Manchmal liegen Erklärungen für die Verwerfungen in der Gegenwart auch in der Vergangenheit. Noch im Frühjahr 2020 glaubten ja zumindest einige Medien, die Corona-Pandemie würde ein ganz großer Auftritt für den Staat und die Deutschen würden miteinander richtig solidarisch sein. Aber dass beides nicht zutraf, machte dann die „Bürgerumfrage 2020“ sichtbar. Auch mit der durchaus verbreiteten Angst um die (dauerhafte) Einschränkung der Bürgerrechte.

Denn nicht ganz grundlos stellte das Amt für Statistik und Wahlen die Bürgerumfrage im Herbst 2020 in vielen Bereichen unter das Thema „Corona-Pandemie“. Es wurde nach direkten Auswirkungen auf die Leipziger/-innen und ihren Erfahrungen mit all den Einschränkungen gefragt. Und sie wurden auch nach ihren Befürchtungen gefragt.

Der bis heute nicht ausgestandene Stress der Unsicherheit

Auch das, was dann zuweilen sehr unverständlich auf die Straße spaziert, hat ja Ursachen. Menschen reagieren selten rational, aber fast immer emotional. Erst recht, wenn Stress und Anspannung länger dauern, eine Welle der nächsten folgt und einfach nicht absehbar ist, dass sich die Dinge bald wieder normalisieren.

Auch die Leipziger/-innen haben ein enormes Bedürfnis nach Normalität. Da sind sie nicht anders als andere Menschen. Aber als sie im Herbst 2020 befragt wurden, ging es in den Medien fast nur um die Frage, ob ein relativ normales Weihnachten gefeiert werden könnte – oder eher ein strammer Lockdown das gesellschaftliche Leben über Monate lahmlegen würde.

So richtig heraus aus diesem Stress sind wir ja noch immer nicht.

Da sind die Zahlenwerte zu den Befürchtungen der Leipziger durchaus interessant. Denn darin steckt auch eine große Sorge um die Zukunft unserer Gesellschaft.

Erwartete Auswirkungen der Corona-Pandemie. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2020
Erwartete Auswirkungen der Corona-Pandemie. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2020

Befürchtung vieler Verwerfungen in der Wirtschaft

Auch, wenn die Statistiker in der Auswertung die Wirtschaft wieder an den Anfang gestellt haben.

„Drei Viertel der Bürger/-innen erwarten (sehr) negative Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung. Mehr als die Hälfte der Leipzigerinnen und Leipziger sieht (sehr) negative Folgen für die Grundrechte“, werten sie die Ergebnisse der Bürgerumfrage aus.

„Mögliche positive Auswirkungen werden im Bereich Digitalisierung (71 Prozent) und Umweltschutz (51 Prozent) gesehen.“

Doch innerhalb „der einzelnen Bereiche zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Die grundsätzliche Tendenz, welche in der kommunalen Bürgerumfrage in fast allen Bereichen vorherrscht, nach der jüngere Befragte eher optimistisch in den Erwartungen sind, zeigt sich auch hierbei: Über alle Items, mit Ausnahme des sozialen Zusammenhaltes sowie der Grundrechte, erwarten jüngere Befragte entweder deutlich positivere Entwicklungen bzw. schätzen die negativen Folgen, sofern diese überwiegen, deutlich schwächer ein.

Die beiden benannten Aspekte sozialer Zusammenhalt und Grundrechte bilden insofern eine Ausnahme, als dass zwischen der jüngsten und ältesten Gruppe weitestgehend Einigkeit herrscht, und die Gruppe der 35- bis 64-Jährigen etwas negativere Erwartungen damit verbindet.“

Die Wirtschaft kam besser zurecht als befürchtet

Dass sich die Befragten grandios täuschen können, zeigt ja ausgerechnet die Frage zur Zukunft der Wirtschaft. 76 Prozent befürchteten hier negative Auswirkungen. Doch das ist nicht eingetreten. Im Gegenteil – von den Branchen, die durch die Allgemeinverfügung stark eingeschränkt wurden (Gastronomie, Kultur, Hotellerie) abgesehen, erreichte die Leipziger Wirtschaft 2021 praktisch wieder den Vor-Corona-Stand. Selbst die Steuereinnahmen normalisierten sich wieder. Die meisten Unternehmen lernten schnell, mit den Corona-Einschränkungen fertig zu werden und ihren Betrieb am Laufen halten.

