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Was steckt eigentlich hinter dem gemeldeten Rückgang der Erwerbstätigenzahl in Sachsen 2015?

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    Wir lassen uns ja nicht alles erzählen. Auch nicht, wenn das Landesamt für Statistik so locker die Meldung hinwirft: "2015 erstmals wieder leichter Rückgang der Erwerbstätigenzahl in Sachsen seit sechs Jahren." Die ganze Zeit wird von Stellenzuwachs erzählt - und dann so eine Nachricht? Was ist da los?

    Die Meldung der Landesstatistiker für sich: „Durchschnittlich 2,016  Millionen  Erwerbstätige  hatten  im  Jahr  2015 ihren Arbeitsplatz  im  Freistaat Sachsen. Das waren rund 4.000 Personen bzw. 0,2 Prozent weniger als  im Jahr 2014 und gleichzeitig der erste leichte Rückgang der Erwerbstätigenzahl seit sechs Jahren. Während in den neuen Ländern (ohne Berlin) die Zahl der Arbeitsplätze im Vergleich zum Jahr 2014 um 0,3 Prozent bzw. knapp 15.700 zurückging, stieg diese in den alten Ländern (ohne  Berlin) um 0,9 Prozent bzw. rund 308.900 an.“

    Kleine Zwischenbemerkung: Das merken wir uns. Das behandeln wir gleich extra.

    „Insgesamt nahm die  Erwerbstätigenzahl in Deutschlannd 2015 um 0,8 Prozent bzw. 329.000 Personen zu. Nach Branchen betrachtet zeigt  die aktuelle  Entwicklung in  Sachsen einen Rückgang  der  Erwerbstätigenzahl gegenüber dem Jahr 2014 in der Land- und Forstwirtschaft,  Fischerei um 0,9  Prozent (- 300 Personen) und im Produzierenden Gewerbe um 0,6 Prozent (- 3.200 Personen). Besonders das Baugewerbe verzeichnete hier deutliche Verluste (-2,3 Prozent  bzw. 3.800 Personen). Dagegen konnte das Verarbeitende Gewerbe mit einem Zugang   um 0,5 Prozent (1.600 Personen) punkten. Im Dienstleistungsbereich reduzierte sich die Zahl der Erwerbstätigen nur geringfügig um 0,04 Prozent (-600 Personen).“

    Was war da also im Osten los? Denn bis auf Mecklenburg-Vorpommern und Berlin hatten alle ostdeutschen Bundesländer 2015 einen Beschäftigungsrückgang zu verzeichnen.

    Im Detail wird auch deutlicher, welche Branchen es betraf. Denn es gilt ja nicht für die Gesamtwirtschaft. Dass das Produzierende Gewerbe in Sachsen nicht verlor, sondern zulegte, hatten die Statistiker ja erwähnt. Dafür gab es im Baugewerbe einen Rutsch, der erklärungsbedürftig ist. Von 163.200 ging hier die Zahl der Beschäftigten auf 159.400 zurück. Und das, obwohl die Branche landesweit eine gute Lage und Auslastung verkündet. Trotzdem ging die Zahl der gemeldeten Unternehmen deutlich zurück. Von 6.777 auf 6.620. Schon 2014 hatte es – nach einem jahrelangen Anstieg – einen ersten leichten Rückgang gegeben um 45 Betriebe.

    Spiegelbildlich gab es den massiven Anstieg von Bauunternehmen zwischen 2004 und 2012.

    Mögliche Erklärungen: 1. hat die gute wirtschaftliche Entwicklung und die gestiegene Nachfrage nach Fachkräften viele Einzel- und Kleinstunternehmer dazu bewegt, ihr Unternehmen wieder aufzugeben und in eine Vollzeitstelle zu wechseln. 2. Seit 2010 hat die Halbierung der Ausbildungsjahrgänge auch die Baubranche erreicht. Sie findet nicht mehr genug jungen Nachwuchs und nimmt Seiteneinsteiger und ehemals Selbstständige mit Kusshand. Und 3. kam 2015 noch die Einführung des Mindestlohnes hinzu, was viele Unternehmen gezwungen haben dürfte, die Gehälter deutlich aufzustocken und andererseits bisher schlecht bezahlte Arbeitsstellen abzubauen. Die hohe Zahl von 3.800 „verschwundenen“ Arbeitsplätzen macht wohl nur deutlich, wie groß der Anteil von Niedriglöhnern in der Branche war.

