Berechtigte Nachfrage

Wo landet eigentlich das Quecksilber aus den Emissionen des Kohlekraftwerks Lippendorf?

Für alle LeserAm 8. Mai bekam Gerd Lippold, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag, eine Antwort vom Umweltministerium, die ihn nicht wirklich befriedigt haben dürfte. Es ging um Quecksilber und die Frage: Was wissen die Behörden über den Quecksilbereintrag in Böden und Gewässer? Immerhin ist Quecksilber ein Gift. Untersuchungen gab es. Das Ministerium hat ihm die zwei relevanten Berichte dazu mitgeliefert.

Schon im August 2017 hatte er kritisiert, wie leichtfertig die sächsische Staatsregierung mit den Quecksilberfrachten aus den sächsischen Kohlekraftwerken umgeht. Damals hatte sich Ministerpräsident Stanislaw Tillich(CDU) gegen eine Verschärfung der Grenzwerte bei den Quecksilber-Emissionen aus den Kohlekraftwerken ausgesprochen. Und das, obwohl deutsche Kohlekraftwerke noch mehr als doppelt so viel Quecksilber emittieren dürfen wie etwa die us-amerikanischen.

Ab 2019 dürfen sie die Belastung von 10 µg/Nm3 (Mikrogramm je Normkubikmeter) nicht mehr überschreiten. Was eigentlich ein Witz ist. Denn bei aktuellen Messungen kommen sie heute schon auf 1 bis 7 µg/Nm3. Und Fachleute gehen davon aus, dass der Wert unter 1 µg/Nm3 liegen sollte, um die Gesundheitsbelastung im Umfeld der Kohlekraftwerke zu verringern.

Völlig offen aber ist: Wohin gelangt das Quecksilber aus der Luft?

Bei den Berichten, die Dr. Gerd Lippold auf seine Anfrage hin bekam, handelt es sich einerseits um den Bericht der Ad-hoc-Arbeitsgruppe der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) mit dem Stand von 2016, der die Quecksilbereinträge in den größeren Flusssystemen der Bundesrepublik diskutiert. Als kleiner Absatz kommt darin auch der Bericht vor, den das Sächsische Umweltministerium in Auftrag gegeben hatte, um die Belastungen rund um das Kraftwerk Lippendorf zu ermitteln. Den gibt es also noch einmal extra.

Entwicklung der Quecksilber-Emissionen weltweit. Grafik: Bericht der Ad-hoc-AG LAWA

Entwicklung der Quecksilber-Emissionen weltweit. Grafik: Bericht der Ad-hoc-AG LAWA

Das Kraftwerk Lippendorf gehört zu den größten Quecksilber-Emittenten Deutschlands. Noch 2010 verfrachtete es über 1 Tonne Quecksilber in die Luft. Bis 2015 wurde der Wert durch Einbau neuer Filter auf 490 Kilogramm mehr als halbiert.

Dass Lippendorf damit immer noch zu den vier größten Quecksilber-Emittenten in Deutschland gehört, hat mit der stark quecksilberhaltigen Kohle im Leipziger Südraum zu tun.

Die Frage war also nur zu berechtigt: Was passiert mit diesen Quecksilberfrachten? Landen die nun in den Böden rund um Leipzig? Im Wasser? In den Fischen?

Die sächsische Untersuchung, die der LAWA-Bericht erwähnt, stammt aus dem Jahr 2012.

Ganz schön lange her. Damals beauftragte das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie die G.E.O.S. Ingenieurgesellschaft mbH aus Halle mit Probenentnahmen rund um das Kraftwerk Lippendorf.

Im LAWA-Bericht taucht das Ergebnis in zwei knappen Absätzen auf: „Außerdem wurden in Sachsen zur Verbesserung des Kenntnisstandes beispielhaft eine Ausbreitungsberechnung für Quecksilber und die Überprüfung der Ergebnisse durch die Bestimmung der Quecksilberbelastung in Wasser und Boden rund um die Emissionsquelle durchgeführt. Die Ergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden:

In den untersuchten Gewässern im Bereich der Ausbreitungsfahne des Braunkohle-Kraftwerks Lippendorf wurden – wie in vielen europäischen Gewässern – erhöhte Quecksilberkonzentrationen in Sedimenten und Biota gefunden. Die Werte waren jedoch im räumlichen Verteilungsmuster nicht so erhöht, wie dies in der Ausbreitungsfahne des Kraftwerks Lippendorf als aktuell größtem Quecksilberemittenten in der entsprechenden Region zu erwarten gewesen wäre. Es zeigte sich, dass der Beitrag regionaler Emissionsquellen an der Umweltbelastung mit Quecksilber im Vergleich mit der Summe aus Ferneinträgen (Deposition) und historischen Vorbelastungen im Boden sehr gering ist.“

Ist damit das Kohlekraftwerk aus der Schusslinie?

Nicht ganz. Denn der LAWA-Bericht belegt, dass das Quecksilber eben doch in die Flüsse gelangt. Nur wie – das wissen die Forscher noch immer nicht. Augenscheinlich wird es vor allem durch Regen- und Abwasser in die Kanalisation und letztlich in die Flüsse gespült – und zwar meist dort, wo Mischwasser (wie jüngst an der unteren Weißen Elster festgestellt) ungeklärt in die Flüsse fließt. Dass die Untere Weiße Elster stark mit Quecksilber belastet ist, ist also keine Überraschung.

