Quartalsbericht Nr. IV/2017

Wenn Leipzigs ältere Erwerbstätige in der Armutsfalle festsitzen

Für alle Leser2015 war ein Jahr, das eine Zeitenwende markiert. Und das hat nichts mit den Flüchtlingen zu tun. Sondern mit dem Geld und dem Gefühl vieler Ostdeutscher, dass sie für alle ihre Mühen am Ende nicht belohnt werden. Es war das Jahr, als erstmals richtig sichtbar wurde, wie viele ältere Arbeitnehmer für die „Wende“ mit regelrechter Armut bezahlen. Im neuen Quartalsbericht wird das Thema sichtbar gemacht.

Falk Abel, Kerstin Lehmann und Andrea Schultz haben sich des Themas angenommen, nachdem in vorhergehenden Quartalsberichten schon die jüngeren Alterskohorten beleuchtet worden waren. Diesmal geht es um die Leipziger ab 55 Jahre – immerhin 183.000 an der Zahl. Aber in Wirklichkeit ist es eine heterogene Gruppe. Denn die Jüngeren, die 55- bis 64-Jährigen stehen ja zumeist noch im Erwerbsleben, während alle Älteren in der Regel Rente beziehen. Und um die Rentner hat sich die deutsche Politik seit 1990 immer sehr intensiv gekümmert. Das waren treue Wähler, die man umsorgen musste. Das Ergebnis ist, dass gerade die 75- bis 85-Jährigen kaum finanzielle Sorgen haben. Nur 12 Prozent in dieser Altersgruppe gelten als armutsgefährdet, hatten 2016 weniger als 969 Euro im Monat zur Verfügung.

Die Daten sind nicht auserlesen, sondern stammen alle aus den Bürgerumfragen der letzten Jahre. Niemand hat also eine spezielle Altersarmut erfragt. Sie taucht von ganz allein auf. Und sie hat natürlich damit zu tun, dass gerade die heute 55- bis 64-Jährigen diejenigen waren, die ab 1990 die heftigsten Brüche in ihrem Berufsleben erlebten. Sie erlebten, was Arbeitsamtsbesuche, Umschulungen und prekäre Jobs sind. Und sie landeten oft über Jahrzehnte in Anstellungen, die nicht ansatzweise reichten, irgendwelche Rentenpunkte zu sammeln.

Sie waren aber auch diejenigen, denen 1990 versprochen wurde, dass 15 Jahre später alles geschafft wäre und sich die Lebensbedingungen in Ost und West angeglichen haben würden. Das ist auch nach 28 Jahren nicht der Fall. Deswegen lohnt auch der Blick auf die Jüngeren. Denn wenn mit den heute 70-Jährigen die Armutsgefährdung deutlich zu steigen beginnt, dann sieht man zwar einen riesigen „Bauch“ in der Statistik bis hin zu den 55-Jährigen, wo die Armutsgefährdungsquote deutlich über 20 Prozent liegt.

Aber wenn so viele Menschen auch noch mit 55 bis 64 Jahren in schlecht entlohnten Jobs festhängen, dann erzählt das auch davon, dass der Niedriglohnbereich (der mit „Hartz IV“ ja erst massiv ausgeweitet wurde) heute in allen Altersgruppen manifest ist.

Der Blick auf die 18- bis 54-Jährigen bestätigt es: Dort sind 26 Prozent aller Leipziger armutsgefährdet. Da wachsen also die nächsten Armutsspitzen heran. Und zwar nicht nur unter den jetzt schon als armutsgefährdet geltenden Gruppen. Denn wenn heute 30 Prozent der Leipziger zwischen 55 und 54 Jahren als armutsgefährdet gelten und weitere 35 Prozent mit „unterdurchschnittlichen Einkommen“ (unter 1.615 Euro) auskommen müssen, dann wird das mit den niedrigen Rentensätzen von heute ebenfalls heißen, dass sie keine auskömmlichen Renten bekommen werden. Das Unbehagen ist also regelrecht greifbar.

