Felix Ekardt: Ein so zweifelhaftes System wie die DDR verlangt nach Aufarbeitung

Die DDR war kein zweiter Westen ohne Mallorca und Bananen, sagt der Leipziger Nachhaltigkeitsforscher und grüne OBM-Kandidat Felix Ekardt. Deshalb fordert er eine "längst überfällige, angemessene gesellschaftliche Auseinandersetzung über die DDR". Zum Freiheits- und Einheitsdenkmal habe er keine abschließende Meinung, so Ekardt im L-IZ-Interview.
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Herr Ekardt, Sie fordern eine „längst überfällige, angemessene gesellschaftliche Auseinandersetzung über die DDR“ ein. Was wäre denn für Sie angemessen?

Rund die Hälfte aller Schüler in Ostdeutschland wissen angeblich nicht, dass es in der DDR keine freien Wahlen gab. Dabei war die DDR nicht nur undemokratisch. Sie war auch repressiv, hat Menschen deformiert und zahllose Leben zerstört durch ein System von Druck, Angst und Überwachung.

Die DDR war nicht, wie heute mancher zu denken scheint, eine Art zweiter Westen ohne Mallorca und Bananen. Der gesamte Ansatz des SED-Regimes war tendenziell das Gegenteil von Selbstachtung, selbstbestimmtem Leben und freiem Reden und Denken – höhere Instanzen sollten für mich als kleinen Untertanen entscheiden, was gut für mich ist.

Woran machen Sie das fest?

Die gesellschaftspolitische Grundvorstellung, durch mehr oder weniger offen totalitäre Mittel einen von einer Obrigkeit erdachten neuen Menschen erziehen zu wollen, liegt letztlich auf einer Ebene mit äußerst zweifelhaften Vorbildern wie Stalin, Mao oder Pol Pot, obwohl auch das SED-Regime zum Glück nicht ansatzweise deren drastische Methoden einsetzen konnte oder wollte.

Ein so zweifelhaftes System verlangt nach Aufarbeitung statt nach bleiernem Totschweigen, zumal heute auch einige, die mehr über die DDR wissen, sie wegen vermeintlicher sozialer Errungenschaften verteidigen. Die meisten davon waren freilich auf Pump finanziert und ließen den Staat am Ende zusammenbrechen.

Eine solche Auseinandersetzung solle nach Ihren Worten eine „über die vergleichsweise oberflächlich bleibenden Lichtfeste hinausgehende Debatte“ sein. Was stört Sie denn an der öffentlichen Erinnerungskultur in Leipzig rund um den 9. Oktober?

Mir gefällt diese Erinnerungskultur sehr gut, doch neben ihr existiert in einigen Köpfen eine Art von Ostalgie, die jede konkrete Debatte über die DDR-Geschichte vermeidet. Eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung, die auch Diskussionen zwischen Kindern und Eltern über deren Rolle in jener Zeit einschließen müsste, also das, was „1968“ für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur gewesen ist, steht bezogen auf die DDR noch aus.

Bei uns war familiär die DDR immer ein sehr kontroverses Thema. Mein Vater und mein Onkel sind abgehauen, sie durften wegen ihrer intensiven kirchlichen Bindung nicht studieren. Meine Tante ist da geblieben und hat eine nicht unerhebliche Rolle in der DDR gespielt und in Leipzig die Academixer mit aufgebaut. Zeitweise war sie sogar mit dem SED-Kulturminister der DDR verheiratet.Zu diesem Themenkomplex gehört das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal und die Debatte darum. Für Ihren Parteifreund Ansgar Maria König ist es ein Denkmal, das auch den Untergang des Parteiprojekts der heutigen Linken darstellt. Was bedeutet das Denkmal für Sie?

Ich habe zum Denkmal keine abschließende Meinung. Dass mir an der Linkspartei eine Tendenz zu Ostalgie und Populismus – also zu rechtlich oder finanziell irrealen und die nötigen Abwägungen zwischen unterschiedlichen Zielen ausblendenden Konzepten – nicht gefällt, bleibt davon unberührt.

Ihren Beitrag zu einer solchen Diskussion starteten Sie unlängst mit einer Diskussion zur Rolle der Kirchen in der DDR. Was ist für Sie die Essenz dieses Abends?

Ich habe am besagten Abend in einer Leipziger Kirchgemeinde als Moderator mit Vertretern der seinerzeitigen Bürgerbewegung diskutiert. Beispielsweise Pfarrer Christoph Wonneberger, der – mehr noch als Christian Führer – das Gesicht der Friedensgebete in der Nikolaikirche geprägt hat. Meine persönliche Essenz des Abends erwähnte ich schon auf Ihre erste Frage hin.

Welche Rolle können denn Kirchen und Religionsgemeinschaften in unserer heutigen Gesellschaft spielen?

Ich komme selbst aus einer protestantischen Familie. Meine Oma war Pastorin in Weimar, und 2013 mache ich auf dem evangelischen Kirchentag in Hamburg eine Bibelarbeit. Dennoch: In der liberalen Demokratie kann – anders als in der DDR – den Kirchen nicht autoritativ eine bestimmte Rolle zugewiesen oder abgesprochen werden. Ebenso können die Kirchen nicht umgekehrt die Politik bestimmen oder eine Leitkultur verbindlich festlegen – eine solche ist in der liberalen Demokratie nämlich nicht vorgesehen.

Die Kirchen sind aber ein wichtiger Ort für konkretes soziales Engagement und gesellschaftliche Diskurse, wie etwa auch Gewerkschaften oder Umweltverbände. Und die Kirchen sind ein Ort, über das nachzudenken, worin der Mensch seinen Anker, seinen Sinn hat. Das ist ja der Wortsinn von Religion, und dieser Anker scheint mir heute vielen zu fehlen. Egal ob er nun klassisch religiös oder eher weltlich ausgelebt wird. Statussymbole oder immer ausgefallenere Fernreisen werden nach meiner Vermutung einen solchen Anker wohl nicht auf Dauer ersetzen können.

Vielen Dank für das Gespräch.


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