Am Montag, 21. Februar, stellten Stadt und LVB die wichtigsten Straßenbaumaßnahmen für 2022 vor. Bei der Gelegenheit verwies Baubürgermeister Thomas Dienberg fast ein bisschen stolz auf die Ergebnisse der „Bürgerumfrage 2020“, nach denen der Verkehr in Leipzig erstmals nicht mehr als größtes Problem verstanden wurde. Nannten in den Vorjahren immer über 60 Prozent den Leipziger Verkehr als größtes Problem, waren es auf einmal nur noch 47 Prozent.

Ein anderes Thema scheint dominanter

Damit zog das alte Super-Thema „Kriminalität und Sicherheit“ wieder vorbei und scheint jetzt mit 49 Prozent die Leipziger Probleme zu dominieren.

Dass der Verkehr auf einmal so viel weniger als Problem gesehen wurde, führte Dienberg auf die großen Straßenbaumaßnahmen der letzten Jahre zurück, die möglicherweise für die Bürger auch den Eindruck schufen, dass sich die Lage verbessert hat.

Schön wäre es. Aber selbst die Pressekonferenz am Montag stand eigentlich unter dem Motto, dass überall in Leipzig bei Straßen, Gleisen, Fuß- und Radwegen „dringender Handlungsbedarf“ besteht.

Und ein Blick in die Auswertung der Bürgerumfrage zeigt auch, dass der Eindruck trügt.

Sicherheit und Kriminalität: Thema besonders bei der älteren Generation

Denn dort kann man lesen: „Auf Gesamtebene fällt auf, dass Kriminalität und Sicherheit auf dem ersten Rang landet. Im Vergleich zu den Vorjahren geht die Bedeutung des Themenkomplexes Verkehr stark zurück. Zum einen ist dies das Ergebnis der Anpassung des Messinstrumentes, zum anderen aber sicherlich auch dem deutlich verringerten Verkehrsaufkommen während der Lockdownphasen geschuldet. Am stärksten benannt wird Kriminalität und Sicherheit von der Gruppe der 50-Jährigen und älter: Knapp 60 Prozent der 50- bis 64-Jährigen sieht in diesem Themenkomplex eines der drei größten Probleme. Bei den 65- bis 85-Jährigen sind es sogar drei Viertel der Befragten.“

Problemsicht der Leipziger im Zeitvergleich. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2020
Problemsicht der Leipziger im Zeitvergleich. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2020

Aber auch die Ursachensuche in Lockdown und verringertem Verkehrsaufkommen ist eher ein Ausweichmanöver. Dem Abfrage-Topos „Verkehr“ ist nämlich 2020 endlich das passiert, was schon seit Jahren überfällig war – er wurde radikal reduziert.

Denn in den zurückliegenden Bürgerumfragen wurde gar nicht nach Verkehr gefragt, sondern nach lauter einzelnen Problemfeldern, die dann zu „Verkehr“ zusammengefasst wurden: Straßenzustand, ÖPNV, Parkplätze, Straßenbaustellen und Umleitungen.

Da summierten sich „Probleme“ im Verkehr, obwohl die befragten Leipziger völlig unterschiedliche Problemkomplexe ankreuzten.

Ankreuzbare Felder gründlich reduziert

Indem nun alle diese Einzelfelder zu „Verkehr“ zusammengefasst wurden, bekommt man natürlich erstmals eine wirkliche Gesamtzahl zur Verkehrsproblematik. Und wahrscheinlich lag dieser Gesamtwert in den Vorjahren auch nie über 60 Prozent, sondern eher bei den jetzt ermittelten 47 Prozent.

Überhaupt haben die Statistiker gründlich aufgeräumt mit den ankreuzbaren „Problem“-Feldern und sie von 23 auf 12 eingedampft.

Was überfällig war, denn hier ging es eigentlich wie Kraut und Rüben zu. Rausgeflogen sind auch zwei Felder, die so auch erst nach Kritik eingeführt worden waren: „Fremdenfeindlichkeit“ und „Zusammenleben mit Ausländern“. Vorher hatte da nur „Zusammenleben mit Ausländern gestanden“, was schlicht keine belastbaren Aussagen ergab: Kreuzten hier nur Ausländerfeinde an oder auch Menschen, die Ausländerfeinde als Problem wahrnahmen?

Die Trennung beider Aussagen machte dann sehr deutlich, dass diese Vermutung stimmte. Am Ende sahen deutlich mehr Leipziger das Auftreten von Ausländerfeinden als Problem, als dass sich Ausländerfeinde hier distanziert zu Ausländern äußerten.

Wenn der ÖPNV einfach verschwindet

Die Verknappung von vier verschiedenen Aussagen zu „Verkehr“ schafft natürlich neue Probleme. Denn jetzt gibt es nicht mal mehr die Trennung zwischen Problemsichten bei Straßenzustand und beim ÖPNV. Nur zur Erinnerung: Die Wahrnehmung des Straßenzustands hat sich aus Sicht der Leipziger in den Vorjahren tatsächlich verbessert.

Noch 2011 lag der Straßenzustand allein mit „Kriminalität und Sicherheit“ zusammen mit 41 Prozent der Nennungen auf Rang 1. 2019 war der Wert auf 18 Prozent gesunken. Über den ÖPNV machten sich die Befragten 2011 so gut wie keine Gedanken, den nannten damals nur 4 Prozent als Problem. Ein Wert freilich, der in den Folgejahren rapide wuchs. 2019 erreichte er 21 Prozent. Damit war ÖPNV nach Kriminalität und Sicherheit und den gestiegenen Wohnkosten Problemfall Nr. 3 in Leipzig.

ÖPNV und Radverkehr sind die tatsächlichen Verkehrs-Problemfelder

Diese Problemwahrnehmung ist mit der neuen Fragegestaltung aus der Wahrnehmung verschwunden. Aber die Ergebnisse bis 2019 zeigen eben, wie enorm der Bedarf an einem Ausbau und der Verbesserung im ÖPNV gewachsen ist. Radverkehr wurde in dieser Kategorie sowieso nie abgefragt. Aber da lohnt sich der Blick ins Verkehrskapitel der „Bürgerumfrage 2020“. Da äußerten 55 Prozent der Befragten ihre Unzufriedenheit mit dem, was für den Radverkehr getan wurde und wird.

Darin hat Thomas Dienberg nun einmal recht: Es gibt einen enormen Handlungsbedarf. Aber es stimmt auch, dass dieser Handlungsbedarf bei den umweltgerechten Verkehrsarten (ÖPNV, Rad- und Fußverkehr) längst höher ist als im Kfz-Verkehr. Das sieht man in der Problemabfrage zu „Verkehr“ jetzt aber nicht mehr.

Spannend in der Sicht auf „Verkehr“ ist freilich auch die völlig unterschiedliche Sicht der Generationen auf das Thema. Während nur 35 Prozent der über 65-Jährigen den Verkehr als größtes Problem betrachtet, sind es bei den 35- bis 49-Jährigen satte 57 Prozent. Das sind die Leute, die ja jeden Tag zur Arbeit müssen und merken, wo es überall stockt und klemmt. Während „Ordnung und Sicherheit“ das Mega-Thema der ganz Alten ist.

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