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Zahl der Mini-Jobs im Osten sinkt, Gesamtbeschäftigung steigt weiter

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    Eigentlich gehört es zum Standard des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), quartalsweise auch so etwas wie eine Prognose für die ostdeutsche Wirtschaft abzugeben. Aber im August 2015 ging es den Wirtschaftsbegutachtern in Halle ganz ähnlich wie den sächsischen Landesstatistikern in Kamenz: Sie stolperten ganz unverhofft über das Thema Mindestlohn.

    Auch wenn sie danach nicht gesucht haben. Aber die Kategorie, in der er Wirkung zeigen musste, die steckt schon seit geraumer Zeit auch in den Auswertungen der Wirtschaftsforscher vom IWH. Denn auch dort hat man erkannt, dass gerade Ostdeutschland in den letzten 15 Jahren zu einem Treibhaus der prekären Beschäftigung geworden ist. Das war bis 2010 sogar besonders prekär, weil auch reihenweise klassische Vollzeitjobs mit „Hartz IV“ im Hintergrund in windige Teilzeit-, Mini- und Midijobs verwandelt wurden.

    Aber seit 2012 sinken diese Zahlen.

    Und der Mindestlohn hat 2015 noch extra zugeschlagen. Na ja, und ein bisschen verkorkst ist die Statistik auch noch: Die Hallenser Forscher rechnen für den Anfang einfach mal Berlin raus. Was aus wirtschaftsstruktureller Sicht reineweg Unfug ist. Kein Bundesland im Westen rechnet einfach eine der beiden wichtigen Metropolregionen raus. Das macht schlicht keinen Sinn.

    „Die Wirtschaft in Ostdeutschland (ohne Berlin) dürfte im Jahr 2015 um 1,5 % expandieren“, schreiben die IWH-Forscher. Und die Erwähnung Berlins ist wichtig, denn Berlin ist nun seit rund fünf Jahren der Wirtschaftsmotor im Osten und sorgt dafür, dass das Wirtschaftswachstum insgesamt höher ausfällt. Aus 1,5 Prozent können dabei durchaus 1,8 Prozent werden. Was übrigens weiter unten im Text eine Rolle spielt. Aber an dieser Stelle eigentlich auch schon, denn die bundesweite Wirtschaft ist natürlich vernetzt. Integriert, sagen die Hallenser Forscher.

    „Sie partizipiert dank der engen Integration in den gesamtdeutschen Konjunkturverbund am bundesweiten Aufschwung des privaten Konsums und der Investitionen. Wegen  der  überwiegenden Orientierung  der Exporte auf den Euroraum und die angrenzenden mittel- und osteuropäischen  Länder dürfte die ostdeutsche Wirtschaft auch von der dort einsetzenden Erholung profitieren.  Allerdings gibt der Handel mit Russland wohl weiter nach.“

    Allerdings. Aber das Thema hatten wir ja an dieser Stelle gerade: Die Handelsvolumina mit Russland betragen auch in den ach so russophilen ostdeutschen Provinzen im Schnitt nur 1,5 bis 3 Prozent. Nicht Russland ist wichtig für die ostdeutsche (Export-)Wirtschaft, sondern China. Mal schauen, wie oft wir das noch erzählen, bis es einer glaubt.

    „Im ersten Quartal des Jahres 2015 sank die Zahl der Erwerbstätigen trotz der kräftigen Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Produktion leicht“, schreiben die Hallenser Autoren, als wäre das wichtig. Im ersten Quartal sinken immer die Beschäftigtenzahlen. Das hat mit dem Winter zu tun. Im zweiten Quartal steigen sie dann wieder. Und die schlichte Wahrheit ist: Auch im Frühjahr 2015 liegen die Beschäftigtenzahlen im Osten höher als im Frühjahr davor. So steht es sogar in der Tabelle, die das IWH gemacht hat: Von 5,895 Millionen stieg die Zahl der Beschäftigten im Osten auf 5,907 Millionen. Trotz Mindestlohn.

