Juni-Zahlen bestätigen: Die Sachsen fliehen weiter vom Land in die Großstadt

Und da die L-IZ ja gemein ist, schiebt sie dem sommerlichen Demografie-Jubel von Staatsminister Johannes Beermann gleich noch ein paar Zahlen hinterher. Das Sächsische Landesamt für Statistik hat nämlich am Dienstag, 31. Juli, auch noch ein paar vorläufige Zahlen zum Bevölkerungsstand für Juni 2012 herausgegeben. Erste klare Botschaft: Der Freistaat verliert weiter an Bevölkerung.
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4.128.018 offizielle Sachsen weist die Statistik für den 30. Juni 2012 aus. Das sind 9.033 weniger als noch im Dezember. Zumindest nach der aktuellen Zählung. Die Korrekturen nach dem Zensus 2011 gibt es ja im Herbst.

Aber Schrumpfung bleibt Schrumpfung. Und alles deutet darauf hin, dass all das wilde Herumgewürge der sächsischen Staatsregierung an Ämtern, Behörden, Polizei, Schulen, Kommunal- und Verkehrsfinanzierung den Trend, der seit ein paar Jahren sichtbar ist, verstärkt: Die ländlichen Räume verlieren immer schneller ihre junge Bevölkerung. Da hilft keine neu hingeklotzte Ortsumgehung, kein neues Gewerbegebiet, keine neue vierspurige Trasse. Selbst die Pleite der Drogerie-Kette „Schlecker“ hat ja die dörflichen Räume in Sachsen erschüttert, weil mit den „Schlecker“-Filialen oft die gesamte Nahversorgung in einigen Kommunen zusammenbrach.

„Die Insolvenz hinterlässt daher eine Lücke gerade im ländlichen Raum. Sie bietet uns aber auch die Chance, mit qualifizierten, erfahrenen und hoch motivierten Arbeitskräften neue Versorgungsmöglichkeiten zu schaffen, regionalen Erzeugern zusätzliche Absatzmöglichkeiten zu erschließen und die Versorgung im ländlichen Raum zu verbessern“, sagte Umweltminister Frank Kupfer am 24. Juli erst.

Da diskutierte er gemeinsam mit Fachleuten von Handelsverband, Genossenschaftsverband, Kreditinstituten und Gewerkschaften die Möglichkeiten für eine Unterstützung neu entstehender Dorfläden. „Die Menschen in den Dörfern wünschen sich eine Grundausstattung auch mit Versorgungseinrichtungen. Wenn sie schon für die einfachsten Besorgungen in die nächste große Stadt fahren müssen, verliert der ländliche Raum einen Teil seiner Lebensqualität. Das gilt selbstverständlich auch für Waren des täglichen Bedarfs“, stellte er fest.

Da scheint wenigstens ein Minister zu ahnen, woran es liegen könnte, dass jeder, der kann, die sächsischen Dörfer verlässt. Nicht mehr Richtung Bayern und Schwaben. Das hat sich wirklich gedreht in den letzten Jahren. Sondern in die zweieinhalb Großstädte des Landes. Davon wird das Bevölkerungswachstum in Dresden und Leipzig befeuert. Hier finden die jungen Leute noch die so notwendigen Infrastrukturen, die sie zur Familiengründung brauchen. Man kann es ja nicht oft genug erzählen, was da alles gebraucht wird – vom schnell erreichbaren Kinderarzt über den Gemüseladen und das (Jugend-)Amt bis hin zur nahen Schule und dem Klamottenladen.

Dorfläden retten das alles nicht in den verlorenen Gemeinden – aber sie sind ein richtiger Gedanke.Überraschend ist, dass Dresden von dieser Flucht aus den Landkreisen in die Großstädte etwas weniger profitiert als Leipzig. Stand Dresden im Dezember mit 529.781 Einwohnern in der Statistik, waren es im Juni 531.287 – ein Plus von 1.506.

Leipzig wurde im Dezember mit 531.809 Einwohnern verbucht – im Juni dann mit 535.188. Ein Plus von 3.379. Dresden hat dafür die höhere Geburtenrate. Darum geht es natürlich auch. Denn wenn in Sachsen statistisch 1,36 Kinder pro Frau geboren werden, ist das auch weiterhin zu wenig, um die Bevölkerungszahl zu halten. Aber auch da hängt ja eines mit dem anderen zusammen – die wirtschaftliche Situation der jungen Familien hier zum Beispiel. Wo das Lebensumfeld prekär ist, überlegen es sich gerade die besser Ausgebildeten, ob sie noch mehr Kinder bekommen wollen. Erst recht, wenn dazu der Beharrungseffekt einer von Männern dominierten Karriereleiter kommt. Auch in Leipzig steht immer mindestens ein Mann bereit, den nächsten Karriereposten zu erklimmen, wenn eine Frau in Schwangerschaftsurlaub geht. Und das gute Geld verdient man in Leipzig nicht unten, wo die Arbeit getan wird, sondern oben, in den „Managementfunktionen“. Vom „Peter-Prinzip“ wollen wir hier gar nicht erst reden.

Die Zahl der Bewohner der beiden Großstädte Dresden und Leipzig wuchs also binnen sechs Monaten von 1.061.590 auf 1.066.475. Chemnitz verlor im selben Zeitraum noch 110 Einwohner, lag aber mit dem Einwohnerverlust deutlich unterm sächsischen Durchschnitt. Chemnitz mitgerechnet, leben heute 1.309.538 Sachsen in den drei Großstädten, 4.775 mehr als noch im Dezember.

Gleichzeitig verloren die Landkreise 13.808 Einwohner. Der Landkreis Leipzig zum Beispiel 1.253, der Landkreis Nordsachsen 791.

Ist natürlich die Frage: Wie hoch wird die Leipziger Bevölkerungszahl Ende Juni tatsächlich gewesen sein? – Wenn man die rechnerische Differenz zum Einwohnermelderegister betrachtet, waren es mindestens 521.000 Leipziger. Auch das eine schöne Zahl, nicht ganz so dicht dran an den 600.000, die irgendjemand dem Leipziger Oberbürgermeister ans Herz gelegt hat. Auch keine optimistische Leipziger Hochrechnung sieht so eine Zahl auch nur in fernerer Zukunft.

Es sei denn – kann man natürlich sagen: Es sei denn, Bevölkerungspolitik in Deutschland und in Sachsen wird tatsächlich einmal nachhaltig und familienfreundlich. Aber das ist mit dem derzeitigen Personal in Berlin und Dresden nicht zu erwarten.


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