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Wer sind denn eigentlich die 13,7 Millionen Armen in Deutschland?

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    Was passiert eigentlich in einem Land wie Deutschland, wenn der Faktor Arbeit seit Jahren immer weiter entwertet wird, wenn immer mehr Beschäftigungsverhältnisse in etwas verwandelt werden, was zum Leben nicht reicht? Zum „guten Leben“ schon gar nicht? Es entsteht ein wachsender Gesellschaftsanteil von Armen. Doch in der Debatte der politischen Eliten existieren sie nicht. Als wären sie unsichtbar geworden.

    Der Paritätische Gesamtverband hat am Donnerstag, 13. Dezember, den Paritätischen Armutsbericht 2018 „Wer die Armen sind“ veröffentlicht. Und das Ergebnis könnte einerseits erschrecken – andererseits zeigt es genau das, was 30 Jahre neoliberale Arbeitsmarktpolitik bewirken.

    Denn das Ergebnis ist eindeutig: Ein Drittel der erwachsenen Armen in Deutschland ist erwerbstätig, jede/-r vierte arme Erwachsene ist in Rente oder Pension und nur ein Fünftel ist arbeitslos. Das ist einer der vielen brisanten Befunde des aktuellen Armutsberichts des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

    Der Verband, für den die Paritätische Forschungsstelle mit Daten des Sozioökonomischen Panels (DIW) gerechnet hat, legt mit dem Bericht eine aktuelle Bestandsaufnahme der Armut in Deutschland vor. Ein Novum ist, dass der Bericht unter anderem erstmals der Frage nachgeht, wer die rund 13,7 Millionen Menschen, die in Deutschland in Armut leben, faktisch sind.

    Er räumt dabei mit diversen Klischees und Vorurteilen auf. So trifft offenbar auch die gängige Formel, Bildung allein schütze vor Armut, nicht zu: Wie die Analyse des Paritätischen zeigt, weisen fast drei Viertel der ab 25-jährigen Armen ein mittleres oder sogar hohes Qualifikationsniveau auf.

    „Es ist Zeit, dass populäre, aber falsche Bilder über Armut in Deutschland korrigiert werden. Der Bericht zeigt, dass eine Neujustierung des armutspolitischen Instrumentariums dringend nötig ist“, erklärte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, bei der Vorstellung des Berichts.

    Die Armutsquote in Deutschland steigt. Grafik: Paritätischer Armutsbericht 2018
    Die Armutsquote in Deutschland steigt. Grafik: Paritätischer Armutsbericht 2018

    Was eben auch heißt: Jede/-r fünfte Deutsche hat am seit Jahren herrschenden Konjunkturaufschwung keinen Anteil, steckt in der Armutsfalle fest und bekommt auch keine Chance, dieser Welt der manifesten Armut zu entkommen.

    Eigentlich hätte man ja annehmen sollen, dass mit Beginn des jüngsten Konjunkturaufschwungs ab 2011 die Armutsquote deutlich sinkt – und zwar mindestens so stark, wie die offiziell verkündete Arbeitslosenquote, mit der sich die Politik fast jeden Tag ein fröhliches Süppchen kocht.

    Aber alle erhobenen Daten – ob im Sozioökonomischen Panel (SOEP) oder im Mikrozensus – deuten darauf hin, dass der Anteil der Armen in Deutschland weiter wächst. Das heißt im Klartext genau das, was immer öfter kritisiert wird: Der Reichtum in Deutschland wächst – aber es sind nur noch die Reichen, die ihn sich einverleiben. Während gleichzeitig immer mehr Menschen in Armut abrutschen. Der soziale Ausgleich funktioniert nicht mehr. Neoliberale Politik hat ihn völlig aus dem Gleichgewicht gebracht.

    Und das hat Folgen. Denn das trägt mit dazu bei, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, benachteiligt und ausgegrenzt zu sein. Die Gesellschaft wird labiler.

    „Ich bin dem Paritätischen Gesamtverband sehr dankbar für die klaren Einsichten. Die gute Wirtschaftslage darf nicht darüber hinwegtäuschen: Noch nie seit 1990 lebten mehr Menschen in Deutschland in Armut. Der Verband beziffert die Zahl der Betroffenen auf mindestens 13,7 Millionen. Ein erschreckender Wert!“, stellt die sozial- und gesundheitspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, Susanne Schaper, fest.

    „Landläufig gelten vor allem alleinerziehende, kinderreiche, arbeitslose und gering gebildete Menschen als arm. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit, obgleich die Armutsquoten unter Arbeitslosen (62,9 Prozent), Alleinerziehenden (40,2 Prozent), kinderreichen Familien (30,0 Prozent), Menschen mit Migrationshintergrund (27,5 Prozent) oder mit niedrigen Bildungsabschlüssen (28,8 Prozent) am höchsten sind.

    Viel zu selten wird darüber gesprochen, dass die meisten erwachsenen Armen erwerbstätig, in Ausbildung oder in Rente sind. Nur ein Fünftel ist arbeitslos, viele haben ein mittleres oder höheres Bildungsniveau. Zwei Drittel der arbeitenden Armen sind mehr als geringfügig, 41 Prozent sogar voll erwerbstätig! Leiharbeit und Befristungen tragen ebenso zu Armut bei wie niedrige Löhne. Vollzeitarbeit schützt in diesem reichen Land nicht vor Armut.“

    Alarmierend ist aus ihrer Sicht auch die Kinderarmut.

