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Der Sowjetische Pavillon wird ganz bestimmt nicht das neue Technische Rathaus

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    Die fröhliche „Bild“-Zeitung hat ja gleich eine fette Schlagzeile „Russen-Pavillon wird Rathaus“ draus gemacht und damit auch wieder die Ratsfraktionen erschreckt. Die Verwaltungsvorlage dazu liest sich ein bisschen anders. Denn die einstige sowjetische Ausstellungshalle 12 auf der Alten Messe wird für alles Mögliche gebraucht. Und zum neuen Technischen Rathaus wird sie wohl eher nicht.

    Tatsächlich hat das Planungsdezernat jetzt erst einmal eine dicke Vorlage für den Stadtrat geschrieben, in der sie das Zwischenergebnis der Suche nach einem möglichen neuen Standort für das Technische Rathaus vorlegt. Augenblicklich ist es ja bekanntlich in der Prager Straße 118-136 untergebracht. Aber dort ist es nur zur Miete. Und perspektivisch reicht der dort verfügbare Platz sowieso nicht aus. Etliche Ämter platzen schon aus den Nähten oder ihre Mietverträge an anderen Standorten laufen aus und die Stadt muss recht bald eine neue, belastbare Lösung zur Unterbringung von über 2.000 Verwaltungsmitarbeitern finden.

    Dazu hat der Stadtrat die Verwaltung aufgefordert, mehrere Standorte auf eine mögliche Nutzung hin zu untersuchen. Im Grunde sind am Ende vier Standorte übrig geblieben, von denen keiner allein den notwendigen Platzbedarf für die unterzubringenden 2.000 Arbeitsplätze bietet.

    Dass jetzt die Messehalle 12 kurzfristig in der Vorlage auftaucht, hat damit zu tun, dass das bislang in der Naumburger Straße 26-26b untergebrachte Amt für Jugend, Familie und Bildung den größten Handlungsdruck hat und als nächstes Ersatzflächen braucht. Die wären in der Messehalle 12 verfügbar, deren östlicher Kopfteil ja derzeit gerade als neues Stadtarchiv für Leipzig hergerichtet wird. Im daran anschließenden Hallenteil sollen neue Museumsdepots entstehen.

    „Neben der Unterbringung von Arbeitsplätzen der Verwaltung und den Flächen für das Stadtarchiv sind mit dem Neubau am Standort Halle 12 dringend benötigte Depotflächen für die städtischen Museen herzustellen. Seitens der Kultureinrichtungen wird ein Bedarf von 6.000 m², mittel- bis langfristig sogar von bis zu 10.000 m² gesehen. Ziel ist es, diese Depotflächen in geeigneter Weise in der Halle 12 umzusetzen“, heißt es in der Vorlage.

    Der dann immer noch riesige verbleibende Hallenkörper könnte dann einen Teil der benötigten Verwaltungsbüros aufnehmen, wenn hier ordentlich investiert und umgebaut wird. Der Vorteil für die Stadt: Über die stadteigene Verwaltungsgesellschaft LEVG hätte Leipzig direkten Zugriff.

    Wobei zu beachten ist, dass dieser Hallenteil eigentlich zur Erweiterung des Clusters „Biosciences“ vorgesehen ist. Wer sich im Nordteil des Alten Messegeländes umschaut, sieht, wie dieses Cluster mit Fraunhofer-Institut und Bio-City schon seit Jahren wächst. Eine richtige Wachstumsbranche, die man in Leipzig meist übersieht, wenn über Wirtschaft geredet wird.

    Aber wie gesagt: In Halle 12 könnte die Stadt relativ kurzfristig auch Büroraum fürs Jugendamt schaffen. Rund 450 Arbeitsplätze im Maximum. Ein Teilumzug wäre sogar schon Anfang 2019 möglich. 100 Arbeitsplätze könnten hier kurzfristig entstehen.

    „Vor dem Hintergrund des auslaufenden Mietvertrages im Objekt Naumburger Straße 26 und der im vorangegangenen Kapitel beschriebenen positiven Effekte bei der Gesamtentwicklung der Halle 12 ist die Zusammenführung und Unterbringung des AfJFB im Objekt Halle 12 von besonderer Dringlichkeit und Bedeutung“, heißt es in der Vorlage.

    Es ist noch keine Entscheidung dafür, hier ein „Rathaus“ unterzubringen.

    Parallel soll der Stadtrat über drei Vorzugsvarianten beraten, welche neuen Verwaltungsstandorte tatsächlich entwickelt, gebaut bzw. umgebaut werden. Frühestens im Herbst 2019 wird es darüber eine endgültige Entscheidung geben.

