Auch soziale Aspekte hat die „Bürgerumfrage 2020“ beleuchtet. Denn dass der Durchschnitt der Einkommen seit gut zehn Jahren steigt in Leipzig, ist zwar auf den ersten Blick eine gute Nachricht. Aber nicht alle partizipieren am Wirtschaftsaufschwung in Leipzig. Das hat ja auch die Corona-Pandemie fast als Erstes gezeigt: Gekündigt wurden zuallererst Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Und nun steigen auch noch die Energiepreise.

Das heißt: Das Problem der Armutsgefährdung in Leipzig hat sich nur um ein Weniges verringert, auch wenn deutlich mehr Menschen in gut bezahlte Beschäftigung wechseln konnten seit 2011 und auch das Phänomen der marginalen Jobs und der Zeitarbeit leicht zurückging. Aber das hatte vor allem mit dem zunehmenden Mangel an Fachkräftenachwuchs zu tun. Es hilft nicht allen Bevölkerungsgruppen, die vorher schon von Geldknappheit betroffen waren.Und die Aussage ist dann doch sehr deutlich: 23 Prozent der erwachsenen Leipziger kommen mit dem Geld, das ihnen monatlich zur Verfügung steht, nur geradeso über die Runden. Vier Prozent sagen sogar „Es reicht nicht aus“, sie seien auf staatliche Unterstützung angewiesen. Das betrifft nicht nur „Hartz IV“-Empfänger. Das betrifft inzwischen auch immer mehr Rentner/-innen.

Wenn Verzicht zum Alltag gehört

„Ab Anfang 50 steigt das Armutsrisiko bis zum Renteneintrittsalter wieder an“, kann man im Bericht zur „Bürgerumfrage 2020“ lesen. „Die Generation der über 50-Jährigen, die kurz vor dem Renteneintritt steht, ist in besonderem Maß durch gebrochene Erwerbsbiografien und eine häufig schlechte Positionierung auf dem Arbeitsmarkt gekennzeichnet. Die Gruppe der 62- bis 65-Jährigen markiert aktuell den Gipfelpunkt dieser erhöhten Armutsgefährdung. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass durch den Übergang in die Altersrente das Armutsrisiko der betroffenen Personen zurückgehen wird.“

24 Prozent der Leipziger Rentner/-innen geben inzwischen an, dass sie mit dem verfügbaren Geld nicht über die Runden kommen oder nur mit „Verzicht“. Wobei die Bürgerumfrage nicht abgefragt hat, worauf diese Menschen alles verzichten müssen. Es ist ja nicht nur ein Problem der Senioren, sondern auch eins der Alleinerziehenden und der Singles (die oft gar nicht freiwillig Single sind). Nur 65 Prozent der Alleinerziehenden geben an, dass das Geld für ihre kleine Familie reicht.

Und da ist dann schon die Frage, worauf dann alles verzichtet wird. Man kann es nur vermuten, dass Klassenfahrten für die Kinder genauso dazugehören wie diverse technische Geräte wie Smartphones, Markenklamotten, Urlaubsreisen, Zoo- und Kulturbesuche, Kino und Sportvereine, Geburtstagspartys, Fahrräder und was der Dinge mehr sind, die andere Kinder (und Erwachsene) als normalen Bestandteil eines geselligen Lebens empfinden. Und beim täglichen Einkauf wird das genauso wenig aufhören, wie bei der Größe der Wohnung.

Wenn man sich die richtige Wohnung nicht leisten kann

Ein Problem, das fast unsichtbar ist, wenn Familien mit Kindern in viel zu kleinen Wohnungen wohnen müssen, weil es bezahlbare größere Wohnungen für sie nicht gibt.

Es steckt also eine ganze Menge hinter dem Wort „Verzicht“, wenn es Menschen ankreuzen, die tatsächlich mit viel zu wenig Geld über den Monat kommen müssen. Und es hat nichts mit dem zu tun, was die Reichen und Gutverdienenden in unserem Land unter Verzicht verstehen, wenn sie sich gegen (drohende) Verteuerung von Flügen und die Einschränkung des Autoverkehrs empören.

