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Eine Studie für Thüringen zeigt, was das Fehlen junger Frauen für Folgen für die Demokratie hat

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    Der Rechtsrutsch bei den Wahlen in Ostdeutschland hat mehrere Ursachen. Eine aber wird fast immer negiert, obwohl sie seit Jahren offen zutage liegt. Seit den Tagen von Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU), der mit seiner Demografie-Karawane durchs Land zog und wenigstens versuchte herauszufinden, was der demografische Erdrutsch im Osten seit 1990 eigentlich für Folgen hat. Und wie man damit umgehen müsste. Seit seinem Rücktritt 2008 verschwand das Thema völlig aus der sächsischen Landespolitik.

    Auch wenn es mittlerweile einen Demogafiemonitor gibt, in den das Landesamt für Statistik die ganzen Daten zur Bevölkerungsentwicklung einspeist. Daten, die beängstigend genug sind, wenn man sieht, wie sich die ländlichen Regionen entvölkern, regelrecht überaltern und die jungen Leute abwandern. Weiterhin abwandern, auch wenn seit gut zehn Jahren die Wanderungsverluste an westdeutsche Regionen endlich vorbei sind. Heute wandern die jungen Leute in die prosperierenden Großstädte. Die ländlichen Regionen aber bluten weiter aus.

    Und wenigstens der Ansatz bei Milbradt stimmte: Was muss ein Land tun, um die negativen Folgen dieser Abwanderung zu puffern?

    Dumm nur, dass sein Nachfolger nicht einmal begriff, welches Erbe er da übernahm. Aber da unterschied sich Stanislaw Tillich (CDU) nicht wirklich von seinen Amtsgenossen in den anderen ostdeutschen Bundesländern.

    Dass dessen Nachfolger Michael Kretschmer (CDU) jetzt so verzweifelt kämpfen musste, um einen Wahlsieg der AfD zu verhindern, hat genau damit zu tun. Mit der blinden Stelle deutscher Politik. Und nicht nur in Deutschland sind Politiker blind für die sozialen und psychologischen Folgen dieser wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche in „abgehängten“ Regionen. Die die neoliberale Wettbewerbsweise zwangsläufig produziert. Wer ganze Regionen und Gemeinden in den permanenten Überbietungswettkampf schickt, produziert Verlierer. In England genauso wie in Frankreich, Italien oder den USA. Der schafft erst jene Abstiegsregionen, in denen Rechtsradikale dann ihre Stimmen einsammeln und linke Parteien verzweifelt nach einer Lösung suchen, wie sie die Menschen wieder begeistern können.

    Aber sie haben veraltete Rezepte. Die sächsische Linkspartei hat es ja heftig zu spüren bekommen.

    Wenn ein ganzer Landstrich 30 Jahre lang seine jungen, gut ausgebildeten Einwohner verliert – mittlerweile ja rund 4 Millionen seit 1989 – dann verändert das die Stimmungslage gerade in den entleerten Regionen drastisch.

    Männeranteil in den sächsischen Regionen. Grafik: Freistaat Sachsen, Demografiemonitor
    Männeranteil in den sächsischen Regionen. Grafik: Freistaat Sachsen, Demografiemonitor

    Das beleuchtet jetzt die Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), die einmal die Lage in Thüringen untersucht hat. Das Ergebnis ist einleuchtend: Abwanderung, Alterung und Frauenschwund stellen eine bislang unterschätzte Gefahr für eine offene Gesellschaft dar.

    Das zeigt Katja Salomo, Gastforscherin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), in ihrer Untersuchung für Thüringen. Vor allem in ländlichen Gebieten Thüringens, wo eine hohe Abwanderung auf eine alternde Bevölkerung trifft, fühlen sich Menschen oft sozial benachteiligt. Das wiederum führt vermehrt zu demokratieskeptischen und fremdenfeindlichen Einstellungen, fasst das WZB die Ergebnisse der Studie zusammen.

    Und natürlich hat das direkte Folgen für die Demokratie.

