Deutschland wird bis 2035 wohl doch nicht schrumpfen und Sachsen steckt zwischen Einmauern und Zukunft

Für alle LeserZum „Tag der Deutschen Einheit“ erfreuten zahlreiche Medien die verblüffte Öffentlichkeit mit der Nachricht „Deutschlands Bevölkerung wächst bis 2035 um 1 Million“ (so „Zeit Online“). Auch wenn die eigentliche Meldung schon vom 29. September stammte. Aber auch die war nicht ganz zweckfrei lanciert. Sie stammt vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Und dort brachte man schon die vorausgehende Meldung im Jahr 2016 mit einem Seitenhieb auf das Statistische Bundesamt, wo man sich aus guten Gründen zurückhält, in kürzeren Takten neue Prognosen zu erstellen. Was nicht nur daran liegt, dass die Zuwanderungszahlen nach Deutschland schon seit 2014 deutlich höher sind als über Jahre angenommen.

Deswegen ist die Einschätzung des IW Köln zumindest mit Vorsicht zu genießen: „Das Ergebnis stellt sämtliche bisherigen Erwartungen auf den Kopf: Deutschland wächst wieder“.

Was übrigens die eigene Analyse des IW so nicht hergibt. Denn das Institut hat – wie man das zum Beispiel auch aus Leipziger Prognosen kennt – 2016 drei verschiedene Szenarien erstellt. Und nur nach der höchsten Variante wird die Bevölkerungszahl für die Bundesrepublik bis 2035 auf 83 Millionen wachsen. Nach der niedrigsten wird sie ebenfalls schrumpfen. Wie gehabt. Nicht ganz so stark, wie bislang stets vermutet. Aber 77 Millionen Einwohner sind natürlich weniger als die heutigen 81 Millionen.

Die Autoren des IW lästern zwar über die Prognosen des Statistischen Bundesamtes. Aber in Wirklichkeit arbeiten sie gar nicht anders. Sie schreiben Entwicklungen aus der Vergangenheit in die Zukunft fort.

Das IW behauptet sogar: „Vier Faktoren bestimmen den demografischen Wandel: die aktuelle Einwohnerzahl, die Geburten, die Sterbefälle und die Nettomigration, also die Differenz aus Zu- und Abwanderung. Damit rechnet sowohl das Statistische Bundesamt als auch das IW Köln. Doch während die amtlichen Statistiker daraus verschiedene Szenarien entwickeln, die alle gleichermaßen wahrscheinlich sind, nutzt das IW Zeitreihenmodelle und kommt so zu einer Bevölkerungsentwicklung mit mathematisch bestimmten Schwankungsbreiten. Dieses Bild von der Zukunft ist nicht nur plausibel, sondern auch weniger subjektiv, weil es aus der Vergangenheit abgeleitet ist.“

Dafür dürften sie inzwischen auch schon ein paar heftige Kommentare der Bundesstatistiker bekommen haben. Denn „subjektiv“ sind die Bundesstatistiken ganz bestimmt nicht. Und darum geht es in solchen Szenarien auch nicht. Es geht um Plausibilität.

Und die Wahrheit ist: Die Prognose des IW Köln ist nicht die Spur plausibler als die Bundesprognosen es sind.

Denn gerade die Tatsache, dass immer nur Daten aus der (jüngeren) Vergangenheit fortgeschrieben werden, entsteht derselbe Raum an Unsicherheit, an möglichen Schwankungsbreiten. Denn tatsächlich sind es immer nur sehr gewagte Annahmen, wenn man die Faktoren der jüngeren Vergangenheit in die Zukunft fortschreibt. Zum Beispiel die Frage: Macht es Sinn, die Bevölkerungsentwicklung, wie sie in den Bundesländern stattfand, genau so in die Zukunft fortzuschreiben?

Wird Zuwanderung weiter hauptsächlich nur in die beiden wirtschaftlich starken Südländer passieren?

Augenscheinlich nicht. Auch die IW-Studie stellt gar nicht so nebenbei fest, dass sich das Wachstum schon heute auf die Großstädte konzentriert. Sie sind die Orte, an denen heute wirtschaftliche Entwicklung passiert. Deswegen stehen mit Berlin (+ 14,5 Prozent) und Hamburg (+9,5 Prozent) die beiden größten Stadtstaaten an der Spitze der Prognosetabelle. Die IW-Autoren philosophieren dann zwar jede Menge über Senioren, Babyboomer-Generation und den sinkenden Anteil von Einwohnern im arbeitsfähigen Alter zwischen 20 und 67, die irgendwie „den Wohlstand der Jungen und Alten erwirtschaften“ müssen.

Aber der Haupttreiber des Bevölkerungswachstums sind nicht die Geburtenzahlen, die zwar ein bisschen gestiegen sind, aber nicht mal ansatzweise ausreichen, um die heimische Bevölkerung zu stabilisieren.

Deutschland ist schon längst ein Zuwanderungsland. Und zwar eben nicht nur durch die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen. Auch das zeigen ja die Zahlen. Die Bundesrepublik ist schon seit Jahren wieder ein attraktives Einwanderungsland für qualifizierte Fachkräfte. Und gerade weil die Zahl der einheimischen Fachkräfte sinkt, wird das Land dafür immer attraktiver.

Nur dass in den Köpfen vieler Politiker der Gedanke noch nicht angekommen ist, dass Deutschland als Wirtschaftsstandort nur funktionieren kann, wenn die Zuwanderung an qualifizierten Arbeitskräften hoch bleibt. Die Republik ist schlicht darauf angewiesen, weltoffen zu sein.

