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Zeigt die R+V-Panelstudie tatsächlich die Ängste der Deutschen oder nur die Folgen medialer Angstproduktion?

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    Am Donnerstag, 5. September, veröffentlichte die R+V Versicherung die neueste Erhebung zu ihrer Langzeitstudie zu den „Ängsten der Deutschen“. Etliche Medien übernahmen dann auch gleich die frohe Botschaft, dass das Angstniveau seit Jahren nicht so niedrig war. Aber kann das so eine Befragung überhaupt erfassen? Wohl eher nicht. Viel eher merkt man, wie es die Mainstream-Themen der Medien sind, die bei den Deutschen die Angst-Wahrnehmung dirigieren.

    Das Problem ist: Die Befrager gaben die unterschiedlichsten Ängste regelrecht vor. Und es sind alles „Ängste der Zeit“. Sehr gut an der Angst-Hitliste seit 2005 zu sehen, wo sich erst die wirtschaftlichen Ängste mit den Ängsten vor den Folgen der Finanzkrise an der Spitze abwechselten, denen dann Ängste vor dem Terrorismus und vor Trumps Politik folgten. Eigentlich alles eher ein Beleg dafür, wie mediale Berichterstattung über Ängste und Angstmachen funktioniert.

    Augenscheinlich sind die Deutschen regelrecht darauf getrimmt, die Berichterstattung über mögliche Gefahren tatsächlich so ernst zu nehmen, dass sie sich in ganz persönliche Ängste verwandeln.

    Eher erstaunlich: Erst 2019 kam die Angst davor, dass Deutschland mit den Flüchtlingen überfordert sein könnte, an die Spitze.

    Das könnte natürlich bedeuten, dass die These nicht stimmt. Aber es kann auch bedeuten, dass sich Angsträume in unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen aufsplitten, dass eben nicht alle vor denselben Dingen Angst haben und die Ängste der einen politisch eine enorme Rolle spielen, obwohl sie gar nicht von der Mehrheit der Menschen geteilt werden. In vielen Fällen werden es dieselben Menschen sein, die bei ähnlichen Angst-Formeln zustimmen – eben bei „Überforderung des Staates durch Flüchtlinge“ (56 %) und bei „Spannungen durch den Zuzug von Ausländern“ (55 %).

    Angst-Spitzenreiter im Lauf der letzten 15 Jahre. Grafik: R+V
    Angst-Spitzenreiter im Lauf der letzten 15 Jahre. Grafik: R+V

    Wobei die Befragung überhaupt nicht erfasst, wie ängstlich die Deutschen tatsächlich sind. Gibt es nicht auch eine namhafte Gruppe von Menschen, die all diese medial inszenierten Ängste nicht teilen? Die vielleicht auch eher besorgt sind? Denn Angst macht hilflos. Angst animiert nicht wirklich zu klugen Entscheidungen.

    Insofern ist es ja beinah beruhigend, wenn R+V von einem sinkenden Angstpegel erzählt.

    „Die Stimmungslage in Deutschland hat sich verbessert. Durch einen Rückgang bei fast allen Sorgen sinkt der Angstindex – der Durchschnitt aller abgefragten Ängste – von 47 auf 39 Prozent und erreicht damit den niedrigsten Wert seit 1994“, sagt Brigitte Römstedt anlässlich der Pressekonferenz am Donnerstag in Berlin. Die Leiterin des R+V-Infocenters berichtet, dass nach wie vor aber viele Menschen besonders unzufrieden mit der Politik sind. „Seit vier Jahren verdrängen politische Sorgen alle anderen Ängste. Im Fokus stehen dabei die Überforderung der Politiker und drohende soziale Spannungen.“

    Dass die „Ängste“ aber in vielen Fällen gar keine Ängste sind, wird ausgerechnet mit dem Blick auf die Politik deutlicher: Traditionell groß ist auch die Sorge, dass die Politiker von ihren Aufgaben überfordert sind. Sie steht mit 47 Prozent auf Platz vier, liegt aber ebenfalls 14 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert.

