Junge Ortsteile im Stadtinnern und sichtbare Unzufriedenheit draußen am Rand der Stadt

Für alle LeserAller zwei Jahre erstellt das Leipziger Amt für Statistik und Wahlen auch einen Ortsteilkatalog, 350 Seiten dick, in dem man viele wichtige Daten für jeden einzelnen Ortsteil findet. Und natürlich auch die Daten zur Stadt. Die stehen gleich vorn und sind vielen oft schon aus Jahrbüchern und Bürgerumfragen bekannt. Aber das eine, für alle gültige Leipzig gibt es gar nicht. Jeder lebt in seinem eigenen.
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Keiner weiß das besser als Martin Steinert aus dem Sachbereich Datenverarbeitung des Statistik-Amtes. Er ist hauptverantwortlich für die Erstellung des neuen Ortsteilkatalogs. Und er ist stolz darauf, dass diesmal auch ein paar Daten und Grafiken eingeflossen sind, die man so aus den Ortsteilkatalogen noch nicht kennt. Zum Beispiel solche zur Mietbelastungsquote, Grafiken zum Nettoeinkommen, zu schulischen und beruflichen Abschlüssen.

Alles Dinge, von denen man eigentlich weiß. Leipzig ist ja kein homogener Lebensraum. Es gibt Ortsteile mit vielen armen Einwohnern, die oft auch arbeitslos sind oder Wurzeln im Ausland haben, es gibt reiche Viertel, wo dann auch wundersamerweise die Mieten höher sind. Es gibt Ortsteile mit herrlicher ÖPNV-Ausstattung, wo die Leute fast jeden Weg auch mit Fahrrad oder zu Fuß zurücklegen können, wo es alle Läden gibt, die man braucht, Kitas, Ärzte und Schulen.

Und dann gibt es Hartmannsdorf-Knautnaundorf.

Das hat Martin Steinert eher zufällig ausgewählt – als Vergleich etwa zur Innenstadt, wo alles vorhanden ist und die Leute sogar noch richtig glücklich sind über die Lage ihrer Wohnung. Hartmannsdorf-Knautnaundorf aber steht dann sehr typisch für Leipzigs Ortsteile am Stadtrand: kein Arzt, kaum eine ordentliche Versorgungsinfrastruktur, selbst zu Kita und Schule lange Wege, die ÖPNV-Ausstattung aus Sicht der Bewohner eine Katastrophe.

Was nicht neu ist. Der Mitteldeutsche Verkehrsverbund (MDV) hat das ja für Leipzigs Randlagen schon einmal festgestellt. Getan hat sich nicht viel. Zumindest nicht im Südwesten. In Lützschena-Stahmeln ist das anders, da weiß man, dass man mit ÖPNV recht gut angebunden ist. Aber die Wohnlage lässt trotzdem zu wünschen übrig – nicht nur wegen der dröhnenden Flugzeuge über den Dächern, sondern auch, weil es an Läden und Infrastrukturen fehlt. In Hartmannsdorf-Knautnaundorf ist es wohl der Kiesabbau, der den dort Wohnenden die Freude am Eigenheim verdirbt.

Weil Steinert auch die Zufriedenheitswerte aus der Bürgerumfrage in Grafiken gepackt hat, kann man gut vergleichen, wie sich die Bewohner der einzelnen Ortsteile fühlen, wer sich wirklich wohlfühlt und wo das Unbehagen am Ist-Zustand mit Händen zu greifen ist.

Nutzt dann wenigstens die Stadtverwaltung diese Ortsteilkataloge auch, um ihre Arbeit zu steuern?

Ja, sagt Steinert. Und Peter Dütthorn, der amtierende Amtsleiter, ergänzt: „Viele Abteilungen warten sogar regelrecht darauf, fragen schon immer an, wann der neue Ortsteilkatalog endlich fertig ist.“

Denn die Stadtdaten sind aus Jahrbüchern oder von der Website des Statistischen Amtes leicht abzulesen. Aber wenn es um die konkreten Lebensbedingungen in den Ortsteilen geht, braucht man diese kleinen, aus Daten zusammengesetzten Porträts, die auch vieles zeigen, was die Stadt kaum beeinflussen kann. Etwa die Eröffnung einer Apotheke, die Niederlassung von Ärzten, den Bau neuer Wohnungen oder das Arbeitsplatzangebot. Auch Wahlergebnisse nicht. Und die Attraktivität des Wohnortes nur bedingt. Denn das hängt nicht nur von ÖPNV-Verbindungen, Kitas und Lage ab, sondern auch von der Verfügbarkeit bezahlbarer Wohnungen, vom Sicherheitsgefühl und verfügbaren Dienstleistungen.

Und natürlich von Kindern. Das fiel schon immer auf, wenn so in die verschiedenen Ecken der Stadt geleuchtet wurde: Die Zufriedenheit der Leipziger wächst mit dem Vorhandensein von Kindern. Wo Kinder sind, blüht der Ortsteil auf. So wie Schleußig, das bei der Geburtenzahl wieder die Nase vorn hatte, zumindest pro Einwohner gerechnet. In der absoluten Geburtenzahl liegt die Südvorstadt vorn. Da hängen dafür die oft völlig überalterten Ortsteile am Stadtrand hinterher. Das ist ihr Problem: Sie sind für junge Familien nicht attraktiv. Die ziehen – statistisch nachweisbar – lieber nach Lindenau, Anger-Crottendorf und Reudnitz.

