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Warum lösen junge Leute eigentlich ihre Ausbildungsverträge so oft vorzeitig?

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    Über Studienabbrecher wird ja derzeit in Deutschland heftig diskutiert. Ministerinnen und Minister wollen "jede Anstrengung unternehmen", um die Abbrecherzahlen zu senken. Es ist eigentlich egal, ob es um Schulabbrecher, Studienabbrecher oder Ausbildungsabbrecher geht - in der Politik herrscht das Stereotyp des Versagens vor. Differenzierungen gibt es kaum. Also gibt's primitive Lösungsvorschläge für Probleme, die meist gar keine sind.

    Mit dem Thema „Schulabbrecher“ werden wir uns bei Gelegenheit auch mal wieder beschäftigen. Aber nicht heute. Heute geht es mal um „vorzeitig aufgelöste Ausbildungsverträge“. Klingt nach lauter Lehrlingen, die entmutigt den ganzen Bembel hinschmeißen. Die gibt es natürlich. Aber so einfach lassen sich die Zahlen nicht interpretieren, die das Bundesamt für Statistik dazu herausgibt, stellt auch Paul M. Schröder vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) fest.

    Er zitiert extra Alexandra Uhly vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB): „Insgesamt sind die Ursachen für die regionalen Unterschiede im Vertragslösungsrisiko weitgehend ungeklärt.“

    Was eigentlich ein schöner und knapper und treffender Kommentar ist zum Umfragetohuwabohu von Kammern, Verbänden und Instituten in Deutschland, die praktisch jede Woche die Unternehmer mit Fragen zur Geschäftslage, Geschäftserwartung und Fachkräftemangel nerven, die aber so simple Fragen niemals stellen wie: Warum wechseln bei euch Azubis eigentlich so häufig oder brechen die Ausbildung ab?

    Einiges kann man vermuten, stellt Schröder fest: „Eine  vorzeitige Vertragslösung ist nicht gleichzusetzen mit einem endgültigen Verzicht des oder der Auszubildenden auf eine erfolgreiche Fortsetzung einer (dualen) Berufsausbildung. Die veröffentlichte Statistik der vorzeitigen Vertragslösungen gibt keine Auskunft darüber, ob die Berufsausbildung in einem anderen Ausbildungsberuf und gegebenenfalls in einem anderen Ausbildungsbetrieb weitergeführt wird (Ausbildungswechsel) oder im ursprünglichen Ausbildungsberuf in einem anderen Ausbildungsbetrieb (Betriebswechsel).“

    Eine Interpretation, die zumindest deutlich macht, dass junge Leute in der Berufsausbildung vor ganz ähnlichen Problemen stehen wie Studienanfänger: Oft merken sie erst in der Praxis, dass der gewählte Beruf doch nicht das ist, was sie sich erträumt hatten. Manchmal kommen sie mit dem Ausbilder nicht zurecht. Manchmal sind sie von der gewählten Ausbildung überfordert. Oder unterfordert. Das gibt es auch. Manchmal geht auch der Ausbildungsbetrieb pleite und sie müssen sich einen neuen Lehrausbilder suchen. Oder sie suchen selbst einen, wenn sie merken, dass ein anderer Beruf doch viel interessanter ist.

    Die Zahl der aufgelösten Ausbildungsverträge sagt also tatsächlich nichts über einen erfolgreichen oder nicht erfolgreichen Berufsabschluss.

    „2014 wurden in der Bundesrepublik Deutschland 518.391 Ausbildungsverträge (duale Berufsausbildung) neu abgeschlossen, darunter 312.147 im Ausbildungsbereich Industrie und Handel (IH) und 137.301 im Handwerk (HW)“, stellt Schröder aufgrund der Berufsbildungsstatistik vom Juli 2015 fest. Immerhin: „143.457 Ausbildungsverträge wurden vorzeitig gelöst, darunter 74.730 im Ausbildungsbereich Industrie und Handel (IH) und 52.254 im Handwerk (HW).“

    Die Lösungsquote lag 2014 bei 24,7 Prozent. In Industrie und Handel lag sie mit 21,5 Prozent deutlich niedriger als im Handwerk mit 33,1 Prozent.

    „In den Ländern reichen die Lösungsquoten (Schichtenmodell) von 21,4 Prozent in Baden-Württemberg bis 33,5 Prozent in Sachsen-Anhalt“, stellt Schröder fest. Und hat auch gleich mal so eine Art Ranking erstellt unter den Bundesländern. Mit jenen Ländern an der Spitze, in denen die Auflösungsquoten am niedrigsten sind: Baden-Württemberg mit 21,4 Prozent, Bayern mit 22,5 Prozent und Hessen mit 22,9 Prozent.

    Am unteren Ende der Skala rangieren Mecklenburg-Vorpommern mit 32,8 Prozent, Berlin mit 33,4 Prozent und Sachsen-Anhalt mit 33,5 Prozent. Was zumindest die Vermutung zulässt, dass der starke Besatz an mittelständischen Betrieben im Süden Deutschlands auch die Berufsausbildung der jungen Leute stabilisiert, während gerade in den ärmeren Bundesländern im Osten die Fluktuation deutlich größer ist.

    Dabei erreichen in Sachsen-Anhalt die Auflösungsraten bei Ausbildungen im Handwerk mittlerweile 46,5 Prozent und sie sind dort in den letzten Jahren kräftig angestiegen. Woran das liegt, können wohl die zuständigen Handwerkskammern nur durch eigene Erhebungen herausbekommen.

    Denn es hängt eindeutig nicht (nur) mit der „Lage des Handwerks“ im Osten zusammen. Auflösungsquoten im Handwerk von über 40 Prozent erreichen auch westliche Bundesländer. Während sich die Zahl der Vertragsauflösungen im sächsischen Handwerk sogar verringert hat. Mit 33,8 Prozent liegt Sachsen da bundesweit mittlerweile auf Rang 6. 2010 war es noch Rang 9. Und auch bei den Ausbildungen in Industrie und Handel hat sich die Auflösungsquote in den vergangenen Jahren reduziert – von 28,2 Prozent im Jahr 2011 auf 24,7 Prozent im Jahr 2014. Das ist zwar in der Kategorie nur Rang 10. Aber insgesamt rangiert Sachsen mit einer Auflösungsquote von 26,7 Prozent deutschlandweit nunmehr auf Rang 7, hat also Länder wie Schleswig-Holstein, das Saarland und Rheinland-Pfalz hinter sich gelassen.

    Was man wohl so interpretieren kann, dass sich auch die Ausbildungssituation in Sachsen stabilisiert hat. Immer häufiger scheinen die jungen Leute auch ihren Wunschberuf zu bekommen und auch die Ausbildungsbetriebe haben sich wirtschaftlich stabilisiert.

    Eine komplette Interpretation der Ergebnisse ist das nicht, aber sie könnte einen Teil der Ursachen benennen, die zur Verringerung der Quote von aufgelösten Ausbildungsverträgen beigetragen haben. Alles andere müssten und sollten wohl auch die entsprechenden Kammern einmal analysieren. Vielleicht lautet das Ergebnis sogar, dass eine Auflösungsquote von 20 bis 25 Prozent normal und sogar wünschenswert ist, weil sie den Prozess einer Nachjustierung beschreibt, mit der junge Menschen noch im Verlauf ihrer Berufsausbildung nach einem Ausbildungsplatz suchen, der ihren Erwartungen und Fähigkeiten möglichst gut entspricht.

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