    Dazu Professor Dr. Manfred G. Schmidt, Politikwissenschaftler an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und seit vielen Jahren Berater des R+V-Infocenters: „Dass sich das harsche Urteil der Befragten über die Politiker 2019 abgemildert hat, hängt damit zusammen, dass die endlos lange Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2017 abgeschlossen ist. Beruhigend wirkt auch, dass der enervierende Streit in der Großen Koalition um Asylfragen und um das Führungspersonal des Verfassungsschutzes mittlerweile Geschichte ist.“

    Ein deutlicher Hinweis darauf, dass wir es nicht mit echten Ängsten zu tun haben, sondern mit einer medial geschürten Aufmerksamkeit. Wenn Medien berichten, dass es Probleme gibt, rücken diese Probleme in den Fokus der Aufmerksamkeit, wird ja oft regelrecht so berichtet, dass die Leser und Zuschauer gezwungen sind, sich zu positionieren und zu fürchten.

    Angst-Hitliste, Plätze 11 bis 22. Grafik: R+V
    Angst-Hitliste, Plätze 11 bis 22. Grafik: R+V

    Gäbe es nichts zu fürchten, gäbe es auch nichts zu berichten. Also werden Befürchtungen geweckt und emotional übersteuert.

    Dasselbe beim Thema Extremismus, wie es R+V nennt.

    Gewalttätige Ausschreitungen militanter Extremisten führen zu großer Besorgnis in der Bevölkerung. Fast jeder zweite Befragte (47 Prozent, Platz 5) befürchtet, dass sich der politische Extremismus ausbreitet. Doch welches politische Spektrum haben die Deutschen dabei im Hinterkopf?

    „Hier zeigt sich eine bemerkenswerte Reihung“, kommentiert Professor Schmidt. „Am meisten ängstigt die Befragten der als extrem gewaltsam eingestufte islamische Extremismus (38 Prozent). Als erheblich geringer gilt die Bedrohung durch den Rechtsextremismus (25 Prozent). Fast unbekümmert scheinen die Befragten den Linksextremismus zu bewerten (4 Prozent).“

    Stark gesunken ist die Furcht vor terroristischen Attentaten. Diese Angst, die nach den massiven Anschlägen in Europa in den Jahren 2016/2017 auf weit überdurchschnittliche Werte von mehr als 70 Prozent geschossen war, liegt jetzt bei 44 Prozent (Vorjahr: 59 Prozent) und damit auf Platz neun im Ranking. Bei dieser Frage zeigt sich deutlich, dass die Deutschen auf reale Ereignisse reagieren, sagt Römstedt: „Die Langzeitbeobachtung belegt, dass die Angst nach spektakulären Terroranschlägen steigt – insbesondere, wenn sie in Deutschland oder den Nachbarländern passieren. Bleibt es relativ friedlich, wie im vergangenen Jahr, wird auch die Angst geringer.“

    Hohe Mieten lösen Ängste aus

    Da R+V eine ganze Latte von „Ängsten“ abgefragt hat, tauchen viele dieser Ängste erst hinter dem Zehntplatzierten auf, obwohl ebenfalls fast die Hälfte der Befragten hier genickt hat.

    Zum ersten Mal hat das R+V-Infocenter die Deutschen auch nach den Themen knapper Wohnraum und steigende Mieten befragt. Und das Ergebnis zeigt den Stellenwert des Problems. Nahezu jeder zweite Bürger hat große Angst davor, dass Wohnen in Deutschland unbezahlbar wird. Mit 45 Prozent springt diese Angst auf Anhieb auf Platz sechs im Ranking.

    Umweltthemen sind Dauerbrenner bei den Sorgen

    Der hohe Stellenwert „grüner“ Themen spiegelt sich auch in der 2019er-Studie „Die Ängste der Deutschen“ wider. „Umwelt- und klimapolitische Themen wühlen die deutsche Bevölkerung seit Jahr und Tag auf – schon lange vor dem Aufstieg der Fridays for Future-Protestbewegung“, erklärt Professor Schmidt. „Mitunter haben diese Themen mehr als die Hälfte der Bevölkerung mobilisiert. Aber selbst die niedrigsten Werte liegen oberhalb der 40-Prozent-Schwelle.“