    In einem Interview für „bento“ fasst es Katja Salomo sehr knackig zusammen: „Ich glaube, man findet so was noch nicht mal im internationalen, historischen Vergleich. Dieses Zusammenspiel von Frauenmangel, hoher Abwanderung und Überalterung. Es gibt in Japan noch stärker überalterte Gebiete, in einigen asiatischen und afrikanischen Gesellschaften einen stärkeren Überhang an Männern im mittleren Alter, in bestimmten arabischen Ländern und auch Südkorea noch weniger Jugendliche. Aber gebündelt und verbunden mit hoher Abwanderung liegen diese ungünstigen Entwicklungen nur im Osten Deutschlands vor. Das ist noch nicht ganz in der öffentlichen Diskussion angekommen und auch gerade erst in der wissenschaftlichen.“

    Und da muss es den Zurückgebliebenen wirtschaftlich gar nicht mal schlecht gehen. Und den meisten, die AfD gewählt haben, geht es auch nicht schlecht. Und trotzdem stecken sie tief in Gefühlen von Benachteiligung und Abgehängtsein. Was einerseits tatsächlich mit real verschwundenen Infrastrukturen zu tun hat – Schulen, Bahnhöfen, Kitas, Arztpraxen, Dorfladen usw., aber eben auch damit, dass sie immer öfter nur unter sich sind, mit ähnlich frustrierten Menschen Umgang haben.

    Bislang wurden intolerante Einstellungen in Ostdeutschland tatsächlich oft mit der wirtschaftlichen Situation und der Höhe der Arbeitslosigkeit erklärt, so das WZB. Die Analyse von Katja Salomo zeigt dagegen für Thüringen: Unterschiede im Ausmaß fremdenfeindlicher und demokratieskeptischer Einstellungen lassen sich in den vergangenen Jahren stärker auf Unterschiede in der demografischen Homogenität zurückführen.

    Die vorgefundenen Daten in Thüringen. Karte: WZB
    Die vorgefundenen Daten in Thüringen. Karte: WZB

    Demografische Homogenität meint das Zusammentreffen ungünstiger Bevölkerungsentwicklungen wie hoher Abwanderungsraten, einer stark alternden Bevölkerung und eines Überhangs von Männern im heiratsfähigen Alter. In Thüringen sind davon vor allem die ländlichen Gebiete betroffen. Hier ist die Überalterung stärker, der Anteil (alleinlebender) Männer höher und die Fremdenfeindlichkeit deutlich stärker.

    Was augenscheinlich mit dem Fehlen von Frauen und damit auch von Kindern zu tun hat. Frauen wirken ausgleichender, bemühen sich stärker als Männer um soziale Netzwerke, stärken also auch das Gefühl von Geborgenheit und Umsorgtsein. Und wenn dann auch noch Kinder da sind, ist auch die soziale Seite der Männer stärker gefragt. Aber abgewandert sind in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die jungen, qualifizierten Frauen. Die Männer blieben zurück. Und die Frage stand all die Jahre immer im Raum: Wo stranden sie, wenn sie keine stabile Familie gründen können?

    Da bot Thüringen sichtlich ein gutes Forschungsfeld.

    In Landkreisen wie Greiz, Saalfeld-Rudolstadt, dem Saale-Orla-Kreis, Sonneberg und Schmalkalden-Meinigen wurden zwischen 2011 und 2014 überdurchschnittlich stark ausgeprägte fremdenfeindliche und chauvinistische Einstellungen (zusammengefasst: ethnozentrische Einstellungen) gemessen. Im selben Zeitraum war die Arbeitslosigkeit in diesen Landkreisen jedoch nur durchschnittlich hoch oder vergleichsweise gering (Sonneberg). Stark ausgeprägt ist dagegen die Alterung in diesen Landkreisen, mit Ausnahme von Sonneberg, ebenso der Männerüberhang.

    Unter den Kreisfreien Städten in Thüringen fällt nur Suhl mit hohen ethnozentrischen Einstellungen auf, während die Arbeitslosenquote mit 7,6 Prozent eher auf durchschnittlichem Niveau liegt. Die Bevölkerung Suhls ist jedoch, untypisch für Städte, stark gealtert – stärker als jene anderer Kreisfreier Städte und Landkreise. Auf eine/n Einwohner/-in unter 15 Jahren kommen rund sechs Einwohner/-innen im Alter von 50 Jahren oder älter. Suhl weist außerdem als einzige Kreisfreie Stadt im Betrachtungszeitraum einen deutlichen Überhang an Männern im heiratsfähigen Alter auf.

    Die Studie legt dar, wie sich eine hohe Abwanderung destabilisierend auf das soziale Geflecht auswirken kann. Fehlen junge Menschen in Regionen mit stark alternder Bevölkerung, brechen auch Freizeitangebote weg. Männer können sich zurückgelassen fühlen, wenn die Suche nach einer Partnerin durch die demografische Situation vor Ort erschwert ist.