    Nur in der oben zitierten Rubrik gab es tatsächlich einen deutlichen Rückgang:

    „Die Einführung des allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns dürfte die Ursache für den sehr deutlichen Rückgang der Zahl an Minijobs sein.“ Kurz und trocken. Mehr schreiben die IWH-Leute nicht dazu, obwohl die Zahl mehr als deutlich zeigt, dass der Mindestlohn auch im Osten überfällig war und die Produktivität überhaupt nicht gefährdet hat. Die Zahl der Unterbeschäftigten sank von 821.000 im Frühjahr 2014 auf 757.000 im Frühjahr 2015. Aber: Auch in den Vorjahren waren solche Rückgänge zu verzeichnen. Mindestens seit 2012 schon mussten auch ostdeutsche Unternehmen die Zahl der bei ihnen prekär Beschäftigten einschränken und immer öfter Vollzeitarbeitsplätze anbieten.

    Der Grund war nicht der diskutierte Mindestlohn, sondern der spürbar werdende Fachkräftemangel. Der wurde auch gern immer wieder mal höllisch dramatisiert, weil mancher Arbeitsgeber doch am liebsten gut ausgebildete, junge Facharbeiter mit 50-jähriger Berufserfahrung gehabt hätte. Gab’s aber bekanntlich ab 2010 nicht mehr. Also waren gerade im Dienstleistungsbereich schon vor dem 1. Januar 2015 viele Unternehmen gezwungen, ihren flexiblen Stundenarbeitskräften echte Langfristarbeitsverträge anzubieten. Gerade Minijobber und Aufstocker haben diese Chance genutzt, wieder in eine ordentliche Beschäftigung zu kommen. Das Ergebnis ist das stetige Hinschmelzen der Unterbeschäftigung.

    Und zwar, während zeitgleich die Gesamtbeschäftigung wächst. „Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte  im Durchschnitt des Jahres 2015 aber wegen der günstigen Produktionsentwicklung um 12.000 bzw. 0,2 % über dem Vorjahresstand liegen“, meint das IWH, orakelt dann aber wieder ein bisschen: „Insgesamt wird der Wachstumsrückstand gegenüber Westdeutschland, dessen Wirtschaft im Jahr 2015 um 1,8 % zunehmen dürfte, wohl bestehen bleiben.“

    Wie gesagt: Wo haben die Hallenser eigentlich die ostdeutsche Großstadt Berlin gelassen? Wieder mal Bayern zugeschlagen?

    Wahrscheinlich wird das Wirtschaftswachstum in Ost und West tatsächlich relativ pari verlaufen.

    Auch wenn der Hallenser Wirtschaftsforschung der ostdeutsche Wirtschaftsbesatz überhaupt nicht gefällt: „Zwar ist die Industrie, die inzwischen reichlich ein Drittel ihrer Erzeugnisse im Ausland absetzt, recht gut aufgestellt. Hemmend wirkt jedoch die weiter deutlich ungünstige Entwicklung  der Bevölkerung und des Erwerbspersonenpotenzials. Das bekommen die von der regionalen  Nachfrage abhängigen Bereiche wie etwa der Einzelhandel,  die personennahen Dienstleister oder  das Baugewerbe zu spüren. Zudem sind unternehmensnahe Dienstleister, hier besonders im  Bereich Forschung und Entwicklung, in Ostdeutschland nach wie vor unterrepräsentiert.“

    Und dann kommt’s – und man freut sich richtig, dass es endlich dasteht: „Prognosen für den Ostteil  Deutschlands mit Berlin fallen dagegen inzwischen ähnlich hoch aus wie in Westdeutschland. Seit  etwa zehn Jahren wächst die gesamtwirtschaftliche Produktion in Berlin im Trend rascher als in den ostdeutschen Flächenländern und im Schnitt der westdeutschen Länder. Dies hängt vor allem mit der dort günstigeren demographischen Entwicklung zusammen. Davon profitieren insbesondere die Dienstleistungsbereiche.“

    Ja, was denn nun? Gute demografische Entwicklung in Berlin, schlechte im Osten?

    So kann man nur argumentieren, wenn man um Berlin immer noch eine Mauer vermutet. Aber da steht keine. Und wenn man gut aufpasst, merkt man, wie dieser Klops von Großstadt eine ganze Region mitzieht. So ähnlich wie das kleinere Leipzig. Vielleicht sollten deutsche Wirtschaftsforscher ihre statistischen Grundlagen wirklich ändern – weg vom alten Ost-West-Gemulche hin zur genaueren Betrachtung von Metropolregionen. Auch wenn das ein paar Ministerpräsidenten höllisch ärgern würde. Aber wen kümmert das eigentlich, wenn der Laden läuft?

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