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Warum Kinder aus bildungsfernen Familien auch am Gymnasium zurückbleiben

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    Am Montag, 20. August, haben Leipzigs Statistiker wieder einen neuen „Quartalsbericht“ vorgelegt, die Nummer 2 für 2018. Auf den ersten Blick ist das alles immer nicht so spektakulär. Arbeitslose, Touristen, Hausnummern. Ist das nicht normales Material für die Stadtpolitik? Ist es schon. Aber Statistiker sind wetterfühlige Leute. Sie merken immer recht früh, wo Zahlen irgendwo seltsam aussehen. Welche Wahrheit steckt dahinter?

    Und einige dieser Störstellen packen die Leipziger Statistiker dann in die kleinen Meldungen, mit denen der Quartalsbericht traditionell eingeführt wird. Zum Nachdenken. So wie die kurze Meldung zu einer Veröffentlichung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e. V. (DIW) aus einem Wochenbericht im Juni. Eigentlich ist es nur ein kleines Interview mit Felix Weinhardt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Familie am DIW Berlin, der einmal untersucht hat, wie sich die Zensuren von Kindern aus bildungsfernen Familien am Gymnasium entwickeln im Vergleich mit Gleichaltrigen.

    Und das Ergebnis gibt zu denken.

    Bekannt ist der erste Teil dieses Bildungslaufs: Kinder aus bildungsfernen Familien bekommen viel seltener als ihre gleichaltrigen Gefährten aus Akademikerhaushalten eine Bildungsempfehlung für die höhere Schule, gehen also auch schon viel seltener ans Gymnasium.

    Weinhardt: „Wir sehen, dass es bereits zu Beginn der Grundschule große Unterschiede nach dem Bildungsniveau im Elternhaus gibt, was die von den Lehrerinnen und Lehrern eingeschätzten Fähigkeiten der Kinder angeht. Diese Unterschiede bleiben in der Grundschule relativ konstant, verstärken sich dann aber später auf der weiterführenden Schule.“

    Wobei es ja auch schon Studien gibt, die belegen, dass Kinder aus bildungsferneren Schichten auch schon in der Grundschule bei gleichen Ergebnissen schlechter bewertet werden. Lehrer und Lehrerinnen sind auch nur Menschen. Und die Sicht auf den Status von Kindern verändert auch die Wahrnehmung ihrer Leistungen.

    Aber am Gymnasium kommt augenscheinlich noch ein anderer Aspekt dazu.

    „Das heißt, am Gymnasium wird der Leistungsunterschied noch mal größer?“, fragte das DIW. Und Weinhardt antwortete: „Genau, am Gymnasium ist es so, dass insbesondere die gut gestarteten Schülerinnen und Schüler ihre guten Noten nicht halten können, wenn sie aus einem Elternhaus mit niedrigem Bildungsniveau kommen.“

    Wobei er im weiteren Verlauf einschränken muss: Man hat nur die Noten bis zur 9. Klasse erhoben. Ob es danach weiter so bleibt, weiß man nicht.

    Weinhardts Empfehlung: „Wir glauben, dass es wichtig ist, am Gymnasium ein besonderes Augenmerk auf anfangs sehr gute Schülerinnen und Schüler aus einem Elternhaus mit niedrigerem Bildungsniveau zu legen. Das sind Schülerinnen und Schüler, bei denen man vielleicht denkt, sie hätten es geschafft und man müsste sich keine Sorgen um sie machen. Aber gerade hier entstehen große Bildungsungleichheiten im Schulverlauf, sodass eine gezielte Förderung durchaus sinnvoll erscheint.“

    Wobei ein Aspekt völlig ausgeklammert ist: Streben die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern eigentlich dasselbe Ziel an wie die aus reicheren? Denn um das Tempo am Gymnasium zu halten, braucht man ja ein Leistungsziel. Das ganze System ist darauf getrimmt, Kinder zur perfekten Ableistung des Lehrstoffs zu erziehen, weil es die attraktiven Studienfächer (und Berufe) zunehmend nur mit besten Abiturzeugnissen gibt.

    Die man ja nicht braucht, wenn man hinterher doch nur eine Lehre aufnehmen will.

