Eine schräge Petition, eine Vorentscheidung und die Frage: Macht's das Kuratorium besser?

Wer war denn nun eigentlich verantwortlich für den Themenzirkus beim Leipziger Lichtfest?

Für alle LeserDer Kampf um das Lichtfest und seine Deutung geht munter weiter. Gerade hat ja der Stadtrat das Kuratorium gewählt, das künftig über den Kurs des Lichtfests wachen soll. Aber irgendwie scheint das auch wieder mit einigem Holterdipolter passiert zu sein. Nun bezeichnet die Verwaltung auch eine Petition als erledigt, die auch nach dem Lichtfest 2018 die dortige Schwerpunktsetzung massiv angriff. 100 Jahre Frauenwahlrecht fand der Petent als Thema ziemlich lächerlich.

Auf die Umsetzung des Themas am 9. Oktober ging er übrigens überhaupt nicht ein. Er packte seine Petition nur mit lauter historischen Verweisen voll, die zum einen die Belanglosigkeit der Erklärung des Frauenwahlrechts im Herbst 1918 belegen sollten, andererseits Frauen auch eher nicht so kluges Wahlverhalten attestierte. Dabei ging er sogar ausführlich darauf ein, dass das Wahlrecht für die Frauen noch lange keine rechtliche Gleichstellung bedeutete. Darum mussten die Frauen noch lange kämpfen.

Eigentlich alles Argumente, diese 100 Jahre gerade zu feiern und daran zu erinnern, dass Frauen noch lange nicht gleichberechtigt sind. Aber irgendwie schafft der Petent die Volte und meint, das Leipziger Lichtfest sei von „feministischen Ideologinnen gekapert“ worden. Und deshalb solle der LTM „die Themensetzung für das Lichtfest in Erinnerung an den Herbst 1989 künftig“ entzogen werden.

Womit er sich ja in den via LVZ entfachten Streit einklinkte, wer denn nun eigentlich für den Inhalt des Lichtfestes verantwortlich sei. Die LVZ hatte ja schon vor dem Lichtfest gefordert, Jürgen Meier, dem künstlerischen Leiter des Lichtfestes, sollte die Verantwortung entzogen werden. Eine Forderung, auf die OBM Burkhard Jung ja fast postwendend einging und erklärte, künftig wolle man die künstlerische Leitung des Lichtfestes ausschreiben.

Was schon mal ein paar schöne Konflikte geben dürfte. Das ist jetzt schon abzusehen, wenn man die Vehemenz der Leipziger CDU sieht, die Deutung über das Lichtfest an sich zu reißen. Rücktrittsforderungen gegenüber Meier kamen nur aus der CDU.

Und Jürgen Meier hat wohl recht, wenn er sagt, dass niemand in Leipzig den Mumm hatte, mit ihm über seine künstlerische Umsetzung zu diskutieren. Denn umgesetzt habe er ja nur, was die Initiativgruppe Herbst ’89 als inhaltliches Motto für 2018 beschlossen hatte. Und dort befand man mehrheitlich, dass 2018 100 Jahre Frauenwahlrecht das Thema sein sollten – was übrigens allein schon mit der Einladung Eva Meitners und ihres Freien Orchesters Leipzig, das aus lauter Frauen besteht, brillant umgesetzt wurde.

Die Umsetzung in Videosequenzen war weniger glücklich. Das stimmt. Aber es war eindeutig mehr zu sehen als das tanzende Ehepaar Honecker, worauf sich die Kritiker dann in der Regel einschossen.

In gewisser Weise hatte die Initiativgruppe auch wieder eine fast unlösbare Aufgabe gestellt mit ihrer Formel „Hundert Jahre Frauenwahlrecht, hundert Jahre Weimarer Verfassung, Perspektivwechsel, Teilhabe, Motto: Ich.Die.Wir.“

Das sind eigentlich vier Themen in einem. So zerflattert natürlich Aufmerksamkeit, gibt es ein Potpourri von Erwartungen, die nicht erfüllt werden können.

Für 2019 wird, wie es aussieht, erstmals die künstlerische Leitung des Lichtfestes ausgeschrieben. Offiziell ist das noch nicht. Der OBM hat es nur mal so gesagt zur LVZ. Vielleicht will er das in der ersten Sitzung mit dem Kuratorium besprechen. Das sich sicher freuen wird, dass so eine Entscheidung schon mal vorher gefallen ist.

Aber welche Rolle spielt eigentlich die Leipzig Tourismus und Marketing GmbH (LTM), auf die so viele schimpfen?

Sie gibt jedenfalls nicht die Themen des Lichtfests vor, sondern setzt um, was bislang Jürgen Meier sich so ausgedacht hat.

Deswegen sei die Petition eigentlich auch erledigt, stellt die Stadtverwaltung in ihrer Stellungnahme zur Petition fest.

„Aus Sicht der Stadtverwaltung kann die Petition als erledigt angesehen werden, da ihre Forderungen auf einen Status Quo basiert, der so nicht im Prozess umgesetzt wurde und perspektivisch auch nicht wird.

