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Philipp Bludovsky, FC Blau-Weiß Leipzig: „Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig“ ist das Motto der meisten Vereine

Von Philipp Bludovsky, FC Blau-Weiß Leipzig

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    WahlumfrageLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausg. 67Im Rahmen der Umfrage der LEIPZIGER ZEITUNG bei Initiativen, Vereinen und Verbänden in Leipzig geht es um die Wünsche engagierter Bürger an den kommenden Stadtrat. Nach der Kommunalwahl am 26. Mai 2019 werden 70 neue und bekannte Stadträtinnen die Geschicke unserer Stadt für weitere fünf Jahre bestimmen.

    Welche Auswirkungen hatte die Arbeit des aktuellen Stadtrates bislang auf Sie und die Tätigkeiten des FC Blau-Weiß?

    Die Fußballvereine in Leipzig hängen am Tropf der Stadt. Man kann grundsätzlich sagen, dass es ohne entsprechende Fördermittel keinen Fußball jenseits von RB, Lok, Chemie und Inter in der Messestadt geben würde. Niedrige Mitgliedsbeiträge, ein schwaches wirtschaftliches Umfeld und die sinkende Bereitschaft, Zeit und Geld für einen Verein zu opfern, machen den Freizeitfußballern schwer zu schaffen. Als ein wichtiger Grund für diese Situation können die verpachteten städtischen Sportflächen gelten. Jene sind in der Regel nicht nur größer als bei anderen Sportarten und folglich aufwendiger durch die Vereine zu bewirtschaften, sondern auch überwiegend verschlissen und einfach nicht mehr zeitgemäß.

    Pachtkostenzuschüsse und Mittel für den Schulsport sind hier, neben spärlichen Zuschüssen für kleinere Investitionen, die wichtigste Einnahmequelle. Jene öffentlichen Finanzhilfen sind aber so minimal angesetzt, dass eine Bewirtschaftung der Sportanlagen durch die Stadtverwaltung selbst nicht angestrebt wird, da hierfür kein Geld da ist. Die Vereine sind also bei Pflege und Entwicklung des städtischen Besitzes wissentlich unterfinanziert. „Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig“ ist daher das Motto der meisten Vereine.

    Anders als zum Beispiel bei den klassischen Hallensportarten können Fußballvereine sich nicht einfach für einen günstigen Zins irgendwo einmieten. Nein, man muss mit einem riesigen materiellen und bürokratischen Aufwand die Flächen bewirtschaften und Investitionen in Erhalt und Ausbau mit umfangreichen Eigenmitteln und persönlicher Haftung untermauern. Eine zukunftsorientierte Entwicklung ist unter den gegebenen Umständen faktisch nicht möglich. Selbst große und wirtschaftlich gesunde Vereine haben nicht hunderttausende Euro zur Verfügung, größere Investitionen in städtischen Besitz zu realisieren.

    Insofern hat der Stadtrat mit seinen Entscheidungen einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Breitensportfußballs. Im Sportstättenentwicklungsprogramm 2024 sowie im Nachtrag in 2018 sieht man ein langsames Erkennen der Probleme. Allein die Ausstattung der Anlagen mit Kunstrasengroßfeldern dürfte auch mit dem aktuell erhöhten Investitionsvolumen jedoch rund 40 Jahre dauern. Und dabei wurde noch kein Sozialtrakt gebaut, keine Rasenfläche saniert und keine bedarfsorientierte Schulsportanlage errichtet. Und wir reden hier lediglich über den Bestand und nicht über den eigentlich dringend notwendigen Neubau von Sportanlagen im wachsenden Leipzig.

    Was sind aus Ihrer Sicht die drei dringendsten Probleme, die der Stadtrat nach der Wahl angehen sollte?

    Der Breitensport und damit auch der Fußball haben in Leipzig keine Lobby. Das hat viele Ursachen. Eine davon ist sicher, dass die meisten Politiker lieber im zuschauerstarken Profisport oder in der Hochkultur verkehren. Dort kann man sich gut vernetzen und viele Wähler erreichen. Die Graswurzelarbeit im Breitensport wird zwar regelmäßig bei diversen Veranstaltung belobigt, um das soziale Gewissen zu beruhigen. Aber die Vereine stehen am Ende alleine mit ihren Problemen da. Die meisten haben schlicht keine Kraft mehr, überhaupt irgendwie noch eine Öffentlichkeit zu erzeugen und auf die eigentlich bekannten Missstände hinzuweisen.

    Der Stadtrat sollte daher folgende Probleme angehen:

    – Der Breitensportfußball als mitgliederstärkste Sportart und wichtige Sozialisationsinstanz, vor allem für Kinder und Jugendliche, hat keine Lobby in der Leipziger Stadtpolitik.

    – Die Infrastruktur entspricht nicht den heutigen Bedürfnissen, um die Leipziger zum lebenslangen Sporttreiben zu animieren.

    – Die Verwaltung arbeitet träge und trifft willkürliche Entscheidungen, je nach aktuellem Gusto und politischer Opportunität. Vereine sind dort lediglich Bittsteller.

    Welche Entscheidungen müsste der neue Stadtrat treffen, um diese Probleme lösen zu können?

    Der Stadtrat muss eine Strategie entwickeln, einerseits, wie die vorhandenen Mittel effizienter in den Breitensport(fußball) investiert werden können, andererseits notwendige neue Investitionsmittel politisch beschließen. Die Förderquote muss dringend auf 90 Prozent erhöht werden, um die Fußballvereine zu entlasten. Auch sollten nur noch Vereine finanziell zusätzlichen gefördert werden, die Ressourcen, z. B. durch Fusionen, bündeln, die über entwicklungsfähige, kompakte Anlagen verfügen, die in der Vergangenheit erheblich gewachsen sind sowie ihre Strukturen professionalisieren und sich nachweisbar sozial engagieren.

    Die besondere Förderung nachvollziehbar evaluierter „Leuchtturmvereine“ könnte ein erster Ansatz sein, knappe Mittel effizient einzusetzen, da die bisherige Gießkannenpolitik keine nachhaltige Wirkung zeigt. Der Stadtrat sollte gemeinsam mit den Vereinen ein Sportentwicklungskonzept als Richtschnur für die Zukunft ausarbeiten, um für jene einen Handlungsrahmen zu definieren. Schließlich leben in Leipzig 100.000 aktive Sportler, 80 Prozent davon wahlberechtigt.

    Die Überlegungen und Forderungen finden sich zunehmend unter l-iz.de/tag/umfrage

    Die bisherige Arbeit der Parteien in ihren Fraktionen im Stadtrat, Videos und Artikel finden sich unter l-iz.de/tag/stadtrat

    Der FC Blau Weiß Leipzig im Internet

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