Die Wanderung in die großen Städte geht weiter

Für alle LeserWie sagte doch Katja Salomo, Gastforscherin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), so schön knapp und deutlich? – „Demografie ist unerbittlich.“ Da können Politiker herumeiern und Purzelbäume schlagen – das Thema holt sie ein, ob sie wollen oder nicht. Und wenn es über desaströse Wahlergebnisse ist. Und auch im Jahr 2019 geht die demografische Entwicklung in Sachsen unerbittlich weiter.

Das zeigen jetzt auch die jüngsten Bevölkerungszahlen für den Mai. Binnen fünf Monaten hat Sachsen wieder 4.532 Einwohner verloren. Diese Zahl resultiert fast ausschließlich aus der Differenz von Geburten und Todesfällen. Tatsächlich wird sie sogar durch Zuwanderung noch gemildert, einer Zuwanderung, die in den ländlichen Regionen kaum wahrgenommen wird, weil sie vor allem in die Großstädte erfolgt. Darunter sind viele Studierende auch aus den westlichen Bundesländern, die oft nach dem Studium in Dresden oder Leipzig bleiben.

Die Differenz aus Geburten und Todesfällen ist seit 30 Jahren enorm. Im Schnitt gibt es in Sachsen jedes Jahr zwischen 15.000 und 18.000 Todesfälle mehr, als Kinder geboren werden. Tatsächlich steigt die Differenz aber wieder. Lag sie 2016 bei 15.389, so stieg sie 2017 auf 17.855 und 2018 sogar auf 20.400.

Hauptgrund: Der deutliche Rückgang der Geburten in dieser Zeit von 37.941 auf 35.890.

Bei solchen Werten würde Sachsen binnen fünf Jahren jeweils 100.000 Einwohner verlieren. Und da hilft auch die ganze Kraftprotzerei der AfD im Wahlkampf nichts, sie würde mit ihren alten Herrschaften schon dafür sorgen, dass genug selbst gemachte Deutsche geboren würden. Es ist wirklich nicht mehr als Kraftmeierei. Es passiert schlichtweg nicht.

Demografie ist unerbittlich.

Und das hat mit den jungen Frauen zu tun, die nach wie vor die größte Abwanderergruppe in den Landkreisen stellen. Sie finden in den ländlichen Regionen schlicht keine vollwertigen Arbeitsangebote für sich. Gerade wenn sie gute Schulabschlüsse gemacht haben, wollen sie ganz bestimmt nicht in schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs in Kleinstädten versauern. Darüber, wie man wieder hochwertige Arbeitsplätze für Frauen in die Landkreise bekommt, hat in Sachsens Regierung noch nicht mal jemand nachgedacht.

Zwischenergebnis im Mai: Die Landkreise haben zusammen 5.045 Einwohner/-innen verloren. Die Großstädte haben hinzugewonnen. Aber wer genauer hinschaut sieht, dass auch Chemnitz wieder deutlich verliert. Fast drängt sich die Vermutung auf, dass die rechtsradikalen Vorfälle im August 2018 Wirkung zeigen: Sie sorgen möglicherweise dafür, dass junge Leute und auch Menschen mit Migrationshintergrund lieber woanders hinzuziehen.

Möglicherweise nach Leipzig, das als einzige Großstadt binnen fünf Monaten 933 Einwohner hinzugewonnen hat. Das Leipziger Wachstum geht also weiter, während Dresden seine Bevölkerungszahl in etwa stabil halten kann.

Und auch hier gilt: Demografie ist unerbittlich.

Es ist nicht nur die Weltoffenheit, die die jungen Menschen anzieht. Es sind vor allem die Arbeitsplätze. Denn junge Menschen im Ausbildungsalter denken praktisch. Sie wollen eine Familie und einen Hausstand gründen. Sie wissen, was das alles kostet und welche Familienangebote man drumherum braucht. Sie fahren also genau da hin, wo Arbeitsplätze angeboten werden, die das ermöglichen. Denselben Trend beobachten wir auch in Westdeutschland. Die modernen und attraktiven Arbeitsplätze entstehen in den Großstädten. Und mit ihrem wachsenden Angebot an Arbeitsplätzen (die sich oft gegenseitig bedingen) ziehen sie ihren Speckgürtel mit nach oben, also all jene Städte und Gemeinden im direkten Umland, die verkehrstechnisch gut an den Metropolkern angebunden sind.

Während die meisten sächsischen Landkreise in den fünf Monaten um die 0,3 bis 0,4 Prozent ihrer Einwohner verloren haben, stabilisiert die Nähe zur Großstadt Leipzig die Landkreise Leipzig und Nordsachsen und bei Dresden sind es die Landkreise Meißen und Sächsische Schweiz/Osterzgebirge.

Und da hilft auch kein Vorschlag, einfach den sozialen Wohnungsbau in Leipzig zu unterbinden, um die Leute dazu zu zwingen, im ländlichen Raum nach einer Wohnung zu suchen. So können nur Politiker denken, die nie jung waren und nicht verstehen, wie junge Menschen denken, wenn sie ihre berufliche und familiäre Zukunft planen. Sie werden auf keinen Fall bereit sein, einfach den Wünschen der Alten folgend noch mehr Komplikationen auf sich zu nehmen, als so eine Familiengründung eh schon in sich birgt. Sie werden stets den logischsten Schritt gehen. Auch im Interesse ihrer Kinder.

Man kann eine verkorkste Demografie-Politik nicht auf ihrem Rücken reparieren.

Die nicht mal eine war, weil eine Sachsenregierung nach der anderen lieber so getan hat, als ginge sie die Gnadenlosigkeit der Demografie so gar nichts an.

Eine Studie für Thüringen zeigt, was das Fehlen junger Frauen für Folgen für die Demokratie hat

 

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