Eine ellenlange Liste von geschützten Tier- und Pflanzenarten wurde im ehemaligen Steinbruch Holzberg bei Böhlitz nachgewiesen. Es ist eines der artenreichsten Biotope in der Region östlich von Eilenburg. Doch das Tiefbau- und Abbruchunternehmen KAFRIL hat 2017 das weit über die Sächsischen Landesgrenzen hinaus bekannte Natur- und Klettergebiet gekauft, um es in eine firmeneigene Deponie für Abfälle der Bauwirtschaft umzuwandeln. Jetzt hat es die Kletterer ausgesperrt. Die Bürgerinitiative Böhlitz ist hochgradig besorgt.

Obwohl seit langem bekannt ist, dass dieses Gebiet ein wertvoller Lebensraum für viele streng geschützte Tier- und Pflanzenarten ist, versucht das Unternehmen bis heute die Verbote des Naturschutzrechtes zu umgehen. Was da alles kreucht und fleucht rund um den zum Wasserbiotop gewordenen einstigen Steinbruch, hat 2019 der damalige sächsische Umweltminister Thomas Schmidt in einer Landtagsantwort aufgelistet.

Doch nach Einschätzung der Bürgerinitiative Böhlitz steckt KAFRIL freilich mit seinen Plänen am Holzberg in einer Sackgasse.

Die Bürgerinitiative Böhlitz hat seit ihrer Gründung im November 2018 darauf aufmerksam gemacht, dass der Holzberg aufgrund seiner einzigartigen Biotopstruktur und des daraus resultierenden Artenreichtums niemals mit Abfallprodukten der Bauwirtschaft verfüllt werden kann. Eine im Jahr 2018 auf wissenschaftlicher Grundlage durchgeführte mehrmonatige Untersuchung bestätigte diese Aussage und erbrachte den Nachweis von 47 Vogelarten, 10 Fledermausarten, 5 Amphibienarten, 5 Reptilienarten und 27 Tagfalterarten im Holzberg.

Hinzu kommt ein großer Artenreichtum bei Wildbienen und anderen Insektenarten, der bisher noch nicht vollständig erfasst werden konnte. Dieser Hotspot des Artenreichtums ist sowohl durch das Bundesnaturschutzgesetz, als auch durch die Sächsische und Europäische Naturschutzgesetzgebung umfassend geschützt.

„In Kenntnis dieser Situation hätte es der Fa. KAFRIL gut zu Gesicht gestanden, ihre völlig aus der Zeit gefallenen Planungen zur Verfüllung des Holzbergs, die zwangsläufig zur unwiederbringlichen Zerstörung eines für Mensch und Natur so wichtigen Ortes führen würden, zu den Akten zu legen. Stattdessen hat sie im Februar 2020 Anträge auf Ausnahme von den Verboten der Naturschutzgesetzgebung gestellt“, erklärt Gunter Winkler, Sprecher der Bürgerinitiative.

„Die Bürgerinitiative Böhlitz geht davon aus, dass diese Anträge nicht genehmigungsfähig sind. Mit dieser Auffassung steht sie in einer Reihe mit Naturschutzverbänden und namhaften Wissenschaftlern.“

Filmaufnahmen aus dem Holzberg

Den von der Firma KAFRIL immer wieder beschworenen Mangel an Schüttraum für Abfälle der Bauwirtschaft, der die Zerstörung der komplexen Biotopstrukturen des Holzbergs rechtfertigen soll, gebe es hingegen nicht, betont er.

„Preissteigerungen in der Abfallentsorgung, die vielfach auf höhere Qualitätsstandards zum Schutz der Umwelt zurückzuführen sind, hätte im Übrigen nicht die Fa. KAFRIL als Auftragnehmer, sondern in jedem Falle der jeweilige Auftraggeber zu tragen. Es gibt also in Wirklichkeit kein öffentliches Interesse an einer Verfüllung des Holzbergs zum Zwecke der Abfallentsorgung und die Fa. KAFRIL hat auch kein, wie auch immer geartetes Anrecht auf eine firmeneigene Deponie. Vielmehr ist es Aufgabe der öffentlichen Hand, an dafür geeigneten Plätzen Deponiestandorte auszuweisen und deshalb werden solche Deponien auch in Zukunft in ausreichendem Maße vorhanden sein.“

Dagegen gebe es ein außerordentlich hohes öffentliches Interesse am Schutz des Artenreichtums und der wertvollen Lebensräume für zahlreiche streng geschützte Arten wildlebender Tiere im Holzberg.

Hinzu komme, dass der Holzberg mit seinen über 40 Meter hohen Felswänden und über 100 Kletterrouten zu den beliebtesten Kletterzielen Mitteldeutschlands gehört und jährlich tausende Erholungssuchende anzieht.

