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Zwei Drittel der Unternehmen mussten reagieren – nur ein Drittel sieht Probleme

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    Geschäftsleute sind recht zerrissene Wesen. Sie leben immer in mindestens zwei Welten - und müssen sie trotzdem unter einen Hut bekommen. Das macht einmal mehr eine Befragung der IHK zu Leipzig zum Thema Mindestlohn sichtbar. Das ist in Leipzig durchaus ein heißes Thema. Die meisten Leipziger sind von diesen 8,50 Euro nicht allzu weit entfernt. Aber der große Wirtschaftseinbruch zum 1. Januar ist ausgeblieben.

    Manche Wirtschaftsinstitute schwadronierten ja mit breiter Brust sogar von Arbeitsplatzabbau. Ostdeutsche Unternehmen würden den Mindestlohn oft gar nicht stemmen können. Aber die Sache ist komplizierter. Denn die Einführung des Mindestlohnes traf nicht nur auf eine stabile wirtschaftliche Lage auch im Osten, sie traf auch auf einen wachsenden Bedarf an Fachkräften. Und tatsächlich ist der Mindestlohn sogar ein sehr branchenspezifisches Problem.

    Doch in den letzten Monaten hat sich der Schwerpunkt der Kritik deutlich verschoben. Aus der Befürchtung, Arbeitsplätze könnten verloren gehen, wurden Befürchtungen, dass vor allem Kosten und bürokratischer Aufwand steigen könnten.

    Ein Drittel der Unternehmen steht kritisch zum Mindestlohn

    An einer Sonderbefragung im Rahmen der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage zu den Auswirkungen des Mindestlohns beteiligten sich jetzt 563 Unternehmen aus dem IHK-Bezirk Leipzig mit insgesamt mehr als 31.000 Beschäftigten. Und während zwar zwei Drittel der Unternehmen Auswirkungen des Mindestlohns für sich verspürten, steht nur ein Drittel der befragten Unternehmen dem Projekt kritisch gegenüber. Und es sind nicht ganz zufällig Unternehmen aus den Branchen, in denen niedrige Löhne besonders stark verbreitet sind: Handel, Verkehr und Tourismus.

    Die Mehrheit der Unternehmer steht dem Mindestlohn neutral gegenüber, stellt die IHK fest. Erwartungsgemäß sind die Unterschiede in der Bewertung zwischen den Wirtschaftsbereichen recht groß. Prozentual betrachtet, bewertet eine Mehrheit der Unternehmer im Einzelhandel sowie im Verkehrs- und Tourismusgewerbe die Einführung des Mindestlohns negativ.

    Die Auswirkungen des Mindestlohnes unterscheiden sich zwischen den Wirtschaftsbereichen deutlich.

    So verzeichnen 56 Prozent der befragten Betriebe des Einzelhandels gesunkene Gewinne auf Grund der Kostenzunahme (Gesamtwirtschaft: 26 Prozent). Über zusätzlichen Bürokratieaufwand beklagen sich 67 Prozent der Unternehmen des Verkehrsgewerbes (Gesamtwirtschaft: 43 Prozent). 13 Prozent von ihnen sehen durch die Einführung des Mindestlohns den Fortbestand ihres Unternehmens gefährdet (Gesamtwirtschaft: 5 Prozent).

    Normalerweise gibt man höhere Lohnaufwendungen dann über die eigenen Preise weiter. Erst so entsteht Wettbewerb. Und zwar nicht einer nur „nach unten“, auf Kosten der Arbeitnehmer. Sondern auch untereinander. Aber das tun nicht alle Unternehmen. Die Angst, dabei Markteinbußen zu erleben, scheint bei vielen Unternehmern die wichtigste Sorge zu sein.

    Jedes dritte Unternehmen erhöhte die Preise

    61 Prozent der antwortenden Unternehmen haben Maßnahmen ergriffen, um die finanziellen Belastungen durch den Mindestlohn auszugleichen. Am häufigsten – in mehr als jedem dritten Unternehmen – wurden Preiserhöhungen genannt.

    Doch jede fünfte Firma versucht, an anderer Stelle Kosten zu senken.

    17 Prozent haben Anpassungen bei den Arbeitszeiten vorgenommen. In etwa jedem siebenten Unternehmen werden die Investitionsplanungen zurückgefahren bzw. die Zahl der Neueinstellungen reduziert. In jedem achten Unternehmen wurden Änderungen in der Entlohnungsstruktur vorgenommen. Ebenso viele Betriebe wollen die Zahl der Praktikumsplätze einschränken.

    Der Mindestlohn verändert also tatsächlich die Erwerbslandschaft. Während die meisten Unternehmen ihn problemlos meistern, hat ein kleiner Teil Probleme damit. In welcher überschaubaren Größenordnung das passiert, benennt die IHK auch: Entlassungen aufgrund des Mindestlohnes erfolgten bisher dagegen nur in 6 Prozent der Unternehmen (wer es umrechnet auf die befragten Unternehmen: es sind drei). Insgesamt sind in den befragten Unternehmen 53 Stellen weggefallen.