Auch wenn die Einkommen der Älteren in den letzten Jahren gewachsen sind. Aber das nutzt den meisten Betroffenen nicht, wenn davon nur die höheren Einkommensgruppen profitieren und 30 Prozent der älteren Erwerbstätigen immer noch arm bleiben.

Was auch Folgen für die Politik hat. Es ist schon erstaunlich, warum Politiker gerade in den sogenannten Volksparteien nicht merken, wie demotivierend so etwas wirkt, über 28 Jahre immer wieder die Banane hinzuhalten und am Ende von irgendwelchen Alternativlosigkeiten zu reden, die leider die Erfüllung des Versprechens unmöglich gemacht haben.

Bei den Bundestagswahlen kam es 2017 überall in Sachsen zum Tragen. Auch in Leipzig. Die Älteren sorgten zwar weiterhin für ein gewisses Stimmenpolster bei CDU, SPD und Linkspartei. Aber selbst bei den über 70-Jährigen machten 15,4 Prozent ihr Kreuz bei der AfD, bei den 60- bis 69-Jährigen waren es 22,4 Prozent – also schon deutlich mehr als der Durchschnitt aller Wahlberechtigten (18,3 Prozent) in Leipzig.

Die noch etwas jüngere Wählergruppe haben die drei Autoren des Artikels nicht mit beleuchtet. Was schade ist, denn gerade da wird das oben beschriebene Phänomen deutlicher. Denn den stärksten Zulauf bekam die AfD in der Gruppe der 45- bis 59-Jährigen, dort kam sie auch in Leipzig auf über 25,8 Prozent. Und das hat eher wenig mit den chauvinistischen Ansichten dieser Partei zu tun. Sie hat unübersehbar als die markanteste Protestpartei funktioniert und vor allem ältere und enttäuschte Wähler angelockt. Und die Enttäuschungen haben ganz direkt mit nicht erfüllten Versprechungen, niedrigen Einkommen, absehbarer Altersarmut und auch dem Gefühl zu tun, für 28 Jahre Einsatzbereitschaft einfach nicht belohnt zu werden.

Da klingt dann der berühmte Spruch „Leistung muss sich lohnen“ sehr zwiespältig.

Und es macht sich ein Unterschied auf – der zwischen dem Gefühl „nicht belohnt zu sein“ und dem, wirklich arm zu sein. Denn selbst bei den Älteren, die nach ihrem Einkommen eindeutig armutsgefährdet sind, empfinden tatsächlich nur 21 Prozent ihre wirtschaftliche Situation als schlecht. Das heißt: Sie haben sich in ihren finanziellen Engpässen eingerichtet und gelernt, mit ganz wenig über die Runden zu kommen.

Was aber eben auch heißt, dass sie an vielen gesellschaftlichen Ereignissen nicht teilnehmen können. Ein Effekt, der einerseits Vereinsamung befördert und andererseits Abschottungen im Milieu. Das Geld für Konzerte, Kurse, Reisen und Urlaub fehlt. Sie kommen also aus ihren Lebenskreisen nicht mehr heraus. Was nicht ausschließt, dass die Lebenszufriedenheit trotzdem hoch ist – mit 77 Prozent sogar fast auf Leipzig-Niveau (79 Prozent).

Aber kommen wir zum Jahr 2015 zurück. Das ist das Jahr, bis zu dem die Werte für die Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage in allen Altersgruppen anstiegen. Nur bei den 65- bis 74-Jährigen stieg die Zufriedenheit auch 2016 – bei allen anderen brach die Zufriedenheit 2016 ein, bei den 55-bis 64-Jährigen sogar von eh schon niedrigen 57 Prozent auf 53 Prozent. Da ist ganz unübersehbar ein Gefühl gekippt und eine Enttäuschung hat Raum gefasst.

Zumindest als Vermutung kann man sagen: Das hat wohl eine Menge mit den folgenden Wahlergebnissen der AfD zu tun, die die Enttäuschten und Frustrierten einsammelt. Und das sind eine Menge, wenn 47 Prozent einer Alterskohorte ihre Einkommenssituation nicht als gut empfindet.

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