    Die Sache ist knifflig genug. Die SPD-Fraktion hatte ja schon mit einem Pressetermin wirksam für den Standort Wilhelm-Leuschner-Platz geworben. Aber augenscheinlich müsste das ein ziemlich mächtiger Bau werden, wenn alle benötigten Arbeitsplätze hier an einem Punkt untergebracht werden sollen.

    Deswegen enthalten die drei Vorschläge des Baudezernats jeweils zwei oder gar drei Standorte, die dann jeweils einen Teil der geplanten Arbeitsplätze aufnehmen.

    Vorschlag Nr. 1:

    Verwaltungsunterbringung an den Standorten Messehalle 12 (dem Sowjet-Pavillon, wo man etwa 475 Arbeitsplätze unterbringen könnte), Große Fleischergasse (das ist die alte Stasi-Zentrale. Der Bau aus den 1970er Jahren ist marode, hier müsste völlig neu gebaut werden, mögliche Arbeitsplätze: 775) und Wilhelm-Leuschner-Platz (750 Arbeitsplätze).

    Vorschlag Nr. 2:

    Verwaltungsunterbringung an den Standorten Messehalle 12 (ca. 450 Arbeitsplätze), Messehalle 7 (ca. 800 Arbeitsplätze) und Wilhelm-Leuschner-Platz (ca. 750 Arbeitsplätze)

    Vorschlag Nr.3:

    Verwaltungsunterbringung an den Standorten Messehalle 12 (ca. 450 Arbeitsplätze) und Messehalle 7 (ca. 1.550 Arbeitsplätze)

    Man sieht: In Variante 3 würde man den kompletten Bedarf auf die Alte Messe verlagern, aber das Problem des jetzigen Technischen Rathauses verfestigen: Es liegt nicht zentral genug, gerade für die Ämter, die auch mit starkem Besucherverkehr zu tun haben.

    Wenn der Stadtrat ein besucherfreundliches technisches Rathaus haben möchte, kommt man an einem Neubau auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz und/oder anstelle des alten Stasibaus am Matthäikirchhof nicht herum.

    Und mit der Messehalle 7 taucht ein neues Problem am Horizont auf. Wenn hier 1.550 neue Verwaltungsarbeitsplätze entstehen sollen, bedeutet das das Ende für die „Soccerworld“.

    Ein Thema, das jetzt Michael Schmidt, sport- und familienpolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, anspricht: „Die Überlegung, die Messehalle 7 künftig für die Verwaltungsunterbringung zu nutzen, hätte beileibe nicht ausschließlich Vorteile, wie die Verwaltungsspitze in ihrer Abwägung suggeriert. Die Halle wird seit Jahren als Fußballhalle, die sogenannte Soccerworld, genutzt und erfreut sich sehr breiter Beliebtheit. Sie ist damit nicht nur ein wichtiges Freizeitangebot in unserer Stadt, sondern bietet auch etlichen Leipziger Fußballvereinen Möglichkeiten des Trainings gerade in den kalten Wintermonaten.“

    Denn da taucht das Problem auf, das Leipzig so noch nicht kennt: Da immer mehr alte Industriehallen neu genutzt werden, gehen auch die Freiräume für solche Freizeitnutzungen wie Hallenfußball verloren.

    Schmidt: „Bereits die ehemalige LE-Kickerhall in Plagwitz musste schließen, weil der Freistaat aus der Fußballhalle eine kurzfristige Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge machte. Die Soccerworld in der Halle 7 ist seitdem das einzige Angebot seiner Art in Leipzig. Bei aller Not für die künftige Verwaltungsunterbringung dürfen wir ein solches Freizeit- und Sportangebot nicht einfach ersatzlos streichen und so tun, als würden daraus nur Vorteile erwachsen, sondern sollten andere Varianten in Betracht ziehen bzw. eine neue Standortsuche beginnen, statt schlechte Varianten gegeneinander abzuwägen.“

    Da muss sich der Stadtrat jetzt also den Kopf zerbrechen, welche der drei Varianten für die Stadt die beste, bezahlbare und sinnvollste ist.

    Spät dran ist man schon lange. Die Vorlage hätte es schon vor einem Jahr geben sollen.

    Das Konzept für die Standortentscheidung.

    Der Stadtrat tagte: Ein guter Deal oder „eine Erpressung“ am Leuschnerplatz? + Video & Audio

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