    „In Sachsen sind laut der Arbeitsagentur mehr als 90.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren von Hartz IV betroffen, und wir müssen davon ausgehen, dass insgesamt mindestens 150.000 Kinder in Armut leben.“

    Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Vergleich zur Armutsquote. Grafik: Paritätischer Armutsbericht 2018
    Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Vergleich zur Armutsquote. Grafik: Paritätischer Armutsbericht 2018

    Und auch der „Armutsbericht“ findet gerade dieses Ergebnis besonders alarmierend: „Festzustellen ist zudem: Die Kinderarmut in Deutschland ist anhaltend und alarmierend hoch. Nicht nur jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut, sondern auch jeder fünfte arme Mensch in diesem Land ist ein Kind. Was die einkommensarmen Haushalte mit Kindern anbelangt, sind es vor allem Alleinerziehenden-Haushalte (14,7 % der Armen), die ins Auge fallen, und Paarhaushalte mit drei und mehr Kindern (13,6 % aller Armen).“

    Kaum eine Zahl zeigt deutlicher, dass Deutschland im Grunde ein Land ist, dass Familien und Kinder vor allem als Belastung betrachtet, nicht als Kern der Gesellschaft – trotz allem blumigen Gerede der konservativen Politiker, die so gern von Werten reden, aber dabei wohl eher an Boni, Diäten und Aktienkurse denken.

    „Armut ist kein Naturgesetz, sondern sie kann politisch eingedämmt werden“, betont Schaper. „Dabei gehören alle Ausprägungen in den Fokus: Kinderarmut, Armut trotz Arbeit, Altersarmut. Sachsens Landesregierung muss sich im Land und in Berlin für Gegenmaßnahmen einsetzen. Wir fordern ein höheres Kindergeld und eine Kindergrundsicherung. Von den Regelsätzen der Sozialleistungen muss man in Würde leben können.

    Eine starke gesetzliche Rentenversicherung, in die alle Einkommensbeziehenden ohne Beitragsbemessungsgrenzen einzahlen, kann und muss vor Armut schützen. Der Mindestlohn gehört auf 12,63 Euro erhöht. Arbeitsverträge dürfen nur noch mit Sachgrund befristet werden. Und nicht zuletzt: Leiharbeit kann zum Ausnahmeinstrument werden, wenn die betroffenen Beschäftigten analog zu den Stammbelegschaften entlohnt werden müssen.“

    Womit sie schon bei den neoliberalen Instrumenten wäre, mit denen wichtige und unersetzliche Arbeit seit gut 30 Jahren zunehmend unsicherer und regelrecht entwertet wurde.

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    3 KOMMENTARE

    1. Klar, Arbeit wollen wir nicht bezahlen.
      Warum muß die LVB eigentlich Fahrer in Spanien suchen? Bestimmt weil das Wetter dort so schlecht ist.
      Wo gibts eigentlich diese gelben Westen?

    2. Mehr als 10% der Bevölkerung ist arm. In einem reichen Land. Arm oftmals trotz Arbeit. Prekär beschäftigt selbst als Akademiker. Inzwischen sind es nicht mehr nur die Tellerwäscher, die die Hungerjobs haben, sondern auch schon (promovierte) Akademiker. Und auch Akademiker, Ingenieure und andere angeblich händeringend gesuchte Fachkräfte sind arbeitslos, chancenlos.

      Kinder sollen die Zukunft sein, für Kinder sollte uns nichts zu teuer sein. Was tun wir? Gelder für Kitas kürzen, Jugendhilfegelder kürzen (und wenn schon nicht gekürzt wird, dann wird auf Bevölkerungswachstum und Lohnerhöhungen nicht reagiert, was faktisch einer Kürzung gleichkommt). Erzieher werden gesucht, Stellenausschreibungen aber nicht vorgenommen. Und wenn, dann wird nicht eingestellt. Haushaltssperre, Kirchentag, Lichtfest … was auch immer als Begründung für knappe Kassen herhalten muss.

      Armutsrisiko Nr 1: arbeitslos werden. Nr 2: Kinder. Nr 3: krank werden. Nr 4: alt werden.

      Dass Nr 4 eintritt, daran arbeiten ja Politiker ja schon seit Jahren, indem das Renteneintrittsalter immer weiter heraufgesetzt wird. Altersarmut soll damit nicht mehr vorkommen, denn wer wird denn noch seine Armutsrente antreten können, wenn er mit 67 vom Dach fällt, oder oder mit 70 vor Erschöpfung den LKW an die Leitplanken knallt, mit 69 die vollbesetzte Bimmel vielleicht noch zum Halten bekommt, bevor er am Herzinfarkt krepiert? Wird sicher eine Erfahrung fürs Leben werden, wenn der/die LehrerIn mitten im Unterricht tot zusammenbricht.

      In der DDR ging mal so ein Spruch rum: ein guter Sozialist stirbt vor der Rente. Heute fordert das privatversichert hervorragend medizinisch betreute und sich guter Pflege gewiss sein könnende Lobbyistenpack, dass mindestens bis 70 gearbeitet wird. Natürlich in nicht zu gut bezahlten Jobs, damit sich 1. aufgrund von Armut die Lebenszeit eh schon verkürzt und somit die Rente erst gar nicht in Anspruch genommen werden kann und 2. der Staat nicht auch noch mit aufstockenden Sozialhilfeleistungen belastet wird. Und wenn es doch mal einer schafft, diesen Break Even zu erreichen, dann wird er in Armenpflegeheimen kostensparend von aufstockenden Pflegern, vielleicht von Minijobbern oder aufstockenden Rentnern (sofern die noch können) zu Tode gepflegt. Sozialverträgliches Ableben nennt man das.

      Was machen diese Aussichten aber mit unseren Kindern heute? Es wird ihnen doch damit nur eines beigebracht: Ellenbogen raus und Schwein sein, ansonsten guck mal wie es deinen Eltern oder deiner Oma geht

    3. Hm, und wie paßt dazu jetzt das Modell der Leipziger Lebensstiltypen? Alles unreflektierte Menschen?

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