Auch der deutsche Osten, dem das IW Köln weiter drastisch sinkende Bevölkerungszahlen attestiert. Wenn sich die ostdeutschen Regierungen weiter so beratungsresistent verhalten, wird das auch so kommen. Aber das ist dann kein Schicksal, sondern schlicht politische Blödheit.

Denn schon heute ist auch hier sichtbar, wie sich das Bevölkerungswachstum auf die stärkeren Metropolkerne konzentriert. Das kann man bedauern und bejammern und den Trauerklößen in der Provinz auch noch nach dem Munde reden. Aber Fakt ist auch: Dort, wo diese Metropolkerne ins Laufen kommen, stärken sie die ganze Region.

Dumm ist dann eher, wenn die Provinzkönige in den angrenzenden Regionen nicht mal verstehen, wie sehr sie auf die große Stadt angewiesen sind. Das scheint rund um Dresden ganz explizit der Fall zu sein. Wer die Zukunft nicht als gemeinsames Projekt annimmt und stattdessen lamentiert, der bekommt lauter „besorgte Bürger“, die gern alles beim Alten gelassen hätten. Wer alles beim Alten lässt, sorgt logischerweise für die Entvölkerung eines Landes. Und so recht ist in Sachsens Regierung die Botschaft ja noch nicht angekommen, dass man die Sache drehen könnte. Der Finanzminister hat ja sichtlich immer noch das Bild eines aussterbenden Freistaats im Kopf.

Tatsächlich hat sich die Entvölkerung Sachsens auch schon weit vor der Ankunft der syrischen Flüchtlinge abgebremst. Einfach durch die Existenz von zwei Metropolkernen (Leipzig und Dresden), die für Zuwanderung aus der ganzen Bundesrepublik und weit darüber hinaus interessant wurden. Deswegen war das Aufkommen von Pegida so seltsam: Gerade kehrt sich die Sache endlich wieder ins Positive, da rennen die Leute auf die Straße und wollen zurück in graue Zeiten.

Das zeugt zumindest von einem: fehlender Kommunikation

Und dass es die nötige Kommunikation einer überforderten Regierung nie gab, haben ja Stanislaw Tillich und seine Parteifreunde nach der vergeigten Bundestagswahl zur Genüge deutlich gemacht. Sie verstehen das Sachsen, das sich da gerade entwickelt, nicht. Sie können sich ein Sachsen, das nicht in Heimeligkeit versumpft, einfach nicht vorstellen.

Obwohl auch die sächsische Bevölkerungsprognose von 2016 bis 2030 kaum einen Rückgang der Bevölkerung mehr voraussagt. Auch wenn ich diese Berechnungen für noch viel zu zaghaft halte. Man kommt bei 3,85 bis 3,99 Millionen Sachsen raus im Jahr 2030 (heute sind es 4,1 Millionen, in der letzten Prognose landete man bei 3,6 Millionen).

Die Rechner aus Köln kommen für Sachsen auf ganz ähnliche Werte: „Die Bevölkerungszahl verändert sich bis 2035 um -3,0 Prozent. Betrug die Einwohnerzahl im Jahr 2015 noch 4.084.851, so werden es 2035 voraussichtlich 3.960.721 sein.“

Aber wie betont: Es sind Weiterrechnungen anhand der Zahlen aus den letzten Jahren. Gerade die letzte Leipziger Vorausberechnung hat ja gezeigt, wie schwer es ist, gerade die Entwicklung der Großstädte zu berechnen. Die Entwicklungen in ländlichen Regionen und Großstädten laufen immer stärker auseinander. Übrigens deutschlandweit. Bundesweit melden die Großstädte steigende Baulandpreise. Das Bauland wird knapp – aber es sind die Großstädte, die jetzt noch Quartiere für hunderttausende Menschen bauen müssen.

Leipzig übrigens auch

Aber man kann zuschauen dabei, wie die sächsische Regierung sich dafür überhaupt nicht verantwortlich fühlt. Wer auch nur ein wenig die Dynamik dabei versteht, der wird sich natürlich fragen, warum der zuständige Innenminister noch nicht gefeuert wurde. Denn an dem Punkt, wie die Landesregierungen mit ihren Wachstumskernen umgehen, entscheidet sich, wie zukunftsfähig das Land wird. (Das gilt genauso für Sachsen-Anhalt und Thüringen). Natürlich würde das auch das Denken verändern. Auch das der Abgehängten in der Provinz.

Denn derzeit werden Stadt und Land auf ganz bürokratische Weise noch gegeneinander ausgespielt. Zukunftsthemen werden ausgebremst. Und die Wachstumskerne werden nicht als Grundstruktur für die nächste Zukunft begriffen. Und auch nicht so behandelt. Wenn man aber genauer hinschaut, werden die weitergerechneten Zeitreihen des IW Köln Richtung 2030 sehr dünn und immer weniger belastbar.

Aber zumindest einen wichtigen Moment zeigen die IW-Zeitreihen: Dass Deutschland um eine stetige qualifizierte Zuwanderung gar nicht umhin kommt. Es ist dazu verdammt, ein modernes, weltoffenes Land zu sein. Und es hat alle Voraussetzungen dazu.

Die Bundestagswahl war vor allem ein Denkzettel für die CDU-Politik in Sachsen

BevölkerungswachstumIW Köln
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