Auch wenn der G.E.O.S.-Bericht mutmaßt: „Aus anderen Untersuchungen im Sediment der Weißen Elster gefundene hohe Belastungen sind aufgrund der geografischen Lage nicht dem Kraftwerk Lippendorf anzulasten, ggf. sind Quellen in Sachsen-Anhalt relevant (Leuna, Schkopau – stillgelegte Chloralkali-Elektrolyse).“

Dagegen spricht aber ein anderer Fakt, der den Leipzigern auch eher selten erzählt wird: Klärwerke, die erhöhte Quecksilber-Nachweise im Abwasser haben, müssen das melden. Und es überrascht nicht, wenn ausgerechnet das Klärwerk Rosental der Kommunalen Wasserwerke Leipzig Jahr für Jahr die höchsten Quecksilber-Nachweise aller deutschen Klärwerke meldet. Während andere Klärwerke, die einmal deutliche höhere Belastungen meldeten (so wie in München), längst sinkende Quecksilberfrachten haben, meldet das Rosental regelmäßig eine Quecksilberfracht von 8 Kilogramm im Jahr – ein deutlicher Hinweis darauf, dass über die Mischwasserkanäle fortwährend quecksilberbelastete Wässer eingeleitet werden.

Entwicklung der Quecksilber-Emissionen in Deutschland. Grafik: Bericht der Ad-hoc-AG LAWA

Entwicklung der Quecksilber-Emissionen in Deutschland. Grafik: Bericht der Ad-hoc-AG LAWA

Im Grunde legt der G.E.O.S.-Bericht die Vermutung nahe, dass das Quecksilber aus der Luft sich mit dem Staub wahrscheinlich oberflächlich ablagert – aber mit jedem Regen meist in die Kanalisation geschwemmt wird. Es reichert sich eher nicht in Böden und Flüssen an.

Außer in Flussauen, wo das Wasser langsamer fließt und die Schwebstoffe ablagert.

„Auenböden weisen im Vergleich zu terrestrischen Böden meist erhöhte Schadstoffgehalte auf. Die Ursachen hierfür sind mannigfaltig und von zahlreichen Faktoren abhängig“, heißt es im LAWA-Bericht. Und der Bericht legt auch die Vermutung nahe, dass diese Auensedimente in gewisser Weise auch die historische Luftbelastung abbilden:

„Lokal können aufgrund früherer spezifischer Emissionssituationen auch stark belastete Sedimente vorgefunden werden. Es wird davon ausgegangen, dass die historisch bedingten und ubiquitär vorzufindenden Quecksilberbelastungen in den Gewässersedimenten eine Hauptursache für die hohen Quecksilbergehalte in Biota sind. Lokal können auch stark belastete ‚Altsedimente‘ bedeutsam sein. Zum Teil sind hier noch Untersuchungen zur ‚Verortung‘ dieser Hot-Spot-Bereiche erforderlich.“

Der Bericht öffnet den Blick auch in die Vergangenheit und zeigt, wie gedankenlos die Menschen gerade im 19. Jahrhundert Quecksilber in die Luft bliesen. Damals trug nicht nur der massive Ausbau der Kohleverbrennung in Europa und Nordamerika zu einer gigantischen Quecksilberbelastung der Luft bei, sondern auch der „Goldrausch“ in den USA.

Seit 1900 sind diese Belastungen in Europa und den USA stark zurückgegangen. Der Smog verschwand nach und nach aus den Industrierevieren. Seit Mitte des Jahrhunderts haben dafür die Emissionen in Russland und Asien massiv zugenommen. Was sich eben auch in den dortigen Quecksilberemissionen zeigt.

Der LAWA-Bericht scheint zwar Entwarnung zu geben, man habe es wohl in Deutschland eher nur noch mit älteren Ablagerungen zu tun, die jetzt noch in die Flüsse gespült werden. Der Passus dazu:

„Aufgrund von Belastungen, die durch aktuelle oder frühere luftbürtige Deposition und aufgrund der früheren und ggf. auch der aktuellen landwirtschaftlichen Nutzung (zum Beispiel durch Düngung mit Klärschlamm) in den Böden vorliegen, kommt es weiterhin zu Einträgen in die Gewässer; dominierende Eintragspfade sind die Dränagen, der Grundwasser-Zufluss, Erosion und der Oberflächenabwasserabfluss.“

Aber da das G.E.O.S.-Institut in den Böden rund um Lippendorf kaum überhöhte Quecksilberwerte gefunden hat, dürfte das Thema Erosion als Verursacher eher ausfallen. Tatsächlich legen die Werte aus dem Klärwerk Rosental den Verdacht nahe, dass mit dem Staub abgelagertes Quecksilber rund um Leipzig weiterhin mit den Regenwassern in die Kanalisation gespült wird, dass das Quecksilber aus Lippendorf also im Abwasser landet. Ein Verbreitungsweg, der – wie der LAWA-Bericht nahelegt – überhaupt noch nicht untersucht wurde.

Die Weiße Elster ist ein Gift-und Dünger-Cocktail mit der Gewässer-Note 5

Kraftwerk LippendorfQuecksilber
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