Sachsen wollen arbeiten. Für sie ist Arbeit nicht nur Sinngebung, sondern auch ein Stück ihres Stolzes. Und das würde wohl auch funktionieren, wenn es kein „Hartz IV“ gäbe und die Sanktionspraxis der Jobcenter, bei der ja die sächsischen besonders eifrig sind. Da arbeiten die Sachsen lieber für einen Hungerlohn, als sich bürokratisch drangsalieren zu lassen. Oder sie versuchen sich als Selbstständige durchzuschlagen, auch wenn’s eigentlich nicht zum Leben reicht.

Auch diese Frage hat Petra Zais, die für Arbeitsmarktfragen zuständige Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag, an die Staatsregierung gestellt.

Unter Selbstständigen stellt man sich ja meist gut verdienende Architekten, Rechtsanwälte oder Unternehmer vor. Aber mit Einführung der neueren deutschen Arbeitsmarktgesetze ist auch in Sachsen das Dauerphänomen des alleinarbeitenden Selbstausbeuters entstanden, der gern auch als „Gründer“ bezeichnet wird und den die staatlichen Förderinstanzen so gern feiern, wenn sie solche kostbaren Gaben wie Mikrodarlehen zur Unternehmensgründung ausreichen.

Was die sächsische Staatsregierung auch in der Antwort auf die Anfrage von Petra Zais tut. Obwohl schon der Blick auf die Statistik zeigt, dass diese Selbstausbeuter ganz bestimmt keine Gründer (mehr) sind. Sie stecken in ihrem selbstaufgebauten Unternehmen fest und verdienen irgendwie – aber so wenig, dass sie mit dem Einkommen unter die Grenze zur Armutsgefährdung fallen.

Ihre Zahl sinkt übrigens seit Jahren. Tausende Menschen in Sachsen sind mit Einführung von „Hartz IV“ nur deshalb in die Selbstständigkeit gegangen, um sich einen Rest von Souveränität über ihr eigenes Leben zu bewahren. Das zeigen insbesondere die Zahlen der Arbeitsagentur, die 2010 – dem Jahr, als die Krisenerscheinungen auch in Sachsen am stärksten waren – 13.250 Selbstständige zählte, die Leistungen des Jobcenters in Anspruch nahmen. Damals durchschnittlich 552 Euro im Monat.

Das war nur die Spitze des Eisbergs. Denn bei den Selbstständigen ist es genauso wie bei den angestellten Erwerbsfähigen, die aufstocken müssen: Es gehen nur jene zum Jobcenter, die anders überhaupt nicht über die Runden kommen.

Ab 2011 fiel die Zahl dieser selbstständigen Aufstocker in den sächsischen Jobcentern ständig – 2016 wurde mit 8.770 erstmals die 10.000er-Grenze unterschritten, 2017 waren es noch 7.392. Und das waren eben nicht nur tapfer ums Überleben kämpfende Künstler, also echte Lebens-Künstler, sondern oft genug auch Alleinerziehende mit mehreren Kindern, aber auch Partnerschaften mit mehreren Kindern, in denen die Eltern versuchen, mit Selbstständigkeit irgendwie über die Runden zu kommen. Über 2.500 Kinder leben in Sachsen in solchen Bedarfsgemeinschaften.

Alle Zahlen sind hier rückläufig, was zumindest darauf hindeutet, dass es vielen Betroffenen gelingt, entweder ihre Umsätze so zu verbessern, dass sie auf Beihilfe nicht mehr angewiesen sind – oder sie konnten in Festanstellungen wechseln. Der Arbeitsmarkt nimmt auch händeringend ehemalige Selbstständige.

Ein anderes Blitzlicht auf die schlecht verdienenden Selbstständigen wirft freilich der Mikrozensus, anhand dessen errechnet werden kann, wie viele Selbstständige in Sachsen unter die Armutsschwelle fallen, also ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des sächsischen Einkommens-Medians haben.

Hier gibt es praktisch denselben Effekt wie bei den angestellten Aufstockern: Bis 2014 fielen die Zahlen – von 18.400 im Jahr 2011 auf 15.300. Also parallel zu den Rückgängen der Zahlen im Jobcenter, auch wenn hier ebenfalls sichtbar wird, dass etwa 5.000 Selbstständige, die eigentlich zu wenig Geld verdienten, um davon leben zu können, lieber auf den Gang zum Jobcenter verzichteten und keine Aufstockungen beantragten.

Ab 2015 aber steigen die Zahlen der „armen“ Selbstständigen wieder, was zumindest vermuten lässt, dass auch viele Asylantragsteller versuchen, über die Gründung eines selbstständigen Erwerbs Fuß zu fassen in Sachsen.

Denn der Stolz, seine eigene Existenz auch durch eigene Arbeit zu sichern, ist nicht nur den Sachsen bekannt. Den kennen auch andere Nationen. Und ein Stück davon scheint hier sichtbar zu werden.

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Es gibt 2 Kommentare

Danke für den sehr erhellenden Artikel. Erst kürzlich wieder wurden in “Hart aber fair” Solo-Selbstständige pauschal als “Besserverdiener” hingestellt, die sich steuerlich “arm rechnen” würden… ein Hohn für all die, die versuchen, ihre Existenz als kleine Selbstständige zu sichern und nicht auf Unterstützung vom Staat angewiesen sein wollen. Unter anderen auch als Journalist*innen, Schauspieler*innen oder kleine Dienstleister*innen.

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