Das sind die jungen Stadtteile heute, jung auch deshalb, weil hier die Mieten für junge Leute noch bezahlbar sind. Und sie sind zentrumsnah. Man ist mit Straßenbahn oder Fahrrad schnell da, wo man hin will. Und deshalb bleiben die jungen Leute auch am liebsten da. Der Stadtrand hat da ganz schlechte Karten. Auch weil junge Leute, wo sie können, auf den eigenen Pkw verzichten. Draußen in Althen-Kleinpösna oder Hartmannsdorf ist man ja ohne Auto fast aufgeschmissen.

Ergebnis: Die Babys werden vor allem im Stadtinneren geboren. Die Südvorstadt lag 2017 mit 400 Geburten vorn, vor Reudnitz-Thonberg mit 317 und Gohlis-Süd mit 291.

Seit ein paar Jahren gibt es im hinteren Teil des Ortsteilkatalogs ja auch noch einmal Seiten mit den gesamten Zahlen und schönen großen Karten, die zeigen, wie sehr sich Leipzigs Ortsteile in einzelnen Dingen unterscheiden – beim ALG-II-Bezug genauso wie beim Kraftfahrzeugbesitz oder dem Unternehmensbesatz.

Was Steinerts Auswahl zumindest sichtbar macht, ist, dass einige der Ortsteile am Stadtrand eigentlich derzeit Problemkinder der Stadtpolitik sind, dass dort irgendetwas passieren muss, um wichtige Negativerscheinungen zu beseitigen. Deswegen bekommen auch die Beiräte in den Ortsteilen und Stadtbezirken eigene Auszüge aus dem neuen Ortsteilkatalog auf den Tisch, betont Dütthorn. Damit sich die gewählten Vertreter der Bevölkerung ein realistisches Bild machen können.

Eins, das sich gravierend von vielen Bildern aus den Medien unterscheiden wird. Man nehme nur Connewitz. In praktisch allen Dimensionen der Zufriedenheit liegt Connewitz über dem Stadtdurchschnitt, selbst beim so gern beschworenen Thema Sicherheit im Wohnviertel. Bei der Miete liegt man zwar im Stadtdurchschnitt, nur die Mietbelastung liegt ein bisschen drüber, weil in Connewitz viele Leute mit kleinem und normalem Einkommen wohnen – und zwar vor allem, was die Haushalte betrifft. Eben die vielen jungen Familien, die sich hier wohlfühlen, egal, was die Zeitung wieder für Horrorgeschichten über den Ortsteil verbreitet.

Ein paar Zahlen, die das Amt für Statistik und Wahlen für erwähnenswert hält:

Leipzig hat sich weiter verjüngt, das Durchschnittsalter der Einwohner sank von 42,8 Jahre in 2015 auf 42,4 Jahre in 2017.

Innerhalb der letzten zehn Jahre konnten 55 Ortsteile einen Bevölkerungszuwachs verzeichnen.

Die nach dem Durchschnittsalter jüngsten Ortsteile sind Lindenau (34,3 Jahre), Volkmarsdorf (34,6 Jahre) und Neustadt-Neuschönefeld (34,8 Jahre), die ältesten Ortsteile sind Grünau-Siedlung (54,0 Jahre), Grünau-Ost (53,1 Jahre) und Heiterblick (52,8 Jahre).

Die meisten Kinder, nämlich 400, wurden im Jahr 2017 in der Südvorstadt geboren, die wenigsten in den Ortsteilen Zentrum und Baalsdorf mit jeweils zehn. Einen Geburtenüberschuss können 25 der 63 Ortsteile aufweisen (2015 waren es sogar 26).

Die meisten privaten PKW, bezogen auf 1.000 Einwohner, sind in Plaußig-Portitz mit 574 (2015 waren es 597), die wenigsten in Volkmarsdorf mit 154 (2015 waren es hier noch 164) zugelassen.

In Zentrum-Südost und Volkmarsdorf sind von 100 erwerbsfähigen Einwohnern lediglich 37 bzw. 38 sozialversicherungspflichtig beschäftigt, wogegen in Althen-Kleinpösna und Heiterblick 70 bzw. 78 von 100 in einem solchen Beschäftigungsverhältnis stehen. In drei Ortsteilen sind mehr als zehn Prozent der Erwerbsfähigen als arbeitslos registriert (2015 waren es noch acht).

Der Ortsteilkatalog ist im Internet unter statistik.leipzig.de unter „Veröffentlichungen“ kostenfrei einsehbar oder für 25 Euro (bei Versand zuzüglich Versandkosten) erhältlich: Postbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 04092 Leipzig/Direktbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, Burgplatz 1, Stadthaus, Zimmer 228.

Ortsteilkatalog
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