    Aber ganz sicher spielt auch das stützende Elternhaus eine Rolle. Es ist ja nicht so, dass Gymnasialdruck aus sich allein funktioniert. Es ist ja keine Angebotsschule, die Kinder ermutigt, das Beste aus sich herauszuholen und ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

    Im Gegenteil: Es belohnt vor allem Streber und perfekte Anpassungskünstler, also jene Eigenschaften, mit denen man in Deutschland Karriere macht. Weinhardt hat – wohl aus gutem Grund – kein Subjekt benannt, das handeln und die „Schüler aus einem Elternhaus mit niedrigerem Bildungsniveau“ mit besonderem Augenmerk belegen sollte. Wer sollte das auch sein? Sozialarbeiter fürs Gymnasium? Mentaltrainer? Obwohl diese Spezies dafür wohl am besten geeignet wäre. Denn um den Lieferdruck am Gymnasium über acht Jahre aufrechtzuerhalten (und darum geht es ja sichtlich bei diesem konstatierten Zurückbleiben), braucht es große mentale Stärke.

    Und wenn die Eltern zu Hause nicht mehr helfen können, werden augenscheinlich gerade diese Schüler und Schülerinnen immer mehr zu Einzelkämpfern, die sich auch in einer Atmosphäre durchbeißen müssen, wo neben dem Leistungsdruck auch der Statusdruck immer stärker wird.

    Man merkt schon, warum Leipzigs Statistiker über dieses kleine Forschungsergebnis gestolpert sind. Und wir nun auch.

    Aber meist sind es gerade diese kleinen Hinweise, die im Quartalsbericht sichtbar machen, dass Leipzig überhaupt keine heile Welt ist. Bei allen Jubelnachrichten.

    Die bringen wir auch noch.

    Im nächsten Teil vielleicht.

    Quartalsbericht 1/2018: Einpendlerzahl nach Leipzig bewegt sich auf die 100.000er-Marke zu

     

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    4 KOMMENTARE

    1. Ehrliche Arbeit wird nicht mehr bezahlt. Wenn ein Straßenbahnfahrer mit 2000 (lt. LIZ) bzw. 1600 (lt. LVZ) € brutto nach Hause gehen soll, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn vor meiner Haustür die Bahn nur nach „Ferienfahrplan“ fährt. Damit wird die Rente meilenweit unter H4 liegen, und bis dahin sieht’s mit zwei Kindern nicht viel besser aus. Und ob die Kinder nach dem Gymnasium (s. o.) noch den Nerv hätten, zu studieren, kann sich jeder selbst ausmalen.
      Wollen wir das alles wirklich genau so? Und was, wenn nicht?

    2. Hartz4 mit Bildungsferne gleichzusetzen ist sowieso eine Frechheit.
      Einkommensarmut hat nicht sehr oft etwas mit Bildungsarmut zu tun. Wieviel verdient ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni? In der Erwerbslosenberatung sind erschreckend viele Akademiker. Längst nicht alle sind Theater- oder Gesellschaftswissenschaftler. Es sind Musiker dabei, promovierte Naturwissenschaftler, Schauspieler, bekannt aus Film und Fernsehen, gestandene Facharbeiter von Holz bis Metall, von Keller bis Dach, vom Feld bis zum Bäcker.
      All diese Menschen verbindet mit so manchem Alkohol-, spiel- oder drogenanbhängigen, dass sie selbst oder zusätzlich auch noch ihre Arbeit einfach nicht mehr wertgeschätzt werden. Es braucht in Deutschland nur sehr wenig, um arm zu werden. Auch altgediente Vorstandsvorsitzende ohne neue Abfindungsverträge brauchen nur nen Schlaganfall oder andere langwierige Krankheit, 2 Jahre und dann gibts Hartz. Wenn die Frau abhaut auch schon eher.
      Ich erlebe in der Beratung häufig sehr feinsinnige Menschen, sensibe, hochintelligent, sehr gut ausgebildet, aber doch arm.

      Ein Doktor der Naturwissenschaften, der hier mal eine Gastvorlesung hält, dort man für eine Woche Assistent auf Probe ist … es soll mir keiner sagen, dass man aus sowas, über Jahre erlebt, unbeschadet rauskommt.