Und da überrascht es auch nicht, dass sowohl Singles als auch Alleinerziehende und Rentner angeben, dass die Hälfte von ihnen keinen Pkw besitzt. Denn was sich die einen locker leisten können, ist für andere ein unbezahlbarer Luxus. Und da überrascht es auch nicht, dass diese Bevölkerungsgruppen zum überwiegenden Teil auch zur Miete wohnen. Was man eigentlich nicht glauben will, wenn man sieht, wie die deutschen Medien vollgestopft sind mit Werbung für Wohneigentum.

Aber unter einem monatlichen Haushaltseinkommen von 2.300 Euro ist der Erwerb von Wohneigentum in Leipzig schlicht nicht darstellbar. 92 Prozent der Leipziger mit einem Monatseinkommen unter 2.300 Euro leben zur Miete. Das Kaufen von Eigentumswohnungen und eigenen Häusern beginnt erst darüber. Erst bei Einkommen ab 3.200 Euro leben 31 Prozent der Befragten im Eigentum.

Unfreiwillige Arbeitslosigkleit im Erwerbsleben. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2020
Unfreiwillige Arbeitslosigkeit im Erwerbsleben. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2020

Eigentum ist eine Einkommensfrage

Die Wohneigentümerquote liegt in Leipzig bei 12 Prozent. Die Statistiker schreiben dazu: „In der wohnungspolitischen Debatte um bezahlbaren Wohnraum kann ein Blick auf die Eigentumsverhältnisse den Grad der Betroffenheit von Mietsteigerungen oder möglichen Verdrängungsprozessen verdeutlichen. 2020 wohnten 87 Prozent der Leipziger Haushalte zur Miete, die Wohneigentumsquote liegt somit konstant bei 12 Prozent. Leipzig ist also eine ausgewiesene Mieterstadt. Die Wohneigentumsquote ist im Vergleich zu anderen Regionen ausgesprochen gering. Ein Blick über die Stadtgrenzen hinaus verdeutlicht dies: Innerhalb Deutschlands besteht beim Anteil selbstgenutzten Wohneigentums grundsätzlich ein West-Ost- und ein Land-Stadt-Gefälle. In Sachsen ist die Wohneigentumsquote mit 34,6 Prozent deutlich höher als in der Messestadt. Ebenfalls niedrig ist der Anteil an Eigentümerwohnen mit 15,5 Prozent in Dresden, in Chemnitz sind es 20,9 Prozent.“

Was eben im Klartext heißt: Obwohl seit 30 Jahren massiv für den Erwerb von Wohneigentum geworben wird, leben nur 3 Prozent der Leipziger in einer Eigentumswohnung. Die meisten Eigentumswohnungen werden nach wie vor an westdeutsche Kapitalanleger verkauft. Die vielen Jahre mit Niedriglöhnen und prekärer Beschäftigung machen sich also auch auf dem Wohnungsmarkt bemerkbar.

Da hilft auch kein Herumrechnen mit unterschiedlichen Armutsquoten. Auch wenn es im Bericht dazu heißt: „Nach bundesweitem Maßstab ergibt sich demnach eine Armutsgefährdungsquote von 22,5 Prozent. Wird stattdessen der lokale Maßstab angesetzt, liegt das Armutsrisiko in Leipzig bei 15,9 Prozent.“

Zerstückelte Erwerbsbiografien

Wenn aber gleichzeitig die Frage, ob das Geld zum Leben nicht ausreicht, einen Wert um 24 Prozent ergibt, kann man davon ausgehen, dass der Versuch, die Armutsgefährdung nach Leipziger Einkommensmaßstäben zu berechnen, eine Illusion ist. Denn das sowieso schon um 20 Prozent niedrigere Einkommensniveau gegenüber dem Westen sorgt dafür, dass die „lokale Armut“ nicht so groß wirkt, wie sie tatsächlich ist.

Und dazu kommt, dass die Leipziger mehr Unterbrechungen in der Arbeitsbiografie erfahren haben als die gleichaltrigen Westdeutschen. Das wirkt sich dann gravierend auf die Rente aus. Von den heute 50- bis 64-Jährigen haben 54 Prozent eine oder mehrere Zeiten von Arbeitslosigkeit erlebt. Das ist die Altersgruppe, die demnächst in Rente gehen wird und aus der viele Betroffene direkt aus dem Erwerbsleben in die Altersarmut marschieren werden.

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