Viele Leipzigerinnen und Leipziger sorgen sich um die Zukunft des Leipziger Auwalds. Dies geht aus der aktuellen Sonderauswertung der Kommunalen Bürgerumfrage 2022 zur Naturwahrnehmung und dem Erholungsverhalten in der Leipziger Auenlandschaft hervor. Laut der gemeinsamen Erhebung des Instituts für Soziologie der Universität Leipzig und des Amtes für Statistik und Wahlen der Stadt Leipzig nehmen Besucher des Auwalds dessen Entwicklung aufmerksam wahr.

Vor allem – aber keineswegs nur – ältere Menschen beobachteten in den letzten Jahren Veränderungen wie zunehmende Trockenheit, mehr Totholz oder verdorrte Wiesen. Aus den 1.424 vollständig beantworteten Fragebögen geht hervor, dass viele diese Entwicklung mit Besorgnis sehen. Wassermangel wird als größtes Problem benannt. Zugleich schätzen nahezu alle Befragten (95 Prozent) die Bedeutung der Aue für den Schutz der Biodiversität als hoch oder sehr hoch ein.

Große Liebe, wenig Wissen

Fast zwei Drittel der Leipzigerinnen und Leipziger nutzen den Leipziger Auwald häufig als Erholungsgebiet. Die beliebtesten Ziele sind die Parks im Zentrum und der südliche Auwald. Im Vergleich zu den Angaben, die vor der Pandemie gemacht wurden, scheint die Nutzung des Auwalds aber leicht zurückgegangen zu sein. Der wichtigste Grund, um auf einen Besuch des Auwalds zu verzichten, ist die räumliche Entfernung. Diejenigen, die eine weitere Anfahrt haben, kommen selten in den Auwald.

Wer engagiert sich eigentlich in Umwelt- und Naturschutzverbänden? Grafik: Stadt Leipzig
Wer engagiert sich in Umwelt- und Naturschutzverbänden? Grafik: Stadt Leipzig

Dass an vielen Stellen und auf vielen Ebenen Maßnahmen ergriffen werden, um die Leipziger Auenlandschaft zu erhalten, weiß dagegen nur eine Minderheit der Bevölkerung. Keine der Initiativen – vom Sächsischen Auenprogramm über das Leipziger Totholzkonzept bis zum Projekt Lebendige Luppe – ist mehr als einem Viertel der Befragten bekannt. Viele dieser Maßnahmen werden in dem Bericht näher vorgestellt und lohnen an sich schon einen Blick in die Untersuchung.

Wenn es um den eigenen Beitrag zum Schutz der Aue geht, sind die Leipzigerinnen und Leipziger zurückhaltend. Während die Kennzeichnung als Schutzgebiet oder das Anbringen von Informationstafeln mit großer Mehrheit befürwortet wird, findet die Idee temporärer Betretungsverbote oder Einschränkungen der Gewässernutzung im Zuge von Revitalisierungsmaßnahmen nur geringe Zustimmung.

Der Blick der Engagierten

Interessant aber ist ein weiteres Ergebnis der Auswertung, nämlich das zu Engagement im Umweltschutz. Danach sind 2 Prozent der Befragten aktives Mitglied in einem Naturschutz- oder Umweltverband, weitere 13 Prozent aber sind zahlendes Mitglied.

Und das beeinflusst auf seine Weise wieder die Sicht auf den Auwald, wie man in der Auswertung lesen kann: „Blicken wir auf die Verteilung der Antworten bei den im Umwelt- oder Naturschutz Engagierten, zeigen sich klare Unterschiede im Vergleich mit den Befragten, die nicht engagiert sind. Die Engagierten sehen mache Veränderungen in der Auenlandschaft häufiger, so sind sie deutlich häufiger der Meinung, es seien mehr Leute in der Aue unterwegs als früher: 84 Prozent im Vergleich zu 69 Prozent der nicht Engagierten.

Das Gleiche gilt für die Wahrnehmung von mehr Booten auf den Gewässern, hier sind es 71 zu 59 Prozent. Eine vermehrte Vermüllung von Wäldern und Wiesen wird von den Engagierten dagegen seltener wahrgenommen (47 Prozent der nicht Engagierten und 40 Prozent der Engagierten; Tabelle 11 im Anhang). Abgestorbenes Holz wird von den nicht Engagierten stärker als von den Engagierten wahrgenommen (72 zu 66 Prozent), aber weniger positiv bewertet (20 zu 36 Prozent).