      Indem in den ersten Jahren von Hart4 der Ausbeutung der Arbeitskraft um jeden noch so kleinen oder auch gar keinen Preis Tür und Tor geöffnet wurden, hat man die Menschen einem gesellschaftlichen Sitten- und Werteverfall ausgeliefert. Das Fatale daran: jeden kann es treffen. Es fühle sich niemand sicher! Eine exzellente Bildung, ob wissenschaftlich, technisch oder künstlerisch, ist längst kein Schutz mehr vor Armut und/oder Arbeitslosigkeit.
      Mich wundert nur, dass die Logistikdienstleister in und um diese Stadt herum nicht damit für neues Personal werben, dass ja schon Dr. rer. nat und Dr. phil. am gleichen Band wie der Schulabbrecher arbeiten

    3. „bildungsferne Familien“?
      Dieser (falsch gewählte) Begriff sollte dann doch genauer definiert werden.
      Gemeint ist hier wohl doch nicht der selbstständige Handwerksmeister, der Facharbeiter mit mittlerem Einkommen, aber ohne Abitur.
      Der seinen Kindern die Nachhilfe selbst bezahlen kann und dafür entsprechende Leistung von ihnen verlangt.
      Es geht wohl eher um die Schüler, deren Eltern als Geringverdiener, Aufstocker, Hartz IV-Empfänger von der Gesellschaft abgewertet werden, im Sinne, selber Schuld, wer durch vermeintlich geringe Ausbildung nur ein prekäres Einkommen hat..

      Aber dass deren Kinder neben der Schule viel mehr soziale Arbeit für ihre Familie leisten, wird damit aus der Betrachtung ausgeschlossen.

      Die Verantwortung für jüngere Geschwister, die Pflichten im Haushalt, das Verständnis für die Einkommenssituation der Eltern..
      das Selber-Darum-Kümmern-Müsssen, Gelder für Bildung und Teilhabe zu beantragen..
      (Bescheinigung für Klassenfahrtskosten bekommt man ‚auf Wunsch‘ von der Schule, den Antrag muss man dann beim Jobcenter stellen z.B.)

      Und als quasi Dank für die extra zu leistenden Aufgaben, dann die Stigmatisierung als Hartz IV-Empfänger.

      In der Grundschule kann das eine engagierte KlassenleiterIn vielleicht noch ausgleichen, spätestens ab der 5. Klasse ist dann jeder für sich selbst verantwortlich.

      Und dass ‚der Staat‘ darauf spekuliert, dass Gelder nicht abgerufen werden, bedeutet dann im Eigentlichen, dass man auch noch die verschiedenen Sozial-Gesetzbücher studieren müsste..

      Da bleibt dann nicht so viel Zeit, für die Hausaufgaben und eine erweiterte Beschäftigung mit dem Lernstoff. Von einem ruhigen, ausreichendem Platz zu Hause mal abgesehen.

      Ein erster Schritt wäre, das Kindergeld von Hartz IV freizustellen, also nicht auf das Einkommen der Eltern anzurechnen.
      Und Leistungen für Bildung und Teilhabe den Kindern von Eltern mit geringem Einkommen als Pauschale zu gewährleisten.

      Aber wer geringes Einkommen mit Unbildung gleichsetzt, wird wohl hier eher mit dem pauschalisierenden und elitär-arroganten Argument kommen,
      dass Geringverdiener nicht mit Geld umgehen können und das dann eh nur ‚Versaufen‘.

    4. Ich zitiere mal: „Wobei es ja auch schon Studien gibt, die belegen, dass Kinder aus bildungsferneren Schichten auch schon in der Grundschule bei gleichen Ergebnissen schlechter bewertet werden. Lehrer und Lehrerinnen sind auch nur Menschen. Und die Sicht auf den Status von Kindern verändert auch die Wahrnehmung ihrer Leistungen.“
      Das macht mich betroffen. Das so in aller Deutlichkeit zu lesen, was ich bisher nur als individuellen Eindruck, mehr als ein Gefühl, beobachtet habe.
      Daran sollten wir, vor allem LehrerInnen arbeiten: an der unvoreingenommenen Sicht auf das Kind. Ohne Herkunft zu kennen.

      Aber ist das in diesem Land, wo Vitamin B notwendiger ist als tatsächliche Leistungen, wo man es sich eben mit diesem und jenem nicht „verscherzen“ sollte, überhaupt noch möglich?

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