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Erstaunliche Worte in der motorbootverliebten LVZ

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    Erstaunliche Worte gab es am Donnerstag, 23. Juli, in der LVZ zu lesen. Die Überschrift des Aufmachers für die Leipziger Lokalseite verriet es zwar noch nicht. Die lautete "Experte: Leipzig fehlt Boots-Kanal ins Neuseenland". Aber der besagte Experte nahm dann im Detail die Masterpläne für Leipzigs Gewässerträume gründlich auseinander.

    Der Experte ist Heiner Haass, Professor für Städtebau und Tourismusarchitektur an der Hochschule Anhalt. Eine einzigartige Professur. Und der Mann wird natürlich auch von anderen gefragt, wie Wassernutzung in Mitteldeutschland eigentlich funktionieren kann. Eigentlich wäre er auch die Instanz gewesen, bei der die Stadt Leipzig und die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Anhalt-Bitterfeld, Dessau und Wittenberg das „Wassertouristische Gesamtkonzept“ hätten in Auftrag geben können, das Leipzigs Bürgermeister Heiko Rosenthal Anfang des Jahres vorgestellt hat.

    Und das Haass schlichtweg für Murks und Käse erklärt, eine „strategielose Sammlung vieler Einzelheiten“, ein Gutachten, dem „die bootsfachliche, nautische und wassertouristische Kompetenz“ fehlt. Deswegen stünden die falschen Ziele und Schwerpunkte drin. Den Traum, der auch diesem“Gesamtkonzept“ zugrunde liegt, mehr Motorschifffahrt und Motoryachten in die Wasserregion Mitteldeutschland zu holen, hält Haass für „völlig unpassend“. Und er benannte den Dissenz, der zuletzt auch in der Diskussion um die „Charta Leipziger Neuseenland 2030“ wieder sichtbar wurde: Wenn die planenden Akteure aus dem Leipziger Gewässerverbund ihrer Träume von der Aufmotorisierung umsetzen, verdrängt es alle anderen nichtmotorisierten Nutzungsarten. Originalton LVZ: „Der Professor spricht sich grundsätzlich gegen solche Boote und hohe Motorisierungen auf den Gewässern in und um Leipzig aus, weil sie andere Nutzer – Surfer, Kanuten und Jollenfahrer – verdrängen.“

    Wer im Netz sucht, findet durchaus auch einen Professor Haass, der 1.000 Boote auf dem Goitzsche-See im Leipziger Nordraum für machbar hält. Die Goitzsche ist in etwa mit dem Zwenkauer See vergleichbar. Nur sprach Haas nicht von 320 Motorbooten, wie sie der Zwenkauer Bürgermeister Holger Schulz (CDU) auf dem Zwenkauer See mit seiner Mastergenehmigung fahren lassen möchte. Masse allein macht einen See nicht attraktiv. Die Mischung macht’s.

    „Verträglichkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit“, seien die Eckpunkte in den Berechnungen des Hochschullehrers, zitiert ihn die „Mitteldeutsche Zeitung“, das hätte letztlich ergeben, dass die Goitzsche durchaus 1.000 Boote pro Tag vertrage. 1.000 Boote? – Klar, wenn es die richtigen sind. Die „MZ“ dazu: „Für Heiner Haass und seine Mitstreiter liegt die Zukunft des Wassersports auf dem Goitzsche-See im nicht Motor betriebenen Bereich. Sicher, drei bis fünf Fahrgastschiffe, Rettungsboote, die Fischereiwirtschaft sollten auf Motorantrieb zurückgreifen. Der Schwerpunkt liege allerdings bei Surfbrettern, Segel- und Freizeitbooten.“

    Und im LVZ-Beitrag vom 23. Juli geht er auch darauf ein, wie unsinnig der Traum der Leipziger Akteure vom „Wassertourismus“ ist, eben jenem Wassertourismus, mit dem der motorisierte Ausbau des Gewässernetzes immer wieder begründet wurde. Was dabei gründlich auf der Strecke bleibe, seien die eigentlichen Nutzer der Gewässerlandschaft: die Bewohner der Region.

    „Das Konzept berücksichtige weder die alternde Gesellschaft noch die Bevölkerung vor Ort ausreichend“, schreibt die LVZ und zitiert Haass: „Die große Zahl von Urlaubern, die mit dem Boot kommen, wird es nie geben. Die Hauptkundschaft ist die regionale Bevölkerung.“

    Doch genau diese Hauptkundschaft wird mit den Motorisierungsplänen immer wieder vor den Kopf gestoßen. Was im Artikel anklingt, ist auch die Tatsache, dass die wichtigsten Gelder, die in den letzten Jahren ins Gewässernetz investiert wurden, allesamt in Anlagen gesteckt wurden, die vor allem dem Motorsport dienen. Der Beitrag benennt die Schleuse Connewitz, für 4 Millionen Euro gebaut und 2011 eröffnet. Für Kanuten überhaupt nicht notwendig. Denen hätte eine einfache Umtragemöglichkeit gereicht. Tatsächlich gebraucht wird die Schleuse für motorisierte Boote – von denen im Prinzip derzeit lediglich zwei RANA-Boote über die Schleuse fahren dürfen -mit Ausnahmegenehmigung. Eine Ausnahmegenehmigung, gegen die bei der Landesdirektion nach wie vor ein Widerspruch zur Prüfung vorliegt.

    Dasselbe gilt übrigens auch für die ebenso teure Schleuse Cospuden, beide Schleusen in dieser Dimension schlicht überflüssig, denn allein schon das Naturschutzgebiet südlicher Auenwald und die sensible Situation am Floßgraben werden dafür sorgen, dass es über diesen „Kurs 1“ keine Freigabe für (noch mehr) Motorboote geben wird. Haass spricht dabei das Thema an, über das die Planer des Gewässerverbundes sich nun schon seit Jahren ärgern: Sie hätten keine Bootsroute durch den Auenwald wählen dürfen, wenn sie Motorboote auf der Strecke haben wollen. Sie hätten eher die Trasse über das Elsterflutbett wählen müssen. Doch ob es für so einen Bypass jemals Fördergelder gibt, darf bezweifelt werden.

    Ob das Interview mit Haass nun freilich die Schwerpunktsetzung in der Berichterstattung der LVZ über die Motorbootprobleme im Neuseenland ändert, ist wohl offen. Wenn es passiert, könnte man vielleicht mal auf einen wirklich fundierten Dialog der Stadtgesellschaft über die Zukunft der Gewässerlandschaft hoffen. Es geht nicht um „Wassertourismus“ im Neuseenland. Alle Träume, auch noch die richtig teuren „Leuchttürme“ dafür zu bauen, sind rausgeschmissenes Steuergeld. Die Wasserlandschaft wird fast ausschließlich von den Leipzigern und den anderen Bewohnern der Region genutzt. Für sie müssen die Möglichkeiten zur Erholung und Freizeitbetätigung am, auf und im Wasser verbessert werden – samt den fehlenden Radwegen und sinnvollen ÖPNV-Verbindungen. Die Touristen kommen ganz von selbst, wenn sich erst mal die Neuseenländer in ihrem Neuseenland wohl fühlen.

    Doch die werden durch die dissonante Politik im Neuseenland immer wieder vor den Kopf gestoßen.

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