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Eine UFZ-Meldung zum „vorläufigen Ende eines Booms“: Aus eigener Kraft wachsen deutsche Großstädte schon lange nicht mehr

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    Beschäftigt sich jetzt auch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) mit Demografie? Ist das nicht das Arbeitsgebiet des ebenso in Leipzig heimischen Leibniz-Instituts für Länderkunde? Am 6. Juli jedenfalls schickte das UFZ eine entsprechende Meldung an DPA, das die neue Null-Meldung gleich an alle großen Medien lancierte. Die Redaktionen selbst wurden erst am 7. Juli beschickt. Und es steckte wirklich nicht mehr drin. Im Corona-Jahr kamen vor allem die Wanderungen der jungen Menschen zum Erliegen. Was nur beiläufig im Text zu lesen ist.

    Womit wir wieder bei großen Orakel der Demografie wären. Und beim Dilemma einer Politik, die Infrastrukturen behandelt wie Investitionen und Menschen wie Arbeitskräftepotenziale. Das ist so verinnerlicht, dass das Diskussionspapier, das Wissenschaftler/-innen unter der Federführung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) vorgelegt haben, aus diesem engen Betrachtungsschema nicht herauskommt.Das klingt dann so: „Die Einwohnerentwicklung der 15 größten deutschen Städte kannte in der jüngsten Vergangenheit nur eine Richtung, nämlich steil nach oben. Doch die Pandemie bereitet diesem Trend nun fürs Erste ein Ende: Im ersten Corona-Jahr 2020 nahm die Bevölkerungszahl erstmals wieder ab. Gründe dafür waren die rückläufige Geburtenzahl, der Anstieg der Sterbefälle und der zum Erliegen gekommene Zuzug aus dem Ausland.“

    Eigentlich eine fatale Betrachtungsweise, die verkennt, dass die deutschen Großstädte nicht wirklich deshalb wachsen, weil Menschen so gern in großen Metropolen leben, sondern die Konzentration verfügbarer Arbeitskräfte in großen Metropolen nun einmal der Konzentration des Kapitals entspricht. Große Städte wachsen aus der Not, eben weil neue Arbeits- und Ausbildungsplätze fast nur noch hier entstehen, während die ländlichen Räume zunehmend abgehängt werden.

    Dazu kommt, dass Wachstum auch immer die Gier von Spekulanten anfacht. Denn gebremst wurde das Wachstum schon vor Corona, als in den deutschen Großstädten die Mieten durch die Decke gingen und das Wohnungsangebot die Nachfrage nicht mehr deckte.

    Tatsächlich macht die ganze Statistik sichtbar, dass ein „freier“ Wohnungsmarkt Wohnungsprobleme nicht löst.

    Die Zahlen aus dem Arbeitspapier

    „Seit Ende der 2010er Jahre sind die Bevölkerungszahlen der 15 größten Städte Deutschlands gestiegen: Zwischen 2017 und 2018 betrug das Wachstum im Schnitt 0,55 Prozent, zwischen 2018 und 2019 0,36 Prozent. Insbesondere Berlin, München, Frankfurt/Main und Leipzig legten in dem Zeitraum deutlich zu, Frankfurt und München beispielsweise um bis zu 1,4 Prozent pro Jahr.

    Bevölkerungsentwicklkung der 15 größten deutschen Städte. Grafik: UFZ
    Bevölkerungsentwicklung der 15 größten deutschen Städte. Grafik: UFZ

    Doch mit der Pandemie kam der Einbruch: Im Jahr 2020, dem ersten Corona-Jahr, nahm die durchschnittliche Einwohnerzahl in den 15 Großstädten im Vergleich zum Vorjahr um 0,18 Prozent ab. In Frankfurt/Main schrumpfte das Wachstum von 1,4 auf 0,1 Prozent, in München von 1,2 auf 0,2 Prozent und Stuttgart verzeichnete gar ein Rückgang der Bevölkerungszahl um etwas mehr als 1 Prozent.

    In Dresden war die Bevölkerungsentwicklung im Jahr 2020 erstmals seit 2000 wieder negativ. Auch in Leipzig ging das Wachstum zurück, die Messestadt war mit einem Plus von 0,6 Prozent aber immer noch Spitzenreiter der Großstädte vor Hamburg und München.“

    „Die Corona-Pandemie hat das Wachstum der großen Städte vorerst ausgebremst“, bilanziert der UFZ-Stadtsoziologe Prof. Dieter Rink, Hauptautor des UFZ-Diskussionspapiers.

    Wie versuchen die Forscher, den Rückgang zu erklären?

    „Die Gründe für den Wachstumsrückgang sind mannigfaltig. So nahm die Bevölkerungszahl in Deutschland nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts im Jahr 2020 erstmals seit 2011 nicht mehr zu und stagnierte bei 83,2 Millionen Einwohner/-innen. Ausschlaggebend dafür waren die geringere internationale Zuwanderung, der Geburtenrückgang sowie bedingt durch Corona der Anstieg der Sterbefälle – Trends, die sich besonders in Deutschlands Großstädten bemerkbar machten.“

    „Die Zahl der Geburten ist über alle 15 Großstädte hinweg zwischen 2019 und 2020 um 2,5 Prozent gesunken, die Zahl der Sterbefälle dagegen um knapp 5 Prozent gestiegen“, konstatiert Dieter Rink.

    Hinzu kommt die Abnahme der urbanen Zuwanderung: So ging die Zahl der Zuzüge in die 15 Großstädte zwischen 2019 und 2020 um knapp 17 Prozent zurück. Nach München, Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt/Main und Bremen zogen beispielsweise im Jahr 2020 zwischen 18 und 21 Prozent weniger Menschen als im Vorjahr. Stark rückläufig ist auch die internationale Migration.