    Der Rest ist dann wohl Schweigen. Denn normalerweise sind alle diese Firmen zur tariflichen Entlohnung verpflichtet – aber mit Einführung des Mindestlohns hat auch der Zoll seine Aktivitäten zur Kontrolle von Schwarzarbeit – Klammer auf: am Bau – verstärkt.

    Das Erstaunliche am Mindestlohn ist, dass er ziemlich deutlich macht, in welchen Branchen zuvor besonders exzessiv mit Niedrigstlöhnen gearbeitet wurde.

    Ein weiteres Beispiel ist der Bereich „Grundstücks- und Wohnungswesen, Finanz- und Unternehmensdienstleister“. Hier fallen die „Unternehmensdienstler“ auf, zu denen auch die Leiharbeiterfirmen gehören. Auch hier trifft zu, dass viele Unternehmen insbesondere aus dem produzierenden  Bereich bisher als Leiharbeiter beschäftigte Fachkräfte im Zeichen des Fachkräftemangels lieber in Festanstellung übernommen haben. Und dazu kommt dann wohl auch die verstärkte Wirkung des Mindestlohns. Denn eigentlich war Leiharbeit ja einmal dafür gedacht gewesen, Produktionsspitzen bei Unternehmen aufzufangen – doch so mancher Facharbeiter in Sachsen fand sich in den letzten Jahren nicht nur in Leiharbeit wieder, sondern auch mit äußerst kärglichem Gehalt. Wenn aber die Nachfrage nach Fachkräften steigt, verbessern sich logischerweise die Umstiegschancen in einen besser bezahlten Job.

    Ähnliche Effekte sind auch in anderen, eher prekären Dienstleistungsjobs sichtbar.

    Und einen Effekt hat sich eine beratungsresistente Landesregierung selbst organisiert: den Verlust von (mindestens) 1.100 Arbeitsplätzen binnen eines Jahres im Bereich „Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung und Gesundheit“, ein Effekt, unter dem das ganze Land mittlerweile leidet und der nun seit Jahren anhält, was besonders im Einzelposten „Öffentliche Verwaltung, Verteidigung; Sozialversicherung“ sichtbar wird. Seit 2008 sind hier 20.000 Arbeitsplätze „verschwunden“.

    Während ein anderer Posten nach Jahren der Stellenverluste seit 2013 wieder leichte Zuwächse zeigt: „Erziehung und Unterricht“. Aber nicht unbedingt, weil der Freistaat wieder mehr Lehrer einstellt, sondern weil die Kommunen wieder verstärkt Kita-Erzieherinnen bezahlen.

    Dass die ostdeutschen Bundesländer scheinbar einen Verlust an Arbeitsplätzen ausweisen, hat also vor allem mit den seit 2010 halbierten Ausbildungsjahrgängen zu tun, was manche Branchen schon in einen Fachkräftemangel gedrängt hat. Und ihren Arbeitskräftebedarf füllen sie dann eben nicht mit den ja sowieso fehlenden junge Arbeitskräften auf, sondern mit Personen, die zuvor ihr Heil als Selbstständige, als Leiharbeiter oder als prekär Beschäftigte gesucht hatten. Es findet also eine nicht gar so kleine Umverteilung innerhalb der Beschäftigtenstruktur statt.

    Auch das könnte man ein sinnvolles Nutzen von Arbeitsmarktreserven nennen. Aber auch das könnte seine Grenzen ziemlich bald finden, und viele Unternehmen werden tatsächlich zunehmend vor dem Problem stehen, ihren Fachkräftebedarf decken zu können. Und vielleicht sieht man dann die ersten wohlfeilen Ministerpräsidenten, die sich vor laufender Kamera in den Hintern beißen, weil sie die Chance, die Länder fit zu machen für dauerhafte Zuwanderung, schlichtweg vergeigt haben. Die ostdeutschen Ministerpräsidenten vorneweg.

    Die Meldung des Statistischen Landesamtes.

    Die Entwicklung nach Wirtschaftsbereichen.

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