    Die mögliche Begründung: Offenbar haben die derzeit gute Konjunktur und die zunehmende Fachkräfteknappheit einen deutlicheren Stellenabbau verhindert.

    Man kann es aber auch anders formulieren: Der Mindestlohn hat einige Unternehmen gezwungen, ihr Geschäftsmodell zu ändern und sich dem Thema Arbeitskosten neu zu stellen. Denn wenn Arbeitskräfte einen etwas besseren Lohn bekommen, heißt das eben auch, dass man nicht mehr jede unsinnige Zeit mit Angeboten besetzen kann – bis Mitternacht geöffnete Küchen in Restaurants zum Beispiel oder sonntags geöffnete Geschäfte. Wenn Kunden für solche Zusatzangebote nicht genügend zu zahlen bereit sind, sind sie schlicht unwirtschaftlich. In den genannten Branchen wird sich also noch einiges zurechtrücken.

    Aber gefährdet sind sie dadurch nicht. Sie werden nur einige Angebote, die sie bislang nur auf Grundlage von Niedriglöhnen bereitstellen konnten, nicht mehr anbieten können. Die Kernangebote aber werden davon nicht berührt – eher wird sich dort das Preisniveau nach oben anpassen.

    Was – frei nach dem alten Sprichwort – für andere Unternehmer wieder eine Nachtigall ist, denn das bedeutet auch wieder höhere Umsätze und mehr Konsum. In gewisser Weise ist das für einige Unternehmen, die sich an das Niedriglohnland Sachsen gewöhnt haben, auch ein Anstoß, langsam mal umzudenken: So kann eine Wirtschaft nicht dauerhaft funktionieren. Auch wenn es rein aus Sicht der befragten Unternehmen etwas anders aussieht.

    Zusätzliche Bürokratie besonders belastend

    Während sich ein Drittel der Unternehmen von der Einführung des Mindestlohns nicht betroffen sieht, berichten zwei Drittel über unterschiedliche Auswirkungen. An der Spitze steht dabei der zusätzliche Bürokratieaufwand.

    In einem Drittel der befragten Firmen waren Lohnanpassungen auf das neue Mindestlohnniveau notwendig. Was sie augenscheinlich geschafft haben, ohne in großem Maße Personal entlassen zu müssen.

    In jedem fünften Unternehmen fanden diese Anpassungen auch oberhalb des Mindestlohns statt, um den Lohnabstand innerhalb des Unternehmens auch weiter zu gewährleisten. Die dadurch entstehenden Zusatzkosten führten in gut einem Viertel der Unternehmen zu sinkenden Gewinnen.

    Und dann kommt eine besonders schöne Formulierung der IHK: „Etwa fünf Prozent sehen sich sogar in ihrer Existenz gefährdet.“

    Auf die befragten 563 Unternehmen gerechnet sind das: drei Unternehmen. Welche das sind, steht nicht da. Die Umfrage gibt ja nur die Gesamtzahlen an. Aber auch damit war zu rechnen, dass einige Geschäftsmodelle, die zuvor auf subventionierten Niedriglohnmodellen fußten, mit dem Mindestlohn nicht mehr funktionieren würden.

    Nur zwei Prozent profitieren durch Umsatz- bzw. Kaufkraftsteigerungen von der Einführung des Mindestlohns, stellt die IHK noch fest. Neun Prozent der Unternehmen nennen sonstige Auswirkungen, darunter eine zunehmende Rechtsunsicherheit, den Verlust von Flexibilität oder Zusatzaufwand durch die Anpassung von Arbeitsverträgen.

    Da haben sich augenscheinlich einige Unternehmen schon an die herrschende „Flexibilität“ der Arbeitnehmer gewöhnt gehabt.

    Da steht dann aber die Frage im Raum, wie lange diese Modelle überhaupt noch funktioniert hätten, wenn die Arbeitskräftenachfrage im mitteldeutschen Raum weiter so anhält. Denn die neuen Arbeitsplätze entstehen zumeist in Branchen, in denen etwas mehr gezahlt wird als in den jetzt vom Mindestlohn besonders betroffenen.

    Übrig bleibt eigentlich nur die heftige Kritik an den bürokratischen Folgen des Ganzen.

    Korrekturen beim Mindestlohn rasch umsetzen, fordert die IHK

    Als größtes Problem für die Unternehmen zeigt sich der Bürokratieaufwand in Form von Dokumentationspflichten für die Arbeitszeit, stellt die IHK zu Leipzig fest. Trotz Zusage der Politik, bis zum Frühjahr 2015 die Auswirkungen von Mindestlohngesetz und Rechtsverordnung zu überprüfen, sind derzeit keine Nachbesserungen in Sicht. Die Bundesregierung ist deshalb aufgefordert, im Sinne praxistauglicher Lösungen rasch nachzubessern und eine Einigung innerhalb der Regierungskoalition nicht auf die lange Bank zu schieben.

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