    2019 haben 41 Prozent der Befragten Angst davor, dass der Klimawandel dramatische Folgen für die Menschheit hat. Ebenso viele Deutsche befürchten, dass Naturkatastrophen zunehmen und Deutschland immer häufiger von Wetterextremen wie Dürre, Hitzewellen oder Starkregen betroffen wird. Hierzu Professor Schmidt: „Die Erhebungen der Ängste-Studien zeigen, dass die Deutschen Themen rund um Natur und Umwelt sehr ernst nehmen. Mehr noch: Gefährdungen der natürlichen Umwelt werten viele Deutsche als rational und emotional bedrohliche Herausforderungen – nicht nur als technische Probleme, deren Lösung den Politikern und den Spezialisten obliegt.“

    Die Schere zwischen Ost und West klafft wieder auseinander

    Die gute Nachricht: In Ost und West sind die Ängste rückläufig. Da sie im Westen jedoch erheblich stärker gesunken sind, gibt es in diesem Jahr wieder deutliche Unterschiede zwischen den beiden Regionen. Im Osten sind alle Ängste größer – auch bei den Top-Themen. 64 Prozent der Bürger im Osten befürchten, dass der Staat und die Bürger durch die große Zahl der Flüchtlinge überfordert sind. Im Westen sind es zehn Prozentpunkte weniger. Fast zwei Drittel (64 Prozent) der Ostdeutschen hat Angst davor, dass es durch den weiteren Zuzug von Ausländern zu Spannungen zwischen Deutschen und hier lebenden Ausländern kommt (West: 53 Prozent).

    Und noch eine dritte Sorge erreicht im Osten die 60-Prozent-Marke: 60 Prozent der Ostdeutschen finden die Politik von Donald Trump bedrohlich. Im Westen sind es 54 Prozent, was ganz knapp Platz eins auf der westdeutschen Ängste-Skala ist. Auch wirtschaftliche Themen flößen den Ostdeutschen mehr Angst ein. Den größten Unterschied gibt es bei der Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten: Im Osten hat die Mehrheit der Bürger (55 Prozent) Angst davor, dass alles immer teurer wird. Diese Sorge teilen im Westen 41 Prozent der Befragten.

    Erstaunlich ist bei all diesen Angst-Bildern, dass die wirklichen Lebensängste deutlich niedrigere Werte bekommen. Vor schweren Erkrankungen fürchten sich 35 Prozent der Befragten, vor der eigenen Arbeitslosigkeit 24 Prozent, vor Straftaten 23 Prozent und vor dem Zerbrechen der Partnerschaft nur noch 18 Prozent. Und das, obwohl diese Dinge viel einschneidender sind fürs eigene Leben als all die politischen Dramen.

    Was fürchten die Ostdeutschen wirklich?

    Gerade bei diesen seltsamen Ängste, die bei den Ostdeutschen abgefragt wurden, hat man das seltsame Gefühl: Sind diese Leute überhaupt bei sich? Sie fürchten sich vor lauter Dingen, die sie so gut wie gar nicht betreffen. Als wenn sie ihre eigentlichen Ängste verstecken hinter einem Ängste-Schaubild, das mit ihnen so gar nichts zu tun hat. Oder fürchtet man sich tatsächlich vor Dingen, die man gar nicht greifen kann, mehr als vor den realen Gefahren, die einen tatsächlich betreffen? Verstecken sich die realen Ängste hinter den aufgebauschten Medien-Ängsten? Man denke nur an den tatsächlichen Verlust der Kinder, die reale Einsamkeit im Alter, selbst erfahrene Arbeitslosigkeit oder die Angst, dass die Heimatregion zum Geisterland wird.

    Das lasse ich als Frage einfach stehen – mit der starken Vermutung, dass das Angst-Tableau von R+V etwas anderes zeigt als die realen Ängste der Deutschen.

    Vielleicht sollte man es die medialen Angstbilder der Deutschen nennen, auch wenn einige der benannten Ängste (etwa die vor den Folgen des Klimawandels) mehr als begründet sind. Aber wenn man seine Angst-Arbeit auf die falschen Ängste verpulvert, bleibt für die begründeten Ängste natürlich keine Kraft mehr.

    Manchmal hat man da im Zirkus der Medienmeldungen so seine schlichten Vermutungen. Und wenn man sieht, wie einige Medien mit Ängsten regelrecht spielen, sind es auch keine Vermutungen mehr.

     

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