    „Mit zunehmender demografischer Homogenität fühlen sich Menschen gegenüber der (städtischen) Mehrheitsgesellschaft benachteiligt und haben Angst, auf die Verliererseite des Lebens zu geraten“, sagt Katja Salomo.

    Für Thüringen und andere ostdeutsche Bundesländer sieht die Forscherin daher einen Teufelskreis. Ohne Zuwanderung, besonders in ländliche Gebiete, lasse sich der Bevölkerungsschwund nicht wenden. „Dazu braucht es Offenheit gegenüber Zugewanderten. Diese wird allerdings immer weniger wahrscheinlich, je homogener die Bevölkerung in Hinblick auf die Alters- und Geschlechterverteilung ist“, sagt Salomo.

    Im „bento“-Interview benennt sie dann noch das enorme Problem für die Politik: „Ich bin keine Politikerin. Aber ich glaube, Demografie ist unerbittlich. Für ökonomischen Wandel kann man Menschen auch einfach Geld in die Hand geben. Es ist viel schwerer, demografische Prozesse einzufangen. Und es ist ein nachgelagerter Effekt: Selbst wenn man Ostdeutschland jetzt sofort zu einem sehr attraktiven Ort für junge Menschen machen würde, dürfte es dauern, den erlittenen Verlust an jungen Menschen auszugleichen.“

    Das heißt eben auch: Der 2008 in Sachsen so abrupt beendete Prozess, für die demografische Entwicklung politische Lösungen zu suchen, fällt eben auch Sachsens Regierung auf die Füße. Gerade in diesen „demografisch homogenen“ Regionen sammelte die AfD ihre Wähler ein, packte sie bei genau dem von Salomo beschriebenen Frust, bot und bietet aber nicht den Ansatz einer Lösung an. Im Gegenteil: Wenn die AfD ihre Arzneien umsetzen würde, würde sich die Lage noch weiter zuspitzen.

    Wir haben aus dem sächsischen Demografiemonitor auch einmal die Karten zum Altersdurchschnitt und Männeranteil in den sächsischen Regionen 2018 beigefügt. Sie decken sich erstaunlich genug mit den überdurchschnittlichen Wahlergebnissen für die AfD.

    ***

    Für die Untersuchung wurden Daten des Thüringen-Monitors ausgewertet, einer seit dem Jahr 2000 jährlich stattfindenden repräsentativen Bevölkerungsbefragung zur politischen Kultur in Thüringen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Erforschung rechtsextremer Einstellungen, der Demokratieakzeptanz, der Demokratiezufriedenheit, des Institutionenvertrauens und der politischen Partizipation der Thüringer Bevölkerung.

    Katja Salomo ist Gastwissenschaftlerin in der Forschungsgruppe der WZB-Präsidentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Jena.

     

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    2 KOMMENTARE

    1. Naja, Olaf, ich kenne wirklich sehr viele junge Frauen, die nach Leipzig ziehen, bspw. um zu studieren oder zu arbeiten. Auch junge Frauen, die nach Jena ziehen, oder nach Berlin. Die kommen sogar aus dem Westen teilweise. Nun, ich kann es verstehen, dass sie nicht aufs Land ziehen. Was wollen die jungen Frauen auch zwischen lauter alten, nörgelnden, ständig jammernden Männern.

      Ist ja auch nicht schlimm, wenn die abgehängten Regionen dann aufgrund ihrer Unattraktivität menschenleer sind. Schau, dann gibt es mehr Platz für die Natur. Die Ruinen der Dorfkirchen kann man dann ja für irgendwelche Vögel und Fledermäuse als Quartiere ausbauen. Im 30jährigen Krieg sind auch viele Dörfer wüst gefallen, die Welt dreht sich immer noch.

    2. „… Für Thüringen und andere ostdeutsche Bundesländer sieht die Forscherin daher einen Teufelskreis. Ohne Zuwanderung, besonders in ländliche Gebiete, lasse sich der Bevölkerungsschwund nicht wenden….“

      Mal abgesehen davon, daß es Zuwanderung rechtlich nicht gibt – diejenigen, die hierher kommen sind in erster Linie junge Frauen? Die dann ganz abstrakt den Frauenmangel ausgleichen? Und auch zu den hiergebliebenen Männern passen? Oder kommen Paare hierher und relativieren somit das Problem alleingebliebener junger Männer?

      Ist es nicht vielmehr so, daß vorwiegend junge Männer hierher kommen?

      Hat da jemand Probleme mit dem wirklichen Leben?

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