Gut die Hälfte (53 Prozent) der nicht Engagierten und 30 Prozent der Engagierten sehen mehr Totholz negativ. Des Weiteren sehen wir einen klaren Unterschied in der negativen Bewertung von häufiger vertrockneten Wiesen. Hier kommt eine größere Besorgnis der Engagierten zum Ausdruck, von denen zwei Drittel diesen Umstand nicht gut finden im Vergleich zu 55 Prozent der nicht Engagierten.

Für die übrige Bewertung beobachteter Veränderungen fallen die Unterschiede weniger deutlich aus und sie liegen meistens im Bereich einstelliger Prozentpunkte.“

Welche Bedeutung hat der Leipziger Auwald für ausgewählte Ökosystemleistungen? Grafik: Stadt Leipzig
Welche Bedeutung hat der Auwald für ausgewählte Ökosystemleistungen? Grafik: Stadt Leipzig

Wobei die Befragung eben auch zeigte, welche Arten der Erholung die meisten Leipziger wirklich im Auwald suchen. Und ganz vorn stehen dabei Fahrradfahren, Spazieren, Wandern, Landschaft genießen. Also ganz und gar keine von den oft so hervorgehobenen „touristischen“ Nutzungen. Dass dabei die Nutzungsintensität gegenüber der Corona-Zeit zurückgegangen ist, ist eigentlich eher nebensächlich. Denn die Rückgänge sind eher marginal.

Es braucht den Vergleich

Tatsächlich zeigt das Ergebnis noch einmal deutlich, dass die von der Stadt gern promoteten touristischen Nutzungen bei den Leipzigern selbst nur unter „ferner liefen“ auftauchen, auch wenn die Auswertung versucht, diese Nutzungsformen dennoch als prägend hervorzuheben: „In dieser Übersicht zeigt sich, dass die Nutzung des Auengebietes über die naheliegenden Erholungsaspekte hinausgeht und doch ein nennenswerter Anteil der Befragten sich der Aue nicht nur zur Entspannung nähert. Es liegt nahe, nicht jeden Monat in der Aue zu grillen oder auf den Gewässern zu paddeln oder zu segeln.“

Und es ist eben nicht nur der Müll, der den Auwaldbesuchern negativ ins Auge sticht: „Für die Frage, welche Veränderungen den Leuten aufgefallen sind, haben wir verschiedene Antwortangebote gemacht. Obwohl wir in Kapitel 4 festgestellt haben, dass die Nutzung der Auengebiete gegenüber 2017 leicht zurückgegangen zu sein scheint, wurde hier der Antwort, dass ‚mehr Leute in der Aue unterwegs sind als früher‘ am häufigsten zugestimmt.

72 Prozent wählten diese Antwort, 62 Prozent beobachteten mehr Boote auf den Gewässern. Weitere Folgen verstärkter Nutzung wie mehr Müll oder mehr Trampelpfade haben 45 beziehungsweise 38 Prozent wahrgenommen. Immerhin ein Drittel der Antwortenden sieht kein wachsendes Müllproblem und hinsichtlich der Frage, ob es mehr wilde Pfade gibt, ist fast die Hälfte nicht in der Lage, eine Einschätzung abzugeben.“

Was, wie die Auswertung feststellt, eben auch mit dem Alter der Auwaldbesucher und der Häufigkeit ihres Besuches zu tun hat. Denn wer den Wald in früheren Zuständen kennt, sieht die oft deutlichen, negativen Veränderungen. Wer jünger ist, nimmt die Trampelpfade und Zerstörungen für gegeben hin und kommt gar nicht auf den Gedanken, dass hier Zeitgenossen ganz bewusst Teile des Waldes verletzt haben.

Hintergrund: Für die Bürgerumfrage waren insgesamt 5.000 zufällig ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner im Alter zwischen 18 und 85 Jahren angeschrieben worden. 1.424 vollständige Antwortbögen lagen nach Ende der Erhebung vor. Rund ein Drittel der Befragten nahm digital teil. Nach 2017 handelte es sich um die erste Wiederholungsbefragung. Damit liegen nun Vergleichszahlen zur Ableitung von Trends bzw. Nutzungs- und Verhaltensänderungen vor.

Der Ergebnisbericht zur Umfrage steht auf leipzig.de/statistik im Bereich „Kommunale Bürgerumfrage“ unter „Themenbezogene Sonderumfragen“ kostenfrei zum Download zur Verfügung und bietet unter anderem Antworten auf die Fragen: „Wie hat sich die Corona-Pandemie auf das Erholungsverhalten der Leipzigerinnen und Leipziger ausgewirkt?“; „Wird der Leipziger Auwald als Erholungsgebiet anders genutzt als früher?“ sowie „Werden Veränderungen in der Aue wahrgenommen?“.

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