Es war die Freibeuter-Fraktion, die vor der jüngsten Stadtratssitzung per Anfrage ihre Besorgnis äußerte, die fremdenfeindlichen Umtriebe in Sachsen könnten auch den Wirtschaftsstandort Leipzig schädigen. Gab es möglicherweise schon die ersten Absagen von Unternehmen an den Standort Leipzig? Das Wirtschaftsdezernat hat jetzt geantwortet – und teilt die Besorgnis.

Auch wenn die Aussage erst einmal beruhigt: „Der Stadt Leipzig, der Industrie- und Handelskammer (IHK), der Handwerkskammer (HWK) und der Invest Region Leipzig (IRL) sind keine Fälle von Rück- oder Wegzügen von Unternehmen aus politischen und/oder gesellschaftlichen Gründen bekannt.“

Aber so schnell packt man ja als Unternehmer seine Koffer nicht. Da fragt man lieber die Leute, mit denen man für gewöhnlich zu tun hat. Denn wenn Neonazis in Chemnitz aggressiv auftreten und „besorgte Bürger“ in Dresden die Kanzlerin beschimpfen, können das durchaus Auswüchse der Zeit sein, die von einer konsequenten Politik behoben werden können. Aber ist die sächsische Politik konsequent?

Die Frage wirkt nicht wirklich beruhigend.

Und auch die regionale Wirtschaftsförderung, die Invest Region Leipzig (IRL) beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit der Frage, bestätigt das Wirtschaftsdezernat: „Die IRL steht in dieser wichtigen Frage im engen Austausch mit der Wirtschaftsförderung Sachsen und anderen Wirtschaftsförderungs-Institutionen. Das gemeinsame Ziel ist es, die Diskussion im In- und Ausland zu versachlichen bzw. auf eine faktenbasierte wirtschaftliche Ebene zu stellen.

Dabei liegt der Fokus darauf, gemeinsame strategische Ansätze für die Vermarktung des Wirtschaftsstandortes Sachsen und einen Gegenpol zur teils sehr negativen Berichterstattung in den nationalen und internationalen Medien zu entwickeln. Um Ableitungen für die vertriebsunterstützenden Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen zu treffen und daraus entsprechende Botschaften für den Wirtschaftsstandort Leipzig abzuleiten, findet eine regelmäßige Marktbeobachtung in Bezug auf die jeweils kommunizierten Inhalte statt.“

Das ist Klartext: Die Sorge ist berechtigterweise groß und die Wirtschaftsförderer haben alle Hände voll zu tun, den negativen Eindruck, den die rechtsradikalen Krachmacher in Sachsen erzeugen, bei den Investoren und Unternehmern wieder einigermaßen geradezubiegen.

Und das trifft auch auf die Stadt Leipzig selbst zu. In der Verwaltung weiß man genau, wie wichtig das weltoffene Klima der Stadt für den seit einigen Jahren spürbaren Wirtschaftsaufschwung ist.

Das Wirtschaftsdezernat dazu: „Die Stadtverwaltung selbst wird – ähnlich wie nach den Vorkommnissen 2015 in Dresden – zurückhaltend sachlich reagieren und über ihr bereits bestehendes Engagement für ein weltoffenes Leipzig u. a. der Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention die Diskussion positiv unterstützen.“

Und dann war da noch die besorgte Frage der Freibeuter: „Welcher Schaden lässt sich für den Wirtschaftsstandort Leipzig in Bezug auf solche Problematiken beziffern bzw. beschreiben?“

„Derzeit sind keine konkreten Auswirkungen für den Wirtschaftsstandort Leipzig in Bezug auf solche Problematiken bekannt. Mögliche Schäden sind deshalb kaum zu beziffern. Unstrittig ist jedoch, dass Vorkommnisse wie die in Chemnitz nachteilig für den Wirtschaftsstandort Sachsen und damit auch für den Standort Leipzig sein können“, bestätigt das Wirtschafsdezernat.

„Tatsache ist, dass aufgrund des demografischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels Unternehmen in Sachsen und Leipzig zukünftig bei der Suche nach Arbeitskräften verstärkt auf Zuwanderung angewiesen sein werden. Nur ein weltoffenes Klima kann diesen Prozess erleichtern und unterstützen.“

Was ja im Klartext heißt: Die fremdenfeindlichen Attacken der rechtsradikalen Parteien schädigen direkt die sächsische Wirtschaft. Im Wirtschaftsverständnis dieser Parteien kommen Globalisierung und Internationalisierung sichtlich nicht vor. Und auch nicht die wichtige Rolle von Weltoffenheit im direkten Wettbewerb moderner Wirtschaftstandorte. Das Rennen machen nicht die Regionen, die sich abmauern und wegducken. Dazu braucht moderner Wettbewerb viel zu viele kluge Köpfe, hochrangige Forschung und echten internationalen Austausch. Noch funktioniert das in Leipzig.

Aber das Aber aus dem Wirtschaftsdezernat ist unüberlesbar: „Leider berichten einzelne, international ausgerichtete Unternehmen, dass die Entwicklungen von Geschäftspartnern in Gesprächen thematisiert werden. Einem möglichen Imageschaden gilt es deshalb frühzeitig mit allen geeigneten Mitteln zu begegnen.“

Das klappt tatsächlich nur, indem man den Lautstarken aus der rechten Provinz das Stopp-Schild zeigt. Wenn sie anfangen, eine ganze Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen, beginnen sie auch die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes anzugreifen.

Wer Rechtsradikale nicht stoppt, zerstört die Zukunftsfähigkeit des eigenen Landes

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So ist das eben, wenn die “Heimat” an der Dorfgrenze endet, wenn die Scheuklappen nichtmal mehr Tunnelblick zulassen, sondern nur noch den Blick durch den Strohhalm freigeben.

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