Welche Dimension der Platz hat, der da mit dem Wettbewerb zum Freiheits- und Einheitsdenkmal gestaltet werden soll, das haben die Zweitplatzierten aus dem Wettbewerb, realities:united, Studio for Art and Architecture, aus Berlin in ihren Erläuterungen zum überarbeiteten Entwurf einmal beziffert: "Der flächige Umfang der Denkmalanlage wurde gegenüber dem Ursprungsentwurf von 3.350 m² auf 16.897 m² etwa verfünffacht(!)."

Das Ausrufezeichen ist von den Künstlern selbst gesetzt. “Der Zuwachs entsteht wesentlich aus der Integration des östlichen und südlichen Platzrandes in die Denkmalanlage. Wir folgen dem vielfach vorgebrachten Wunsch und ergänzen das Konzept um einen differenzierten Gürtel mit Grünanlagen mit sehr unterschiedlichen Aufenthaltsqualitäten. Ein weiterer Flächenzuwachs ist einem zusätzlichen großen Vorplatz für die ‘innere’ Denkmalzone geschuldet, der am südlichen Platzrand eingefügt wurde.”

Da hat also eine Stadtverwaltung richtig Druck gemacht, die Platzfläche zu vergrößern. Ursprünglich war der Entwurf der Berliner der Hingucker an der nordwestlichen Ecke des Platzes. Er nahm in der ersten Wettbewerbsphase auch nur einen Teil des ursprünglichen Königsplatzes ein, der übrigens denselben Ursprung hat wie der Augustusplatz: Vor den beiden Stadttoren wollte man – nach den Erfahrungen des 30jährigen Krieges – dauerhaft Schussfreiheit für die Verteidiger der befestigten Toranlagen schaffen. Deswegen führte der Platz auch lange die Bezeichnung Glacis, bevor ihn 1778 Johann Friedrich Dauthe zur Esplanade umgestaltete.Was natürlich kein Hinderungsgrund ist, heute und hier ein Freiheitsdenkmal hinzubauen. Das die Leipziger natürlich nicht bekommen werden. Ein künstlerischer Denkmalswettbewerb war nicht gewollt. Also wird es eine künstlerische Platzgestaltung mit Botschaft. Und während die beiden anderen Preisträger sich auf den Leipziger Herbst ’89 fokussierten, haben die Berliner Künstler mit ihrem Entwurf “Eine Stiftung an die Zukunft” deutlich gemacht, dass eine Friedliche Revolution wie die von 1989 für die, die dabei waren, etwas Einzigartiges war – sich aber, wenn man den Blick weitet, in eine Reihe von Revolutionen und Umbrüchen einreiht. Sie ist Teil einer langen Reihe.

Und nur mal für Leipzig zu benennen: Hier gehören die Jahreszahlen 1848, 1918, 1953 und 1968 mit hinein. Hier gehören aber auch die Nachbarrevolutionen in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei mit hinein. Und all die anderen Revolutionen und Revolutionsversuche in Europa und dem Nahen Osten. Deswegen haben die Künstler ihre geometrischen Stern-Elemente auch als austauschbar definiert. Künftige eindrucksvolle Ereignisse von revoltierenden Völkern könnten hier einfach ausgetauscht werden. Aber unüberhörbar herrschte im jetzigen Bewertungsgremium auch eine gewisse Angst vor beweglichen Elementen.Das bekam der erste Preisträger genauso zu spüren wie der zweite. Denn mittlerweile haben sich auch städtische Ämter darüber Gedanken gemacht, wie man ein solches Denkmal pflegt, hegt und vor allem vor Vandalismus schützt.

Aber unübersehbar hat realities:united in der Überarbeitung den Forum-Charakter verstärkt. Um den eigentlichen Versammlungsplatz mit seinen farbigen Ringsegmenten, die auch die Vielzahl revolutionärer Ereignisse im Jahr 1989 andeuten, haben sie den Platz um konzentrische Ringe optisch erweitert, auf denen dann etliche Bänke stehen, die wiederum beschriftet sind.

“Hier erscheinen Forderungen aus dem erweiterten Kontext der 1989 Proteste, wie z.B. aus den Pleiße-Gedenk-Märschen 1988, der Leipziger Beatdemo 1965, dem Aufstand des 17. Juni 1953 und auch weiter zurückliegenden historischen Protestereignissen. Auswahl und Umfang sind zu diskutieren”, schreiben die Künstler, die diese konzentrischen Ringe auf der Ostseite durch große Wiesen-Segmente ablösen lassen. Und wie die ersten wartenden Gäste einer angekündigten Veranstaltung stehen in diesen symbolischen Zuschauerreihen etliche Bäume.
Verstärkt haben die Berliner Künstler ihre Botschaft durch zwei verspiegelte Mauern, die von Süden her direkt auf den zentralen Platz zulaufen – also auch wieder Doppeltes sichtbar machen: die Vereinigung des Weges auf die geschichtlichen Ereignisse zu – und die irritierende Vervielfachung der Akteure, die sich zwischen den Spiegelmauern befinden. Die Anklänge an Bernd Gengelbachs Entwurf “Wir sind das Volk” sind sichtbar, hier aber noch einmal verdoppelt. Man findet sich im geschichtlichen Handeln auch immer mit sich selbst konfrontiert.

Und auch sie haben den Glaswürfel des südlichen Tunnel-Stationszugangs integriert. Er steht mitten auf den konzentrischen Kreisen, schaut um die Ecke, als wolle er irgendwie dazu gehören. Dafür sorgt die etwas dichtere Bewaldung auf der Ostseite dafür, dass der Bowling-Treff sich als Platzdominante aufdrängt.

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Die Gestaltung von realities:united verstärkt durch die kreisförmige Anordnung die Wirkung der Weitläufigkeit. Irgendwie fühlt man sich sogar ein bisschen an den Mauerpark in Berlin erinnert – nur dass es hier zwei verspiegelte Mauern sind, die regelrecht ein ganzes Segment aus dem Platz schneiden. Auch realities:united hat – wohl wegen der Einsehbarkeit des zentralen Kunstwerkes – den Platz zur stark befahrenen Kreuzung Martin-Luther-Ring/ Peterssteinweg / Rossplatz geöffnet. Es dürfte also nicht gerade ruhig zugehen an dieser Stelle.

Die weiterentwickelten Entwürfe werden vom 4. bis 17. Juli in der Unteren Wandelhalle des Neuen Rathauses Leipzig öffentlich ausgestellt. Des Weiteren können die aktuellen Entwürfe auf der Internetseite der Stadt Leipzig ab 4. Juli unter www.leipzig.de/denkmal eingesehen werden.

Der Erläuterungstext zu “Eine Stiftung für die Zukunft” als PDF zum download.

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