Aber wie ist das mit den 56 Prozent der Befragten, die (dauerhafte) Einschränkungen der Grundrechte befürchteten? Als Beispiel hatten die Statistiker hier Demonstrationsrecht und Reisefreiheit angegeben. Und was soll man sagen: So betrachtet hatten die Befragten ja recht. Beide „Freiheiten“ waren pandemiebedingt eingeschränkt und sind es in Teilen noch heute.

Auch wenn einen das ungute Gefühl beschleicht, dass sich hier nur auf zwei Grundrechte bezogen wird, die nun einmal in einer Pandemie zum Problem werden. Denn das Virus reist ja mit, wenn man weiter in alle Welt zum Urlauben fliegt. Und einige der spektakulären Anti-Corona-Demos werden auch entsprechende Super-Spreader-Events gewesen sein. Nur lässt sich das kaum nachvollziehen, wenn die angereisten Demonstranten wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind.

Die berechtigte Sorge um den Zusammenhalt

Dass die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt daneben fast genauso groß war, überrascht dann nicht. 48 Prozent der befragten Leipziger/-innen äußerten ihre Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Wert war mit 52 Prozent bei den 35- bis 39-Jährigen am höchsten, genauso wie gerade die Sorge dieser Altersgruppe um die Grundrechte am größten war (59 Prozent).

Das schloss sich also für viele nicht aus, wobei eben nicht gefragt wurde, ob die Befragten deshalb auch auf die Straße gehen würden, um zu protestieren. Aber die hohen Werte zeigen eben auch, wie hoch der Druck auf die Politik war und ist, wenn es um mehr oder weniger radikale Entscheidungen wie Maskenpflicht oder Impfpflicht geht.

Denn man kann ja davon ausgehen, dass auch die Entscheider in der Bundesregierung und in den Landesregierungen ähnliche Umfragen vor sich liegen haben, quasi die abgefragte Stimmung des Volkes.

Zusammenhalt entsteht nicht per Smartphone

Und man kann ja durchaus herauslesen, dass zwar die Bereitschaft für einige Maßnahmen (wie das Maskentragen) sehr hoch ist, die Emotionen aber sehr heftig werden, wenn es um die andauernden Einschränkungen im gesellschaftlichen Leben geht. Wo es eigentlich weniger um Grundrechte geht (auch wenn man sie oft damit identifiziert), sondern um menschlichen Kontakt.

Denn Zusammenhalt entsteht nun einmal nicht über Videokonferenzen und Smartphones, sondern durch menschliche Begegnungen, bei denen man sich in die Augen sehen kann, auch mal ein Bierchen zusammen trinkt und auch auf das Gegenüber eingehen kann.

Eigentlich sehr wichtige Antworten, die Leipzigs Statistiker/-innen hier bekommen haben.

Vertrödelte Digitalisierung: Corona als Weckruf

Während sich die Befragten bei Klima und Digitalisierung wieder von den Jubelrufen in den Medien haben mitreißen lassen. Bei der Digitalisierung ging es zwar ein Stück voran. Da war Corona wirklich so eine Art Mahnung, dass Deutschland die vergangenen zehn Jahre grässlich vertrödelt hat. Erst recht beim Ausbau des Breitbands.

Aber dem Klima hat Corona nicht wirklich was gebracht, wenn man davon absieht, dass 2020 ein paar Schlote weniger betrieben wurden und ein Teil des Verkehrs kurzzeitig stillgelegt wurde. Die Emissionszahlen von 2021 waren wieder genauso wie vor Corona.

Und es wird die Aufgabe der 2021 neu gewählten Bundesregierung sein, beide Themen – Digitalisierung und Klima – wirklich voranzutreiben. Andererseits stimmt ja die hohe Zustimmung der Befragten: Hier muss schnellstens was passieren. Und zwar unabhängig von möglichen Pandemien.

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