachgeborenen Familien kommen nun an weiteren Orten Steine für die Kinder und Enkel der jüdischen Großfamilie hinzu. Von den einst 26 in Leipzig lebenden Familienmitgliedern überlebten nur sieben die Shoah. Fünf von ihnen wohnten in der Pfaffendorfer Straße 52.

Um 11:00 Uhr erfolgt hier die Verlegung von Steinen für Claire und Oskar Kalter und ihre drei Kinder. Die Familie wurde im Zuge der sogenannten „Polenaktion“ am 28. Oktober 1938 nach Polen abgeschoben und lebte später in ihrer Heimatstadt Tarnow. Nach dem deutschen Überfall auf Polen musste Sohn Joachim in einem SS-Arbeitslager beim Bau militärischer Anlagen Zwangsarbeit leisten, Sohn Herbert war an der slowakischen Grenze und Sohn Manfred sowie die Eltern blieben zur Zwangsarbeit in Tarnow.

Die Odyssee aus Ghettos, Arbeits- und später auch Konzentrationslagern endete für drei tödlich; die Söhne Herbert und Joachim überlebten in einem Außenlager des KZ Buchenwald. Für den jüngsten Bruder von Oskar, Josef Kalter, sowie dessen Frau Erna und deren Töchter, werden um 12:00 Uhr in der Schorlemmer Straße 11 Stolpersteine verlegt. Ihnen gelang 1938 die Flucht in die Schweiz. Beim Verlassen Deutschlands mit dem Flugzeug stellte sich heraus, dass ihre Tochter Sonja der bisher jüngste Passagier der Lufthansa war.

Um 13:00 Uhr folgt in der Tschaikowskistraße 13 eine Verlegung für die Eltern von Claire Kalter: Frieda und Michael Hilsenrath wohnten dort mit ihren Kindern. Mit der Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung in den sogenannten „Judenhäusern“ mussten sie 1939 in die Humboldtstraße 13 umziehen. Im September 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert, wo beide Eltern ums Leben kamen. Ihr Enkel ist der erst kürzlich verstorbene Bestsellerautor Edgar Hilsenrath („Der Nazi & der Frisör“).

Nachdem um 13:30 Uhr in der Funkenburgstraße 10 für die 1942 in Auschwitz ermordete Schwester Frania mit ihrem Ehemann Kurt Peckel und den 3-jährigen Sohn Abraham Stolpersteine verlegt worden sind, folgen weitere Steine um 14:15 Uhr in der Humboldtstraße 12 für Jette und Isidor Kalter und ihre zwei Kinder sowie um 14:45 Uhr in der Humboldtstraße 27 für Feiga und Jakob Kalter und ihre beiden Kinder. Isidor und Jakob Kalter sind Söhne von Hanna und Baruch Kalter, für die sich Stolpersteine in der Lortzingstraße 11 befinden. Ihre Familien wurden bei der „Polenaktion“ abgeschoben. 1942 wurden beide Brüder vor ihren Häusern in Tarnow bei einer Massenerschießung umgebracht.

Wie alles begann

In Leipzig begann das Projekt am 3. April 2006 mit der Verlegung von 11 Steinen durch den Kölner Bildhauer Gunter Demnig. Koordiniert werden seitdem sämtliche Verlegungen durch die Arbeitsgemeinschaft „Stolpersteine in Leipzig“, die von der Stadt Leipzig beauftragt ganz bewusst parteiübergreifend arbeitet. Die Arbeitsgruppe koordiniert nicht nur die Steinverlegungen, sondern steht für die Betreuung interessierter Gruppen und deren Recherchen zur Verfügung, plant Termine rund um die Stolpersteine, kümmert sich um den medialen Auftritt der Projekte und hält Kontakt zu Hinterbliebenen und Angehörigen.

Zur Arbeitsgruppe gehören das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, der Ev.-Luth. Kirchbezirk Leipzig und das Bürgerkomitee Leipzig e.V., Träger der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“. Durch das Engagement und die investierte Arbeit dieser Einrichtungen konnten die Stolpersteine Erinnerungen an die Schicksale der vielen Opfer im Nationalsozialismus schaffen und so einen wichtigen Teil zum kollektiven und auch individuellen Bewusstsein der Stadt beitragen.

Das Projekt Stolpersteine braucht Paten

Um die Geschichte weiterer individueller Schicksale aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht das Projekt Stolpersteine auch künftig die Unterstützung vieler Menschen. Für jeden Stolperstein werden Paten gesucht: Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen, Parteien etc. können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld (120 Euro pro Stein) spenden (Konto der Stadt Leipzig: Ktnr. 1010001350, BLZ 86055592, Sparkasse Leipzig, Verwendungszweck/Zahlungsgrund – unbedingt angeben VG 5.0451.000007.0).

Anliegen des Projekts ist es, im öffentlichen Stadtraum, unmittelbar vor den früheren Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der ähnliche Projekte in zahlreichen anderen Städten betreut, fertigt dazu Betonsteine mit verankerter Messingplatte in einer Größe von 10x10x10 Zentimetern und lässt diese in die Gehwege vor den ehemaligen Wohnhäusern der Deportierten ein. In die Messingtafel des Steins sind die Worte „Hier wohnte“ und darunter Name, Jahrgang und Schicksal der betreffenden Person eingestanzt.

Die Liste der Stolpersteinverlegung am 13. Mai 2019.

Stolpersteine
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