Die alljährliche Themensetzung erfolgt bisher durch die Initiative Herbst ’89, deren Mitglied LTM ist. Die Initiativgruppe berät über Ideen für ein Motto und übergibt diese zur Diskussion und Verdichtung an einen Think Tank aus exponierten Ideengebern und Multiplikatoren aus Bürgerbewegung, Politik, Gesellschaft, Kunst und Medien. Die Ergebnisse des Workshops werden zur abschließenden Entscheidung an die Initiativgruppe zurückgegeben und dort abschließend diskutiert.

Dies ist das Ergebnis eines im Protokoll vom 01.02.2016 festgelegten Arbeitsprozesses innerhalb der Initiative Herbst 89.“

Wenn das also so ein völlig überfrachtetes Themengemisch war, haben da sehr viele Köche im Workshop mit umgerührt und überzuckert. Und die Initiativgruppe hatte nicht den Mumm, das ungeklärte Ergebnis zurückzuschicken. Vielleicht traut man sich das einfach nicht mehr, nachdem man so oft miteinander Tee getrunken hat. Oder irgendjemand, der sowieso immer recht hat, hat gesagt: „,Ich.Die.Wir.‘ ist ein tolles Motto, das passt zu ‚Wir sind Leipziger!‘ Das nehmen wir.“ Und alle haben brav genickt und den Quatsch abgesegnet.

Augenscheinlich saß in dieser Gruppe niemand mehr, der sich an den blöden Spruch „Vom Ich zum Wir“ erinnerte. Wir sind ja alle Leipziger.

Nur Uwe Schwabe ist frühzeitig ausgetreten, weil er das dumme Gefühl hatte, dass hier irgendwer seine Schwerpunkte setzte und die Gruppe nicht mehr wirklich diskutierte. Und tatsächlich scheint die inhaltliche Schwerpunktsetzung nach 2014 weggewandert zu sein von der Initiativgruppe hin zu LTM.

Je mehr Gremien und Personen man einbezieht, umso unklarer wird natürlich, wer eigentlich für welchen Senf verantwortlich ist. Vielleicht der erwähnte „Think Tank aus exponierten Ideengebern und Multiplikatoren aus Bürgerbewegung, Politik, Gesellschaft, Kunst und Medien“.

Wenn es die üblichen Verdächtigen aus Gesellschaft und Medien waren, weiß man eigentlich, wer die Suppe verdorben hat. Und warum Jürgen Meier einigen Leuten partout nichts recht machen konnte.

Die Verantwortung ist ja nun mit dem Vorstoß des Stadtrates an ein anderes Gremium delegiert worden, wie auch die Stadtverwaltung betont: „Mit Beschluss des Stadtrates zur Vorlage 05678 Veranstaltungen zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution 9. Oktober 2019 obliegt die Verantwortung für die thematischen Schwerpunkte der Feierlichkeiten zur Friedlichen Revolution sowie der begleitenden Programme dem ‚Kuratorium Friedliche Revolution 1989‘. Die organisatorische Verantwortung für das Lichtfest trägt die Leipzig Tourismus und Marketing GmbH (LTM).“

Und weil damit ja zumindest aus Verwaltungssicht alles geklärt ist, hat der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages in seiner Bereinigungssitzung am 8. November schon mal eine Million Euro zur Finanzierung des Lichtfestes 2019 anlässlich des 30. Jubiläums der Friedlichen Revolution am 9. Oktober 1989 in Leipzig freigegeben. Die Gelder sind damit im Haushaltsplan des Bundestages festgeschrieben und werden der Organisation des Lichtfestes zugute kommen.

„Die dramatischen Ereignisse im Herbst 1989 bewegen uns noch heute. 70.000 Leipzigerinnen und Leipziger kamen am 9. Oktober 1989 zum Marsch über den Leipziger Innenstadtring zusammen, um für Freiheit und Demokratie zu demonstrieren und damit den Weg zum Mauerfall, für die Einheit Deutschlands und Europas zu bereiten.

Die Erinnerung daran halten die Leipzigerinnen und Leipziger jedes Jahr mit dem Friedensgebet, der Rede zur Demokratie und nicht zuletzt dem Lichtfest aufrecht. Ich freue mich, dass der Bundestag das denkwürdige 30. Jubiläum der Friedlichen Revolution nun mit einer Million Euro unterstützen wird“, sagte bei der Gelegenheit die Leipziger SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe.

„Eine aktive Erinnerungskultur ist wichtig. Denn unsere Demokratie ist nicht selbstverständlich. Wir müssen sie uns Tag um Tag erkämpfen und erhalten. Damals war es die diktatorische Staatsgewalt, die Freiheit und Demokratie unterdrückte. Heute sind es die Rechtpopulisten, die gegen Minderheiten hetzen und demokratische Grundsätze untergraben. Ihnen müssen wir uns entgegenstellen.“

Womit sie eigentlich den Kern dessen benennt, was beim Lichtfest erlebbar werden müsste: dass Demokratie jeden Tag erkämpft werden muss und immer in Gefahr ist. Und dass es Dinge in dieser Demokratie gibt, die man nicht verhandeln kann – Minderheitenrechte und verfassungsrechtliche Grundrechte.

Ob es das Kuratorium mit den inhaltlichen Vorgaben nun besser macht als die Initiativgruppe, bleibt abzuwarten.

Ein Gastbeitrag zu einem Lichtfest-Demontage-Artikel der LVZ

Lichtfest
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