    „Deutschland hat nach der Finanzkrise Anfang der 2010er Jahre mit dem Zuzug aus Südeuropa und mit der Zuwanderung zahlreicher Geflüchteter 2016/2017 ein sehr dynamisches Einwohnerwachstum erlebt, das sich auf Großstädte und Ballungszentren konzentriert hat“, sagt Dieter Rink. Dies habe die Städte geprägt.

    Wer bezahlt für das Wachstum?

    Das stimmt alles. Aber es hat fatale Folgen für all die Regionen, aus denen Menschen abwandern in die großen Städte Westeuropas. Denn es sind die Jüngeren und Gutausgebildeten, die abwandern. Das lässt nicht nur entvölkerte Landstriche in Ostdeutschland vergreisen und politisch abdriften.

    Das entzieht auch den hier erwähnten Ländern Ost- und Südosteuropas die jungen Arbeitskräfte und die Fachkräfte, die dort genauso dringend gebraucht werden. Nur sind selbst die schlechten Gehälter im Westen höher als die normalen Gehälter in Osteuropa. Dadurch entsteht ein enormer Sog.

    Mit sofort eintretenden demografischen Folgen: weniger Geburten, schrumpfenden Städten und Dörfern, entvölkerten Landstrichen, verrottenden Infrastrukturen.

    So ähnlich ist eigentlich auch der Zuwandereffekt aus Afrika oder dem Nahen Osten. Europa stopft seine Bevölkerungslöcher mit gut ausgebildeten Menschen aus aller Welt, während das Gefälle zwischen Stadt und Land immer steiler wird. Aber die Menschen wandern nicht, weil die großen Städte so schön sind, sondern weil sich dort die raren Güter zukunftsfähige Arbeitsplätze und funktionierende Infrastrukturen konzentrieren.

    Und wie nun weiter?

    „Für das Jahr 2020 rechnet das Statistische Bundesamt mit einem Rückgang der Zuwanderung nach Deutschland um 25 Prozent. Dieser wirkt sich vor allem auf die Großstädte aus, da diese für Berufseinsteiger, Studierende oder Auszubildende besonders attraktiv sind. Dass der rasante Wachstumstrend der Städte damit fürs Erste gebremst wird, könnte aber auch Vorteile bringen.“

    „Die Verantwortlichen müssten sich über eine Atempause eigentlich freuen, können sie doch den Bau von Schulen und Kitas vorantreiben, ohne dass die Schülerzahlen weiter so rasant wachsen. Und auch für den Wohnungsmarkt ist das eher eine gute Nachricht, da es in den meisten Städten einen sehr großen Nachfrageüberhang nach Wohnraum gibt“, sagt Rink.

    Wohin geht die Reise?

    Wie sich die Bevölkerungszahlen ab 2021 in Deutschlands Großstädten entwickeln werden, lasse sich derzeit schwer vorhersagen, so Rink.

    „Der Wachstumstrend der deutschen Großstädte der 2010er Jahre wird sich nach der Pandemie wahrscheinlich nicht nahtlos fortsetzen, vielmehr ist ein deutlich abgeschwächtes Wachstum zu erwarten“, sagt der UFZ-Stadtsoziologe.

    Entscheidend könnte es sein, ob eine internationale Zuwanderung nach Deutschland wieder in Gang kommt, wie sie Anfang der 2010er Jahre zu beobachten war. Sollte diese eintreten, träfe sie in den Großstädten jedoch auf ein knappes Wohnraumangebot und hohe Immobilienpreise.

    „Die meisten deutschen Großstädte haben einen Leerstand an Wohnungen von weniger als 2 Prozent, der Markt ist nahezu leergefegt“, sagt er. Miet- und Kaufpreise von Immobilien haben im Vergleich zu vor zehn Jahren deutlich zugelegt, Bodenpreise wie etwa in Leipzig haben sich verfünffacht. „Der Wohnungsmarkt ist heutzutage ein ganz anderer als 2010, als es noch reichlich Wohnraum gab“, sagt Rink. Dies erschwere den Zuzug in die Städte.

    Aber an der Stelle trügt der Blick auf die Großstädte, denn bei allen 15 betrachteten Großstädten hat sich die Zuwanderung längst in die Speckgürtel verlagert. Auch in Leipzig. Während gleichzeitig der Saldo zwischen Geburten und Sterbefällen immer größer wird.

    Was im Klartext heißt: Für Familiengründung und stabile Bevölkerungen sind diese zum Spekulationsobjekt gewordenen Großstädte denkbar schlecht geeignet. Das Prädikat familienfreundlich verdienen sie nur bedingt. Die Zuwanderungsbremse durch Corona macht das nur kurzzeitig einmal sichtbar.

    Aber da der Fokus immer wieder nur auf dem „Wachstum“ liegt, sieht man nicht, was für Schäden diese Art Politik dort anrichtet, wo die Landschaften sich entleeren und die Stimmung schon lange gekippt ist. Der oben erwähnte „Boom“ war kein „Boom“ aus eigener Kraft, sondern einer aus Not. Was Spekulanten nicht davon abhält, daraus ihren Profit zu schlagen.

    Publikation: Dieter Rink, Annegret Haase, Tim Leibert, Manuel Wolff: Corona hat das Städtewachstum ausgebremst – Die Einwohnerentwicklung deutscher Großstädte während der Corona-Pandemie. UFZ Discussion Paper.

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