Mit dem Bekanntwerden des großen Artenreichtuns im Holzberg haben sich auch Mitglieder des Deutschen Alpenvereins (DAV) Leipzig und anderer Klettersportverbände, wie z. B. die Interessengemeinschaft Klettern und Natur, in das breite Aktionsbündnis zur Rettung des Holzbergs eingebracht. Obwohl der Kletterszene durch Fa. KAFRIL angeboten wurde auch nach und während der Verfüllung der Biotopstrukturen weiterklettern zu dürfen, hat sich die Gemeinschaft der Kletterer klar zum Artenschutz und zum Erhalt der geschützten Biotopstrukturen bekannt.

Als echten Meilenstein sieht Winkler dabei das Positionspapier des Deutschen Alpenvereins vom 31. Januar 2020, in dem sich der Bundesvorstand des DAV, eines Verbandes mit mehr als einer Million Mitgliedern, eindeutig gegen eine Verfüllung des Holzbergs und für den freien Zugang zur Natur ausspricht.

Das Positionspapier des Deutschen Alpenvereins vom 31. Januar 2020.

Filmaufnahmen vom Klettern im Holzberg mit musikalischer Untermalung

https://www.youtube.com/watch?v=5IhOOhUvHgo

„Diese klare Position der Bergsportler zur Einhaltung der Naturschutzgesetze hat die Fa. KAFRIL bedauerlicherweise am 15. April 2020 dazu bewogen, die Nutzungsvereinbarung des Klettergebiets Holzberg mit der DAV Sektion Leipzig fristlos zu kündigen“, stellt Winkler fest.

„Aus Sicht der Bürgerinitiative ist das ein Rechtsbruch und ein unüberlegtes Handeln mit weitreichenden Folgen, denn die Gemeinschaft der Bergsportler hat sich keines Vergehens gegen die Interessen der Fa. KAFRIL schuldig gemacht. Ganz im Gegenteil – seit mehr als einem Jahr sind die Bergsportler maßgeblich an der Suche nach einem Alternativstandort für die Abfälle der Fa. KAFRIL beteiligt. Sie werden dabei durch den Landrat des Landkreises Leipzig, Henry Graichen, unterstützt, der eigens zu diesem Zweck im November 2019 eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen hat. In zahlreichen Gesprächen haben seither Vertreter der Bergsportverbände den Dialog mit der Geschäftsleitung der Fa. KAFRIL gesucht. Vergebens – denn der aktuelle Blick in den Holzberg zeigt tatsächlich eine Sackgasse.“

Die Sackgasse ist ein frisch aufgestellter Zaun, der den Zutritt zum Holzberg sogar unter „Lebensgefahr“ untersagt.

„Diese Sackgasse hat durchaus Symbolcharakter, denn sie macht anschaulich, dass sich die Fa. KAFRIL in Sachen Holzberg auf dem sprichwörtlichen Holzweg befindet“, stellt Gunter Winkler fest. „So bleibt der durch den DAV Leipzig vertretenen Kletterszene nur der Rechtsweg zur Beendigung der Aussperrung aus dem Holzberg.“

Die in Lossatal ansässige Firma KAFRIL ist eines der größten Abrissunternehmen in der Region Leipzig. Aber mit dem Kauf des ehemaligen Steinbruchs am Holzberg hat sie sich tatsächlich in eine ziemlich unlösbare Situation begeben.

„Man kann der Fa. KAFRIL nur eine umgehende Kurskorrektur in Sachen Holzberg wünschen. Noch ist es Zeit von einem Vorhaben abzurücken, das von Anfang an risikoreich und unkalkulierbar war“, mahnt Gunter Winkler.

„Noch kann die verhängnisvolle Spirale zu einem fatalen Fehlinvestment gestoppt werden. Noch kann erheblicher Imageschaden von einer Firma abgewendet werden, die bisher in gutem Ruf stand. Im Interesse einer einvernehmlichen Lösung haben sich bis jetzt sowohl Naturschützer, als auch Bergsportler mit offener Kritik zurückgehalten. Bisher wurde lediglich ein unsägliches Vorhaben kritisiert, nicht aber die dahinterstehende Firma. Noch sind die Wege für eine vernünftige Lösung offen.“

Update, 26. Juni: Am Donnerstag, 25. Juni, gab es am Amtsgericht Grimma eine Verhandlung über den Umgang der Fa. KAFRIL mit dem DAV. Die Verhandlung endete nach drei Stunden mit einem widerruflichen Vergleich, der beiden Parteien jetzt die Möglichkeit eröffnet, wieder ins Gespräch zu kommen und eine einvernehmliche Lösung zu finden. Ziel des DAV ist natürlich, wieder im Steinbruch klettern zu dürfen.

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KAFRIL hat gar keine naturschutzrechtliche Befreiung für den alten Steinbruch am Holzberg beantragt

KAFRIL hat gar keine naturschutzrechtliche Befreiung für den alten Steinbruch am Holzberg beantragt

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